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Selbst-Emancipation · 1885-03-02 · Heft 3 (2.3.1885) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 3 (2.3.1885)
Date
1885-03-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Selbst-Emaucipation! Nr. 3. bejubeln sie irgend einen Virtuosen oder dgl., obwohl er ihnen spöttisch in's Gesicht lacht, laffen aber den jüdischen Schriftsteller verhungern; dort lallen sie in der überfüllten Synagoge ein polnisches Nationallied in einem nervös machenden Polnisch, lächeln aber verächtlich, wenn sie einen hebräischen Buchstaben sehen. — Fürwahr, ein wechselvoller Anblick, dieser Aufzug von deutschen, polnischen, ungarischen, böhmischen und russischen Masken! Doch lasse» wir die assimilatorischen Maskenmän ner ihre Wege gehen; wenn sie nicht selbst ihre Larven ablegen werden, so werden ihre christlichen Nationsgenossen schon dafür sorgen, daß sie ihnen abgerisien werden. Es wird aufhören, wenn wir nur wollen." Das beispiellos in der Geschichte dastehende Elend unseres Volkes, das unerbittlich uns verfolgende Ungemach, der Fluch, nirgends geliebt, überall gehaßt, verachtet, verfolgt zu werden, all' das wird schwinden, wenn w i r nur wollen! Das verstehen wir so: Wenn wir trachten, uns auf eigene Füße zu stellen, nicht von freinden Brocken leben, die inarl uns blos mit Widerwillen hinwirft, wenn wir darauf hinarbeiten, ein geeinigt Volk zu werden, das nicht mehr seine Kräfte zersplittert, wenn wir in uns selbst die moralische Kraft finden, um den Kauipf mit widrigen Verhältnissen aufzuurhmen, dann können wir hoffen, daß eine Zeit kommen werde, wo der Judenhaß in der specifischen Gestalt, in der er seit Jahrtausenden lebt, aufhören wird. Wenn wir Juden sein wollen ohne Zusatz, dann können wir hoffe», daß wir noch Tage erleben tverden, wo zwar nicht jeder Haß gegen uns schweigen wird — wie wenig bedeutet übrigens der Haß zwischen gleich günstig gestellten Völkern — wo wir aber anfhören werden, die Aschenbrödel- Rolle unter den Völkern zu spielen. , „Es wird aushören, wenn.wir nur wollen." Das muß der Optiniismus sein, dem wir huldigett sollen, das muß der Gedanke sein, der uns am Purim beseelen soll. Unser Wunsch darf nicht blos sein, daß auch unseren heutigen Antisemitismus ein Purim ereile, unsere Sorge Aus brr „finlrttimg in die Gesetzgebung des Walmnds". Von Dr. Israel Michel Rabbinowicz. . Die Beziehungen der Juden zu den Heiden. Bekanntlich gibt es im Thalmud Stelle,:, die durch ihre Toleranz bewundernswerth sind; man findet aber auch andere darin, welche eine feindliche Tendenz anzudeuten scheinen, und deren sich unsere Feinde in der Absicht, uns anzugreifen, bedienen. Die Freunde des Judenthums vertheidigen sich, indem sie diese Stellen mit Stillschweigen übergehen und sich auf die ersteren stützen, oder sie suchen auch mildernde Umstände in den häufigen Verfolgungen, die unsere Voreltern verbittert hatten. Andere vertheidigen sich, behauptend, daß man nur die Stellen, welche von Toleranz und Mildthätigreit gegen die Menschen aller Cnlte handeln und dem biblischen und thalmudischen Geiste entsprechen, berücksichtigen dürfe, und nicht die widersprechenden, achtzehnhundert Jahre alten Stellen, deren Sinn wir nicht begreifen und deren Anlaß und die Umstände, unter welchen sie gesprochen wurden, uns unbekannt sind. Auch im neuen Testamente gibt es Stellen, wo ganze Städte verflucht (Math. XI, 21, 23), und wo den Heiden die zur Heilung ihrer Kinder erforderlichen Mittel verweigert werden, indem diese ausschließlich für die Juden, welche Jesus die Kinder des Hauses nennt, während die Heiden als Hunde angesehen werden, Vorbehalten werden sollen (Math. XV, 26; Marc. VH, 27). „Sündiget aber dein Bruder an dir, ... so halte ihn als einen Heiden" (Math. XVm. 15—17). Die Christen sagen aber mit'Recht: Wir übermuß es vielmehr sein, die Grundbedingung jedes Antisemitismus, d. i. unsere nationale Ohnmacht zu beheben. X.y. Der weg zum Ziele. Daß wir anfhören müssen, noch weiterhin geduldig die Fessel der Entwürdigung zu ertragen, an die uns ein trauriges Schicksal geschmiedet, "daß wir dieses eiserne Bänd sprengen müsse» durch das Anwachsenlassen unseres Selbstgefühles, daß wir den Weg der Selbstrettung betreten müssen, wenn wir überhaupt gerettet sein wollen, alles das drängt sich unserem Verstände und unserem Gefühle mit überzeugender Klarheit auf. Aber wie Vorgehen? Welche sind die Mittel, durch die wir unser Ziel erreichen sollen, welche die p r a ktischen Maßnahmen, die wir treffen müssen, um ein Wiedererstehen unseres Volkes herbeizuführen? Die Mittel, welche zum Ziele führen sollen, wurden schon in der ersten Nummer unseres Blattes angegeben: Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur, Verbreitung der Kenntniß der hebräischen Sprache, Förderung des Colonisalionsgedankens, dem ein Mann, wie Moses Moatefiore fast sein ganzes Leben geweiht, endlich Ausmerzung jener Mängel, die unleugbar an uns haften. — Aber die Art, wie wir die Sache praktisch anzufassen haben, um jeden dieser Programmpunkte seiner Verwirklichung entgegenzuführen, das ist es, worüber wir jetzt des Näheren uns verbreiten wollen. Vor Allem sei unser Princip : Verbündung! Die Kraft des Einzelnen erlahmt bald, seine Ausdauer ist nicht stark genug..um alle Hemmnisse zu überwinden. Dagegen, wo ine Thätigkeit Mehrerer ineinander greift, wo sich ihre Fähigkeiten ergänzen, wo die Fehler der Einen durch die Vorzüge der Anderen behoben werden, wo dem Individuum als solchem die Arbeit erleichtert wird, da ist ein Erfolg eher zu erwarten. Sollen die Pflege unserer Volksgeschichte, die Verbreitung der hebräischen Sprachkenntniß, die Föroerung des Colonisationsgedankens, - die Tilgung unserer Schwächen nicht blos fromme Wünsche bleiben. lassen den Theologen die Aufgabe, diese Ausdrücke der Intoleranz zu interpretire», und nehme andere» von Menschenliebe erfüllte Stellen als nachzuahmende Vorbilder. Die Vertheidiger des Judenthums sagen dasselbe vom Thalmud: Wir kennen die Umstände nicht, unter welchen jedes Wort gesprochen worden ist, und nehmen als nachahmungswerthe Vorbilder nur die von der iunigsten Menschenliebe erfüllte» Sentenzen, die auf alle Menschen und unter allen Umständen anwendbar sind. Was mich anbelangt, so habe ich in meiner Legislation du Thalmud keine Auswahl unter gewissen Stellen getroffen; ich suche vielmehr alle ohne Ausnahme zu erklären. Man wird zunächst sehen, wie die Ansichten beschaffen waren, welche die Gelehrten des Thalmuds und die gleichzeitig mit ihnen lebenden Israeliten gegen ihre heidnischen Nachbarn hegten, und wie ihre Beziehungen zu den Nichtjuden beschaffen waren. Ferner wird man sehen, welches die Gesetze waren, die der Thalmnd in Betreff der Heiden aufstellt. Endlich wird man eine neue Auslegung der Stellen finden, welche der Intoleranz bezichtigt werden. Sehen wir zuerst wie die Gesinnungen der Juden gegen ihre heidnischen Nachbarn waren. Eine Beraitha sagt: „Rabbi Akiba pflegte zu sagen, er liebe die Meder wegen ihrer höflichen und zuvorkommenden Manieren." In einer andern Beraitha steht: „Rabbi Gamaliel sagt: Ich liebe die Perser, denn sie sind höflich und zuvorkommend in allen ihren Handlungen." „Der Exilarch lobte vor Rab Schescheth die Perser wegen der Regeln her Anstandes

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