Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 2 (16.2.1885)
- Date
- 1885-02-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Selbst-Em ancipation! Seite 11. bündiges Exemplar des Dichters, bat um Discretion und entfernte sich. . Nun brachte Anschel halbe Nächte bei der Lectüre zu. Alles zog ihn mit gleicher Kraft an. Ec las die philosophischen und historischen Abhandlungen, die novellistischen Arbeiten und die Dramen mit gleichem Eifer. Frühzeitig an logisches Denken, scharfes Abgrenzen der Begriffe und Entwirren thatsächlich räthselhafter Ausdrucksweise gewöhnt, überwand er schon nach wenigen Wochen die ihm anfangs unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten der Sprache und des Jdeenganges, insbesondere der prosaischen Schriften. -So vergingen mehrere Monate. Anschel's Besuche in der Buchhandlung wiederholten sich. Durch die Lectüre des deutschen Classikcrs angeregt, verschaffte er sich eine Weltgeschichte, eine Geographie und mit der Zeit auch eine Zoologie — alle diese Werke jedoch in hebräischer Sprache — da er so viel deutsche Bücher nicht verstecken konnte und das Lesen hebräischer wissenschaftlicher Werke — wenn auch nicht gar gerne gesehen und schon als eine gewifle Neigung zum Epikuräerthum betrachtet, doch wenigstens nicht fluchwürdig und so schwer verpönt werden konnte, wie das Studium eines in fremder Sprache geschriebenen Buches. Daß Anschel bei seinen wissenschaftlichen Studien dem Geschäfte'seines Schwiegervaters, das mit der Zeit bestimmt war, sein Eigen zu werden, nicht viel Interesse entgegen bringen konnte, ist wohl leicht erklärlich. Aber der Schwiegervater gab sich damit nicht zufrieden, er drängte Anschel, daß er zugreife, die Holzausfuhr aus dem Walde besichtige, Lieferungen abführe, beim Verkallfc von Waldparcellen interveiiire, kurzum mit dem Geschäftsgänge sich vertraut mache. Nun mußte Anschel allerdings sich fügen. Aber seine Gedanken weilten wo anders und die Unlust, mit der er seine ihm übertragenen Aufgaben verrichtete, machte mitunter die Dinge verderben, statt sie zu fördern. Einige Zeit schaute Gliner gleichmürhig Anschel's Gebaren zu, da er die Ueberzeugung hatte, daß ein sonst in allen Stücken tüchtiger Mensch auch ein fähiger Kaufmann werden müsse, aber mit der Zeit, als Anschel's Ungeschicklichkeit nur immer größer und Gliner's Geduld immer kleiner wurde — fügte sich der Letztere in's Unvermeidliche — er resignirte darauf, daß Anschel Holzhändler werde, ließ ihn ungestört seinen Studien nachgehen und dachte inzwischen nach, was für ein Geschäft ihm am zuträglichsten wäre. Denn, daß er irgend etwas thun müffe, war bei dem Umstande, als die Zinsen seiner Mitgift ihm auf die Dauer nicht reichen konnten und er doch nicht ewig seinem Schwiegervater zur Last fallen konnte, mehr als selbstverständlich. Eines Tages kam nun Gliner auf den Gedanken, seinem Schwiegersohn ein Specereigeschäft zu errichten. Er befragte Anschel ob er dafür sei und als er eine bejahende Antwort erhielt, gab er ihm 3000 fl., miethete mit ihm ein Gewölbe am Ringplatz und richtete es mit allem ortsgemäßen Comfort ein. Um die Waare fuhr er mit Anichel in die nächste Kreisstadt und in acht Tagen. gab es im Städtchen lim. einen Kaufmann mehr. Anschel's Frau saß im Laden, strickte einen Strumpf und lernte die Artikel in den entsprechenden Schubladen aufsuchen, was ihr nicht geringe Mühe verursachte. Anschel las Geschichte oder irgend ein naturwissenschaftliches Werk. So ging es einige Wochen. Der Kundenkreis wuchs von Tag — manche Maaren gingen bereits aus, man sollte nachbestellen, aber Anschel's Frau wußte nicht wie und wo und Anschel selbst kümmerte sich zu wenig um's Ganze. Kunden kamen und gingen unverrichteter Sache weg, das Vertrauen sank und bald hatte Anschel weder Waare noch Kunden. Da raffte er sich von seinen Büchern auf — und machte eine Bilanz. Er kam zu einem erschreckenden Resultate: in sechs Monaten hatte er achthundert Gulden eingebüßt, also über ein Viertel der ihm zur Verfügung stehenden Summe. Dieses Ergebniß ernüchterte ihn ein wenig. Ueberdies reizte ihn die zweideutige Art, mit der ihm seine Frau als einein indolenten Menschen begegnete. Er hatte wohl wenig Liebe für seine nicht schöne, und im Verstände etwas zurückgebliebene Frau, aber er hatte Ehrgeiz genug, sich von ihr nicht hoch anschaueu zu lasten. Er verwarf für einige Zeit seine Liebliugsstudien; er ordnete seinen Waareukram und bestellte direct aus Hamburg und Triest Waaren. Ec wollte das kleine Städtchen überraschen, er machte sich seine geographischen Kenntniste zu Nutze, las die Annoncen in Zeitungen und machte nach ihnen diverse Bestellungen. Aber zum zweiten Male und noch empfindlicher sollten ihm die „Bücher" schaden. Es kamen wohl Waaren an, es umstanden wohl Dutzende von Leuten das Geschäft des Anschel, als er die angelangten Kisten öffnete und Fische und Conserven und Fruchte hervorholte, wie sie noch im Städtchen nicht gesehen wurden, aber außer den Bewunderungsschreien der Menge, trug das ganze Manöver der Bestellungen ans dem Auslande nichts. Die Waare blieb liegen, weil Niemand ein Bedürfniß darnach hatte und wandert« schließlich unter enormen Verlusten nach der Kreisstadt. — Im Städtchen aber hieß es: „AnS dem Geschäfte Anschel's kann ja nichts werden, er führt eine Handlung, wie es in Büchern geschrieben steht". Und es wurde zum geflügelten Worte: „Er führt seine Handlung, wie es in Büchern steht." Nun griff Gliner ein. Er rettete ans dem Schiffbruche, was zu retten war und mit einem Nest von zwölfhundert Gulden zog Anschel vom Geschäfte ab. Jetzt war er aber die längste Zeit Specereihänoler gewesen. Er setzte sich über die von Tag zu Tag wachsende Unzufriedenheit seiner Frau und seines Schwiegervaters leicht hinweg — las seine Bücher, in denen er jetzt Entschädigung für alles fand und lebte in den Tag hinein. Bei seiner vorwiegenden Beschäftigung mit systematischen Compendien aus den verschiedensten Gebieten menschlichen Wissens, vernachläßigte er stark den Talmud, fand täglich weniger Geschmack an den endlosen Disputen der bei Gliner sich versammelnden Stadtgelehrten und war sogar kühn genug, mitunter de» Leuten ganz derb seine Geringschätzung zu zeigen. Das mußte nun seine Folge» haben. Gliner begann mehr und mehr einzusehen, daß er sich nicht den Manu nach seinem Wunsch in's Haus gebracht habe. Für's Geschäft war Anschel untauglich, den Talmud vernachlässigte er, in der Stadt begann man bereits zu munkeln, ec sei „Epiknräer" geworden, er lese Bücher zweifeltiaflen Inhalts. Kurzum, Anschel war ein verlorener Sohn. Im allgemeinen Gesumm und Gezisch blieb er allein nur ruhig. Er verdoppelte seine Wachsamkeit, las deutsche Werke nur spät Nachts und wurde noch verschlossener, schweigsamer, als er es letzthin gewesen. Aber das Nachtwachen begann seiner Gesundheit zu schade». Am meisten litten seine Augen darunter. Es kam so weit, daß er ärztlichen Rath einyolen mußte. Doch was hals es. wenn er die ihm vorgeschriebene Diät nicht halten wollte und weiter des Nachts las. Inzwischen ward sein Verhältniß zu Frau und Schwiegervater äußerst gespannt. Es bedurfte nur eines leisen Anstoßes um die ganze Verbindung zu lösen. Und dieser Anstoß fand sich. Eines Tages entdeckte Gliner Schiller's Gesammtausgabe, Mendelssohn's „P^ävon" und Leffmg's Schau- (Fortsetzung folgt.)