Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 2 (16.2.1885)
- Date
- 1885-02-16
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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S e l!' st - E m a n c i p a t i o n! Roman von 9i e h emia Berner. Der Greis suchte nun seine Lagerstätte aus und war bald in festen Schlaf versunken. Simjon dagegen Hatte sich auf den Sessel niedergelassen, auf welchem früher Jsmcne gesessen hatte und sann. Warum intereffirte ihn das Geheimniß so sehr, das über diesem fremden Mädchen schwebte? Und daß das Geheimniß das Mädchen selbst betreffen mußte, daran konnte ja nicht gezweifelt werden. — Warum konnte er die herrlichen Augen des schönen englischen Christenmädchens nicht vergessen? Der Morgen dämmerte schon und er hatte noch kein Auge geschlossen; die wirr in seinem Gehirn stch kreuzenden Gedanken und Bilder ließen ihn nicht einschlasen. EL Der „Fra nz - Io s efs - Quai" heißt dasjenige Viertel Wien's, in dem die Matadore der Börse und der Handelswelt ihre mit allem erdenklichen Comfort ausgestatteten Domicile bewohnen. In eines der Quai-Häuser führen wir jetzt den Leser. Dort bewohnt die ganze erste Etage des große» Gebäudes der reiche Banquier Jacques Rafaelowitsch. Es ist dies ein Mann von nahezu sechzig Jahren; schon seit Langem Witwer nach seiner zweiten Frau, bewohnt er die große Wohnung mit seinem Sohne, einem Studirenden der Medici», seiner Tochter, einem achtzehnjährigen Mädchen, und einer ziemlich zahlreichen Dienerschaft. Wir finden den Banquier jetzt — es ist 7 Uhr Abends — zn Hause. Er sitzt in seinein Arbeitszimmer auf einem weichgepolsterten Armstuhle. Sein, bis auf den Schnurrbart glatt rasirtes, Gesicht spricht deutlich von Verstimmung, in den dunklen, etwas entzündeten Allgen blitzt es zuweilen zornig auf; mit seiner linken Hand fährt er hastig und nervös über seine spärlichen grauen Kopfhaare, die sorgfältig gescheitelt sind, um die Glatze zu verdecken, und mit der Rechten zerknittert er ärgerlich einen Brief, den er soeben dem Couverte entnommen und dnrchgelesen hatte. Da tritt ein junger Mann etwas rasch in's Zimmer: „Guten Abend, Papa!‘‘ „Güten Abend!" gibt der Banquier mürrisch zurück. Der junge Mann merkt, daß sein Vater übler Laune sei. hat aber auch sogleich die Beziehung gefunden, sowie er das zerknitterte Papier in dessen Hand sieht. „Woher ein Brief, wenn man fragen darf?" sägt er theilnehmenden Tones. „Du darfst schon fragen, Benno; er wird Dich gewiß interessiren — der Brief kommt aus Constantinopel." „Aus Constantinopel? Ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß Du je mit diesem Platze in geschäftlicher Verbindung gestanden wärest, und Bekannte oder Verwandte haben wir doch auch nicht dort". „Hatten wir nicht, denn jetzt ist mein Bruder Rüben daselbst." „Der Onkel Rüben? Wie kommt der nach Constantinopel; wohnt er denn nicht mehr in Charkow?" „Nein, aber auch in Constantinopel wohnt er nicht, er berührte blos diese Stadt und auf der Durchreise hat er diesen Brief geschrieben." „Auf der Durchreise? Wohin reist er denn? So sprich einmal deutlich, Papa!" „Nun, wenn - Du willst, meinetwegen: Dein Onkel übertrumpft Dich noch im jüdischen Nationalgefühl, denn dieses geht so weit bei ihm, daß er den Wanderstab ergriffen hat und gen Zion zieht, wohin ihm ja sein Sohn Simson schon vor einem Jahre vorausgegangen ist." „Ah, diese Nachricht ist zu interessant, als daß mich Deine malitiösen Nebenbemerkungen weiter berühren könnten, „Schön von Dir, mein Benno". „Benjamin, willst Du wohl sagen, lieber Vater?" „Nun, Benjamin; — und Du kommst jetzt sicherlich geradewegs aus Deinem Wiener Jerusalem?" „Wenn Du mit dieser treffenden Bezeichnung llnseren Club meinst, io muß ich Deine Frage bejahen." „Wie leicht Du mich verstehst, mein lieber Benno — pardon, Benjamin. — Wann werde aber endlick auch ich die Ehre haben, Dich selbst unter jenen Helden, die das Land ihrer Väter aufsuchen, zn sehen?" Der jnnge Mann gab keine Antwort. „Davon halten Dich eben zarte Bande zurück, nicht wahr, mein Sohn?" fuhr der Banquier spöttisch fort. ,Aapa, ich bitte Dich, daran rühre nicht; übrigens weißt Du ganz gut, daß ich nicht die mindeste Lust verspüre, jetzt, als Student, nach Palästina zu gehen." „Ach so? Also erst, nachdem Du ausstuüirt hast. — Jetzt liegt ja der ganze Plan offen vor mir: Du wirst Doktor, heiratest dann Deine Angebetete und dann geht's per Eilzug nach Triest und von dort direct in's gelobte Land. — Meiner Treu, eine großartige Hochzeitsreise!" höhnte der Banquier. Benjamin's ohnehin überschlanke Gestalt reckte sick noch mehr in die Höhe, über sein nicht gerade schönes, aber markantes Gesicht breitete sich eine dunkle Nöthe aus, die Lippen preßten sich krampfhaft aneinander, die dunklen, etwas kleinen Augen funkelten und die buschigen Brauen zogen sich zusammen. „Du willst also durchaus iiber mein Berhältniß zu Betty Marrtyk etwas hören," rief er mit bebender Stimme, „gut, ich will Dir nichts verhehlen: ich liebe Betty in der That und bin fest entschlossen, das Mädchen, wenn es nur einwilligt, nach Beendigung meiner Studien zu heiraten." Jacques Rafaelowitsch sprang in namenloser Erregung von seinem Lehnstuhle auf und trat dicht vor seinen Sohn hin. „Das wirst Du nicht thun!" rief er. „So wahr mir Gott helfe," antwortete Benjamin etwas zurückweichend, aber mit fester Stimme, „ich werde Betty heiraten, soferne sie nur mich wollen wird." „So sage ich Dir, daß ich nie meine Einwilligung zu dieser Verbindung geben werde, daß ich. wenn Du sie ohne diese schließen solltest, aufhören werde, Dich als Sohn zu betrachten, daß ich Dich enterben werde. Hörst Du?" „Ich höre," sagte Benjamin sich abwendend. „So überlege es Dir; jetzt bitte ich Dich, mich allein zu lassen." Benjamin verließ das Zimmer und bald darauf die Wohnung. „Wenn mein Freund M a r r l y k »ach mir frägt, Jean", sagte er beim Fortgehen zu einem Diener, „so sage ihm, er finde mich bei sich zu Hause." „Er geht also trotzdem hin", dachte der Diener, „das gnädige Fräulein wird heute zufrieden mit mir sein, denn mein Rapport ist reichhaltig und gewürzt."..- Benjamin trat auf die Straße. Wetterschwere Wolkenmaffen hatten den Himmel überzogen. Schon begann der Wind zu heulen nnd die ersten dicken Tropfen fielen. — Bald aber goß es in Strömen und Donner und Blitz wechselten in rascher Aufeinanderfolge. Der Regen kühlte des jungen Mannes Aufregung. „Ich habe mich doch." dachte er, „durch meinen Jähzorn zu weit verleiten lassen. Konnte ich mir diese Scene nicht aufsparen, bis zu dem Zeitpunkte, wo Betty einwilligt? Weiß ich denn, ob sie das thun wird? Sie begegnet mir