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Selbst-Emancipation · 1885-03-02 · Heft 3 (2.3.1885) · p. Seite 9

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 3 (2.3.1885)
Date
1885-03-02
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3. S e l b st - E m a n c i P a t i o n! Seite 9. R^e h e m i a Berne r. (Fortsetzung.) „Was ist A ch t u n g," begann Benjamin mit bewegter Stimme, „gegen das große, herrliche Gefühl der Liebe? — Verzeihen Sie, Fräulein Betty, ich kann nimmer in mir halten, was schon so lange in meinem Herzen tobt und nach Aeußerung drängt: Ich liebe Sic, liebe Sie so innig und zärtlich, liebe Sie vom Momente an, da ich Sie kennen lernte. Ich will aufrichtig sein: Als ich Sie vor einem halben Jahre zum ersten Male sah, befand ich mich eben in einer zerfahrenen Stimmung: Eine tolle Leidenschaft für ein schönes, aber wie man sagt, herzlich albernes und weidlich herzloses Mädchen, das ich nur gesehen, nie gesprochen hatte, zerrüttete mich. Sie, Fräulein Betty, waren es, die mich allmälig dem Taumel dieses entehrenden Sinnesrausches entriß, die mich die Liebe in ihrer edlen und wahren Gestalt kennen lehrte, jene Liebe, die eine wundervolle Mischung ist aus Schönheitssinn, Achtung und Anbetung. Diese Liebe zu Ihnen erfüllt mich ganz und wird nur mit meinem Leben schwinden; sie hat in mir die quälende Sednsncht nach Ihrem Besitze geweckt. Wollen Sie die Meine werden, Fräulein Betty? Sagen Sie es doch, lassen Sie mich die süßeste aller Kunden oder das Herbste aller Urtheile hören!" Der junge Mann hatte mit steigender Wärme gesprochen; bei den letzten Worten hatte er die Hand des Mädchens, das wie sinnend auf die ruhende Maschine binabblickte, ergriffen. — Er fühlte, wie sie ihre kleine Hand sanft aus der seinen zu ziehen versuchte. . „Ich ahnte es ja," sagte er bitter und ließ sie los. „Vergeben Sie mir," begann Betty leise, „wenn ich Ihnen wehe thun muß. Herr Rafaelowitsch. Sie bieten mir Ihre Hand an; ich gestehe, daß mich Ihr Antrag mit Stolz erfüllt und dennoch kann ich Ihnen nicht die Antwort ertheilen, welche Sie zufriedenstellen kann: Da ich Sie hochachte und auch meine Eltern Sie schätzen und gewiß gerne Schwiegersohn nennen würden, andererseits aber mein Herz ganz frei ist, so könnte ich mit einem gewissen G l e i ch m u t h e zu Jhreni Anträge j a sagen, ich würde Ihnen zwar keine liebende, aber eine treue, pflichtbewußte Gattin werden. Doch kann Pflichterfüllung Ihre liebe begehrende Feuerseele befriedigen, kann sich Ihr Stolz mit dem Besitze einer Frau begnügen, die Sie zwar lieben, von der Sie jedoch nicht geliebt werden? — Wenn Sie auf Ihrem Wunsch bestehen, dann machen Sie s i ch unglücklich und vielleicht auch — mich." Benjamin Rafaelowitsch war von dem Mädchen weggetreten. „Sie haben mich überzeugt, Fräulein," sagte er kurz, in einem Tone, der fest sein wollte, aber sich anhörte, wie das Aufstöhnen des tödtlich getroffenen Wildes. Lautlose Stille herrschte einige Minuten. — Da ertönten Schritte im Vorzimmer. Betty's Bruder, Louis, trat ein. Er kam eben recht, um der Verlegenheit der beiden jungen Leute ein Ende zu machen. „Na, da trifft mau Dich ja, Brüderchen," rief der Eintretendr. „Hältst gewiß der Betty einen Vortrag über irgend ein philosophisches Thema! — Da bedauere ich sehr, Betty, Dir den Herrn Vortragenden inmitten seiner anregenden Ausführungen entreißen zu müssen, — denn Benjamin Du wirst die Güte haben," fügte er in ernst werdendem Tone hinzu, „mit mir einen Weg zu machen, der von außerordentlicher Wichtigkeit ist und keinen Aufschub duldet." Benjamin nickte qleichgiltig mit dem Kopfe; er war froh, sich entfernen zu können. Noch einmal sah er ihr mit der ganzen Innigkeit der Liebe in die großen, schwarzen Augen — ein kurzer Abschiedsgruß und die juugen Leute verließen die Wohnung. Hl. „Zwar gehöre ich dem Geschlechte an, das man das schwache nennt, aber ich fühle Mannesmuth und M a n n e s t h a tkraft in mir; zwar zähle ich nicht zu Eurem Volke, aber ich bin bereit, mein Leben für dasselbe hinzugeben." Diese Worte, von Jsmene Hartly, die in ihrer Erregung doppelt schön war. gesprochen, rissen die Männer, welche in Simson's Wohnung versammelt waren, zum höchsten Grade der Bewunderung hin. Ein Sturm der begeistertste» Zurufe brauste durch den Raum. Ueber Simsons Stirne fuhr eS wie eine leichte Verdüsterung, er sah sie an, sah die enthusiastische Menge, prüfte den Eindruck, den das fremde Mädchen auf ihn selbst gemacht — und war beunruhigt. Er erhob sich und klingelte. Es wurde stille. „So haben wir denn," begann er, „unsere Arbeit wieder unter einander getheilt. — Ihr, College» aus Charkow, geht in die neuen Colonien ab; Ihr werdet die Hörsäle der Universität mit den ländlichen Fluren, Bücher nnd Feder mit Pflug und Sichet vertauschen; Ihr werdet gut machen, was Ihr durch Eure frühere Entfremdung von Eurem Volke gefehlt habt; Ihr sollt wieder Brüder sein Euren Brüdern, sollt sie mit Hilfe Eurer höheren Intelligenz zu zukunftsbedachtem Streben aneifern. — Ihr, Stammesbrüder aus Rußland und Rumänien, werdet auf die Verbreitung des Colonisationsgcdankens in Eurer Heimat eifrig bedacht sein. — Ihr, wenigen Männer aus dem Westen Europa?, werdet dort dem verderblichen Einflüsse derjenigen entgegenwirken, die das eigene Volk vernichten wollen. Sie, gnädiges Fräulein nnd weither Herr, denen wir für die uns versprochene Mithilfe nicht genug danken können, haben es auf sich genommen, unter Ihren Glaubensgenossen Sympathien für unsere Sache zu erwecken. — Nachdem wir uns nun hier gegenseitig ausgesprochen haben und ein Jeder von uns seiner Aufgabe sich bewußt ist, können wir wieder auseinandergehen, in der schönen Hoffnung, bei einem baldigen Wiedersehen unserem erhabenen Ziele wieder um einen Schritt näher gekommen zu sein." Lebhafte Zustimmungsrufe erfolgten, dann löste sich die Versammlung auf. Herrlicher Himmel des Südens — dessen tiefblaue Pracht das nebelgewohnte Kind des Nordens nicht genug bewundern kann, an dessen Azurrundung seine Blicke gespannt hangen, als wäre dort die Lösung der Räthsel, die der menschliche Geist vergebens zu ergründen sucht, zu finden — Du wölbst Dich über ein verödetes Land! — Harry und Jsmene Hartly bereisten das Land, Simson begleitete sie. Ueberall ein Bild der Verwilderuug und doch welch' reizvolle Abwechslung der Scenerie! Jsmene gab sich ganz den Eindrücken hin, welche die Großartigkeit der Natur in ihr hervorrief. Auch Simson sah den lachenden Himmel, die versandeten Fluren mit den kleinen Palmenoasen, die romantisch zerklüfteten Gebirgszüge, die spärlich des Weges kommenden malerischen Gestalten der Drusen und Araber, aber er sah nicht nur das, er sah auch weit zurück in die Vergangenheit; er iah ein stolzes, kräftiges Volk, gewaltig groß und erhaben iu Allem, was es schuf, dieses großartige Land bewohnen. Doch, er hielt sich bei den Vergleichen zwischen Einst und Jetzt nicht lange auf, er war nicht der Mann der thaten» losen Klage; ruhig und besonnen faßte er die Zukunft in'S

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