Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1885-03-02 · Heft 3 (2.3.1885) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 3 (2.3.1885)
Date
1885-03-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3092672-3092673-3092676--0039-3092961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Selbst-Emancipation! Seite 11 Nr. 3. n. Das Augenübel des junges Maier wurde Dank der vortrefflichen Behandlung der Wiener Aerzte bald gehoben. Nach fünf Monaten bereits vermochte er ohne Anstrengung und ohne Schaden für seine Gesundheit zu lesen. Jetzt hieß es nach Hause fahren. Beklommenen Herzens bereitete sich der junge Hann für die Heimreise vor. Es war ihm, als weniger in's alte Joch der Sclaverei, dem er für einige Zeit entronnen, für ewig nun zuriickkehren müßte. Er hatte von den Schönheiten der Residenz so viel, wie nichts gesehen. Nur die Symetrie der Gebäude, der Reichthum in den Auslagen der Verkaufsläden, das rege Leben in den Straßen, waren ihm aufgefallen. So schob er von Tag zu Tag die Abreise auf. Endlich bestimmte er sich einen Endtermin. Da beschloß er vor der Abreise noch die Oper zu besuchen. Ec war nie in seinem Leben in einem Theater gewesen. Umsomehr war er auf die Vorstellung gespannt. Man hatte „IlTrovatore“ angekündigt. Eine berühmte italienische Sängerin sang als Gast die Rolle der Leonore. Zwei Stunden vor Beginn postirte sich Anschel beim Haupteingange und schaute unverwandt dem Treiben vor dem Hause auf der Ringstraße zu. Ein eigenthümliches Gefühl von Wehmuth beschlich sein Herz, als er sich so fremd und unbeachtet sah inmitten einer lebenslustigen, ab- und zuströmendeu Menge. Wagen um Wagen rollte heran, hohe Officiere, verführerisch geschmückte Damen, Leute, denen man es an ihren Bewegungen ansah, daß sie einen Theil ihres Lebens vor dem Spiegel zubrachlen, schritten ani einsame», in Träume versunkenen Anschel vorbei, um in's Haus zu treten. Endlich ging auch Anschel hinein. Der Lichtschimmer, der Glanz der Decorationen. die Farbenpracht der Gemälde, blendeten erst sei» Auge. Dazu eine unterhaltungslustige, auf's Kommende gespannte Menge; in den Logen schwarz gekleidete Herren, süß lächelnde Damen, die in ihren Toiletten von Gold und Edelsteinen strahlten, und eine von allerlei Düsten und Wohlgerüchen erfüllte Athmosphäre. Anschel's unaussprechliches Bangen steigerte sich noch mehr. Düstere Erinnerungen beschlichen sein Herz. Unwillkürlich verglich er die Klause seiner Heimatstadt, wo er seine Jugend im Studiren und Grübeln verbracht, die niedrigen, engen Wohnstuben seiner Eltern mit diesem Prachtbau, in dem er sich jetzt befand. Und all' die — in schrecklicher Negation eines jeden Vergnügens innerhalb der Schranken der Orthodoxen zugebrachten Jahre standen ihm lebhaft vor Augen, und all' dies starre, allem Sinnlichen entsagende Streben eines ganzen Volkes kam ihm mit einem Male zum Bewußtsein und er hatte ein Gefühl schrecklicher Bitterkeit und unendlicher Wehmuth zugleich. Aus seinen Träumen weckte ihn das Stimmen der Instrumente im Orchester; er blickte wieder um sich und bemerkte, daß sich von einigen Seiten Lorgnetten auf ihn richteten. Jetzt wurde er erst gewahr, daß er mit seiner fremdländischen Tracht und Frisur die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Das war allenfalls nicht geeignet, seine Stimmung zu heben. Aber schon ging der Vorhang in die Höhe, die Vorstellung begann und Anschel mußte auf alles vergessen. Es ist unmöglich, die Gefühle zu schildern, die sich seiner während des Spieles bemächtigten. Er fand, was ihm nicht einmal im Traume vorgeschwebt, es schien ihm irgend ein Märchen aus Tausend und eine Nacht werde lebendig, die alte, goldene Zeit der Feen und dienstbaren Geister sei wieder zurückgekehrt und Zauber, hundertfacher, tauseirdfältiger Zauber umgebe ihn allseits. Die Pracht der Decorationen umnebelte sein Auge, die süßen, einschmeichelnden Töite berauschten sein Ohr, die schreckliche Tragödie der Liebe zerriß sein Gemüth er. schaute unverwandt, er lauschte Ton für Ton und sein Herz erbebte bei jedem stärkeren Affecte der Darsteller auf der Bühne. Als das Stück zu Ende ging, blieb er wie festgebannt eine Weile sitzen. Die Leute um ihn gingen frohen Muthes nach Hause, als wenu sie sich just einen Fastnachtsscherz angesehen hätten. Viele von jenen reizenden Damen in den Logen waren schon längst vor Schluß der Vorstellung verschwuirden — die Herren machten „Gloffen" über die Sängerinnen und stießen einander, ungeduldig nach dem Ausgange strebend; nur Anschel schaute bangend vor sich hin nach der Bühne, wo ihm eine solche Fülle von Kunst offenbart wurde, nach den leeren Logen, deren Gäste so glücklich waren, ohne jeden tieferen Eindruck das Haus verlassen zu können, nach den Ausgängen, an denen sich die Menge staute, vom Verlangen beseelt, je früher, je lieber in's Freie zu kommen. Endlich raffte er sich auf und folgte den Anderen. Eines aber hatte diese Vorstellung zur Folge, das Verlangen, in Wien zu bleiben, alle diese Schätze eines ganz neuen Lebens vollauf genießen zu können, bestürmte sein Herz stärker denn je. Er wollte brechen, ganz brechen mit einer Vergangenheit, die für jeden Genuß nur mit Spielen der Phantasie, mit der Zufriedenstellung der Eitelkeit und Ruhmsucht eines Talmudkenners, mit Hoffnungen auf überirdisches Glück entschädigte. Eine tiefe Abscheu ergriff ihn vor der so laut und vor aller Welt gepredigten Ascetik seiner Glaubensgenossen, er fühlte mit einem Male, wie viel Triebe in ihm verkümmert, wie viel fruchtbringende Gedanken in ihm von Irrwahn, Intoleranz und Einseitig, keit verschlungen worden waren. Und so ward er mit sich eins und beschloß, sich in das volle Leben zu stürzen, wie es sich vor ihm heute kundgab. Nach kurzer Ueberlegung schrieb er der Mutter, daß er einen Posten in Wien antrete und deshalb da verbleibe. Die Mutter war nach einigen Schwierigkeiten dazu zu bewegen und so stand Anschel nicht mehr im Wege, als eben das Auffinden einer Beschäftigung, von der er, als bereits gefundenen, der Mutter schrieb. Auch das kam. Anschel trat als Corrector in eine hebräische Druckerei. Hier machte er die Bekanntschaft eines Studirenüen der Philosophie, der ein großes Interesse an Anschel fand, ihn regelrecht unterwies und nach Jahr und Tag ihm ein Wissen beibrachte, das ihn zur Frequenz einer Universität befähigte. Viel kam da Anschel zu statten, was er Jahre hindurch vorher, allein, ohne Leitung bunt durcheinander stuoirt und gelesen hatte. (Fortsetzung folgt.) Wiscel'l'en. (Rennniscenzeu-' aus der Bibel.) „Jakob küßte Rachel und erhob seine Stimme und weinte." So steht es, wie männiglich bekannt, wörtlich in der Bibel zu lesen. Warum weinte aber Jakob, als ec Rachel küßte? Auf diese Frage hat man folgende Antworten gefunden: 1. Weil er ein Narr war und nicht wußte, was gut ist; 2. weil Rachel ihn nicht zurückküßte; 3. weil Rachel drohte, sie werde e» ihrer Mutter sagen; 4. weil Rachel ihm eine Ohrfeige versetzte; 5. weil sich bei ihm die naturgemäßen Folgen des Vergnügens, der Freude und des Glückes geltend machte»; 6. weil Rachel ihm nicht gestattete, sie nochmals zu küssen; 7. weil er Rachel nicht schon frühe, geküßt hatte und es ihm um die verlorene Zeit leid that; 8. weil sie ihn a»fford''rte, ihr noch einen Kuß zu geben und er sich in seiner Schüchternheit nicht getraute, ihrem Verlangen zu entsprechen; 9. weil es nur eine Rachel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.