Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 3 (2.3.1885)
- Date
- 1885-03-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbst-Emancipation! Nr. 3. Auge und wenn er in seinen Gedanken zu einem Resultate gekommen war, so sprach er es aus und fand an Harry und Jsmene aufmerksame Zu Hörer/Namentlich letztere war es, die bewundernd seine scharf und durchdringend entwickelten Pläne anhörte. Wenn sie dann auf seine Ausführungen einging, ihm mitdenken half, ihren garlzen Geist und all' ihr Gefühl vor ihm entfaltete, da war wieder die Reihe des Bewnnderns an ihm und stets tauchte dann in seiner Seele die Frage auf: „Warum ist sie keine Jüdin?" So sehr auch die Reise durch dieses, den Stempel des hoheitsvollen Ernstes tragende Land nachdenklich stimmen mußte, kam doch bei so manchen erheiternden Zwischenfällen der jugendliche Frohsinn der Reisenden zur Geltung. Wie kindlich und munter sie dann lachen konnte, dieselbe Jsmene, die soeben so ernste, geist- und gemüthvolle Gespräche geführt hatte! Simson konnte sich nicht erinnern, je in seinem Leben so angenehme Stunden verbracht zu haben, als auf dieser mühseligen Reise an der Seite dieses unvergleichlichen Mädchens. Man besuchte die Colonien, welche russische und rumänische Juden vor Kurzem erst gegründet hatten und da war es, wo auch Simson, der Man» des prüfende-' Verstandes, der schwärmerische Gefühle nicht kannte, von dem Eindrücke der hier stille sich vorbereitenden Auferstehung eines erstorben geglaubten Volkes überwältig! wurde. Wenn er sah, wie diese Männer, die schwächlich und zaghaft aus dem Norden und Westen gekommen waren und in'der kurzen Zeit zu kräftigen, markigen Gestalten erstarkt waren, auf dem Felde arbeiteten, wenn er sah, wie sie des Mittags und Abends mit schwieligen Händen in ihre netten Bauernhäuser zurückkamen, wenn er sah, wie auch hier der Bildnngstrieb im jüdische» Volke waltete, indem sich in diesen Bauerncolonien bereits Schulen erhoben, da pochte sein Herz von unsagbarem Wonnegefühl, da hörte sein Denken auf und er — fühlte. Und wie das Gefühl in diesen Verstandesmenschrn Eingang gefunden hatte, so zog es immer weitere Kreise — er dachte nicht blos mehr über das englische Mädchen, er fühlte bereits für sie. Jsmene griff überall ein, wo zu helfen war und es gab eben auch viel zu helfen. Sie unterstützte mit offenen Händen in der herzlichsten und bezauberndsten Weise. Sie erschien den jüdischen Bauern wie ein rettender Engel, wo sie hinkam, erregte sie Begeisterung, von wo sie wegging, folgten ihr Segenswünsche. R* L* war die letzte der Colonien, die besucht wurde. Es war Abends, als die kleine Reisegesellschaft im Orte ankam. Simson fand die ehrenvollste Aufnahme und das englische Geschwisterpaar, das zu helfen und nicht aus Neugier gekommen war, wurde mit Zuvorkommenheit und Hochachtung behandelt. „Ihr seht mißgestimmt aus," bemerkte Simson zu dem Vorstände des Dorfes. „Ist Euch etwas Unangenehmes paffirt?" „Sie haben es errathen: wir sind hier eine kleine Gemeinde, Jeder kennt den Anderen, nimmt Antheil an Anderen und so sind wir auch heute betrübt, da der Tod einem unserer Brüder sein treues Weib, die Mutter seiner Kinder, zu entreißen droht." „Führen Sie mich zu der Frau," antwortete Simson rasch, „ich bin Arzt, vielleicht läßt sich noch helfen!" „Kommen Sie, doch ich glaube, es ist vergebens, ich bin bereits alt und kenne das. Sie hat die Lungenschwindsucht." Simson ging in das jammererfüllte Haus. Jsmene begleitete ihn. Es schnitt ihr in die Seele, als sie den Mann der Kranken thränenlos vor sich hinbrüten sah und die Kinder laut schluchzen hörte. Sie harrte gespannt der Entscheidung aus SimsypH Munde. Dieser hatte das kranke Weib'blos angesehen und erkannt, daß hier irdische Hilfe vergebens sei. „Nur wenige Minuten noch hat sie zu leben," flüsterte er dem Vorstande zu, der an seiner Seite stand. Jsmene hörte es und weinte leise. Die Sterbende richtete sich plötzlich auf, ihre Augen blickten klar und verständig, sie nahm rührenden Abschied von Mann und Kindern; da fiel ihr Blick auf Jsmene. Sie beugte sich hastig vor, ihre Augen glänzten, über das eingefallene, vom nahenden Tode bereits überschattete Gesicht strich eine Röthe ber' Erregung. „Sorele, Sorele!" rief sie nach Jsmenens Hand greifend. Simson und alle Anwesenden hatten mit wachsendem Staunen diesen Vorgang verfolgt. „Bin ich denn schon im Jenseits, daß ich Dich sehe, die Du schon vor zwanzig Jahren gestorben bist, — Sorele — meine — gute — Freundin — Sorele?" fuhr die Kranke mit immer schwächer werdender Stimme fort, „Sorele — Sorele!" „Welche Sorele?" rief Simson mit ein:r Erregung, deren der ruhige Mann bisher nicht fähig gewesen war. „Um Himmelswillen, „von welcher Sorele sprechen Sic?" „Von — So — re — le Ra — a — a —“ sie machte Anstrengungen, weiter zu sprechen, aber sie konnte nicht mehr. Im nächsten Augenblicke war sie aus der Reihe der Lebenden geschieden. (Fortsetzung folgt.) Gin (Arncrnerxrrter. Skizze von Mardochai. (Fortsetzung.) Es gab eine ganz draniatische Auseinandersetzung, in deren Verlauf Anschel für alle Wohlthaten, die ihm Gliner erwies, schönstens dankte, seine Tochter jeden Augenblick befreien zu wollen erklärte und die schließlich damit endigte, daß man einen Tag festsetzte, wo die ganze Sache vor dem Ortsrabbiner ihren Abschluß finden werde. Gleichgiltig willigte Anschel in die Trennung der Ehe — sie war kinderlos geblieben — nichts fesselte ihn an die Frau. Er ging mit seinen geringen Habseligkeiten, einigen Kleidern und einigen Büchern, in's Haus seiner Eltern zurück. Hier hatte er Anfangs einen schweren Stand. Doch gegenüber dem Vater wußte er sich mit einigen dialectischen Kunstgriffen zu vertheidigen, deren Erinnerung ihm noch aus der alten Schule lebendig blieb und der Mutter genügte der blasse Gcsichtsausdruck des Sohnes — sein etwas scheues Benehmen und sein Augenübel, um alle anderen Gedanken in den Hintergrund zu drängen. Anschel hatte eben das 21. Jahr vollendet. Seine Augenkrankheit nahm solche Dimensionen an, daß die Aerzte Grund hatten, eine Erblindung zu befürchten. Ueberdies traf ihn ein harter Schlag. — Sein Vater starb. — Zum Augenübel gesellte sich nun bei Anschel in Folge von Kränkung und Anstrengung ein Brustleiden. Es schien, als müßte er unterliegen. — Aber die Kraft seiner Jugend überwand die sich ankündigende neue Krankheit — und halb hergestellt unternahm nun Anschel eine Reise nach Wien, um wegen seiner Augen die dortigen Professoren zu consultiren. Schweren Herzens nahm die Mutter von ihm Abschied. Sie fürchtete, den Sohn nimmer wieder zu