Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 2 (16.2.1885)
- Date
- 1885-02-16
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092673-3092675--0025-3092946- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 Selbst-Emancipati o. n! SRr. 2. zwar freundlich, aber — ich fühle.es ja— nicht jo, wie man dem Manne begegnet, den man liebt." Unter solchen Selbstvorwürfen und Zweifeln war endlich der junge Mann ganz durchnäßt vor dem Hause angelangt, in dem die Familie Ma rrlyk wohnte. Jetzt verließen ihn seine peinigendrn Gedanken und geflügelten Schrittes eilte er iu's dritte'Stockwerk empor ... „Nur das Fräulein sei zu Hause," sagte das Dienstmädchen auf sein Befragen, „die gnädige Frau und der junge Herr seien schon vor Stunden fort gegangen und offenbar durch das Unwetter gehindert, nach Hause' zu kommen." Benjamin klopfte an die Zimmerthüre. —. Eine weibliche Stimme von Hellem, schmeichelndem Klange rief: „Herein!" — Er öffnete; das Zimmer war noch unbeleuchtet, in Dunkel gehüllt, so daß man die Anwesende kaum wahrnehmen konnte. Da blitzte es tageshell auf und Benjamin sah die stolze schlanke Gestalt des geliebten Mädchens in der Fensternische an der Nähmaschine lehnen. Wie berückend sie in der fahlen Beleuchtung aussah. mit ihrem ovalen, blaffen Gesichte, den schwarzen, unergründlich tiefen Augen und dem rabenschwarzen Haare „Guten Abend, Fräulein Betty," grüßte der junge Mann. „Ach l Sie sind es, Herr Rafaelowitsch. Guten Abend! Nehmen Sie Platz, wofern Sie in der Dunkelheit einen Sessel finden. — Es wird gleich Licht gemacht werden." „Daß Sie noch immer im Dunklen sind, Fräulein! ES träumt sich dabei so gut, nicht wahr?" „Es wundert mich, Herr Rafaelowitsch, daß Sie keine andere Erklärung für meine Lichtscheu finden." ■ „Welche andere Erklärung sollte ich denn finden, Fräulein?" „Schwarze Seelen lieben die Finsterniß und hassen das Licht — hätten Sie sagen sollen." „Ach so! Sie wollen mir also die harmlose Ironie nicht verzeihen, die ich mir einmal entschlüpfen ließ. Fräulein Betty?" „Verzeihen? Es war ja recht von Ihnen, daß Sie mir aufrichtig Ihre Meinung über mich sagten." „Und glauben Sie, Fräulein Betty, daß ich Ihnen in den wenigen neckenderr Worte» meine ganze Meinung über Sie sagen wollte?" „Vielleicht beabsichtigten Sie es nicht. Für mich aber war es jedenfalls ein Leichtes, diese aus den wenigen Worten zu entnehmen." „So haben Sie diese leichte Aufgabe nicht richtig gelöst, Fräulein; den» wenn ich Sie recht verstehen soll, so sind Sie der Ansicht, ich härte die denkbar schlechteste Meinung von Ihnen." „So ist's," sagte das Mädchen. „Sie irren, Fräulein", fuhr Benjamin fort, „ich will heute ganz aufrichtig sein: Ich stndrrte Sie — es war mir dies keine Mühe, sondern ein Vergnügen — und kam durch mein Studium zu einem Resultate; darf ich Ihnen dies nennen?" „Bitte, ich bin schon gespannt darauf — doch gedulden Sie sich einen Moment >" Das Dienstmädchen brachte eben die Lampe und öffnete das Fenster, da mittlerweile dos Gewitter sich verzogen hatte. Ein angenehm kühler Luftzug strich durch das Zimmer. Betty setzte sich an die Nähmaschine, sie brachte das Rad in Bewegung. „So, jetzt bin ich zu hören bereit. Sprechen Sie, das Klappern der Maschine stö t Sie ja nicht? Nun?" «Ihr ganzes Wese», Fräulein, ist ein merkwürdiges Nebeneinander von Gegensätzen. Jqr T e m p e r a m e n t ist eine seltsame Mischung von sanguinischer Lebhaftigkeit und iräumerischer Melancholie, die kindliche Güte Ihres unverdorbenen Herzens verträgt neben sich einen kleinen Grad von boshaftem Trotz, ihr Charakter zeigt Stärke und Energie neben einem gewissen Wankelmnth und Unbeständigkeit. — Ich bin zu Ende, Fräulein." „Also doch nicht gar so schwarz? Aber bin ich denn nur allein so geartet? Sollte es nicht auch andere Menschen geben, die solche Gegensätze in ihrem Wesen so merkwürdig vereinigen?" „Sie haben einen vor sich, Fräulein Betty. — Tragen Sie die negativen Farben etwas stärker auf uuo die positiven um vieles schwächer und ich glaube, S:e haben dann ein Bild meiner Wenigkeit selbst." „Ah! Aber immerhin sind wir beide die Einzigen". „Auch das nicht Fräulein, denn diese seltsame Vereinigung von Gegensätzensie ist das Charakteristische eines ganzen Volkes, nämlich des jüdische»." „Also doch nur Altagsmenschen und zu dieser Classe wollte ich so gerne nicht gehören." „Mißverstehen Sie mich nicht! Was ein Merkmades ganzen Volkes ist, koinmt äußerst selten in voller Entwicklung bei einem einzelnen Glieve desselben vor. Wir aber sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, die personifieirte Charakteristik unseres Volkes. Wie ich Jude bin vom Scheitel bis zur Sohle, so sind Sie eine echte und r echte Jüdin." „Gut gegeben, Herr Rafaelowitsch. Besonders freut es mich aber, daß wir uns so.ähnlich sein sollen." „Freut es Sie wirklich, Fräulein Betty?" „ Habe ich denn je aus meiner Achtung für Sie ein Hehl gemacht?" antwortete sie, ihm frei in's Gesicht sehend, während sie für einen Augenblick ihre Arbeit unterbrach. Diese Worte riefen in Benjamins Brust einen Sturm von Empstndnngen hervor. „Was habe ich von diesem steifen Worte Achtung", rief es in ihm, „Li-be verlangt Liebe." Ec richtete sich erregt auf und trat näher an das Mädchen heran, welches, etwas Ungewöhnliches ahnend, die wiederbegoniiene Arbeit nochmals einstellte. (Fortstzung folgt.) Gin Grnnnoi^irtev. Skizze von Mardochai. (Fortsetzung.) Der Eigenthümer der Handlung, ein Jude, den sein Geschäftssinn über alle klein-n Bormtheile seiner Mitbürger erhob, „machte" mit gleichem Eifer in deutschen und hebräischen Büchern, in Federn, Papier, Tinte und Hüten, Poizellanivaaren und Kinderipielzeugen. Furchtsam eröffnete Anschel dem Manne sein Begehren. Der Buchhändler schmunzelte tück-sch, sprach dem Jungen Trost zu u id ermunterte ihn, nur zu lesen und seiner Umgebung nicht zu achren. Ein M-nsch müsse vorwärts schreiten und es sei unleugbar, daß ein „deutsch gebildeter" Mensch viel höher st,he als ein Klausjude,. der sein Leben lang nicht aus den Schranken herauskommt, die er sich in seinen Gesetzen und Commentaren - selbst auferlegt. Dü ser Gedanke war nun allenfalls für Anschel ganz neu. Daß man eine höhere Rangstufe in der Gesellschaft erktimmt, wenn man Schiller liest, daran hatte er nicht im mindesten gedacht. Er wollte Schiller lesen, weil er sich gewaltig hingezvgen fühlte von Schönheiten, die er halb verstand und halb ahnte, von neuen Gefühlen, die in seiner Brnst bis nun geschlummert und fitzt wie aus einem Zauberschlafe geweckt wurden. Eitelkeit wäre das letzte und geringste Molw hiezu gewesen. Auf die Auseliiandeisitzuiigen des Bücherverkäufers hatte er indcß nichls zu enlgegurn, er zahlte ihm ein zwei-