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Selbst-Emancipation · 1885-02-16 · Heft 2 (16.2.1885) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 2 (16.2.1885)
Date
1885-02-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. ©et6 ft *@ mancipatio«! Seite 5 längst beendet hat, aufzulösen, aber es fanden sich noch immer ein Herr der Präsident, ein Herr I., der Secretär und ein Herr Z., der Administrator werden wollte. So fristet seit einigen Monaten der Verein, ohne irgend welchen Zweck, sein Dasein. — 6 Mitglieder, die in den Ausschuß gewählt wurden, haben sich als Ehrenmänner bewiesen und ihre Mandate sofort mit Entrüstung niedergclegt. Die Schuldenlast häufte sich, der Wirth drohte mit Hinauswerfen, da fiel man auf die Idee, einen Ball zu arrangiren. Alle Vorbereitungen wurden getroffen und der ersehnte Abend rückte heran. Es fanden sich etwa 30 junge Leute ein, und sage 1 ll2 Dutzend Damen. Ueber einige der Damen wüßte man so manches zu erzählen — sapienti sat. — Zur weiteren Jllustrirung diene noch dieser eine Fall: Dieser Tage wurde, welch' Wunder, der hiesige Prediger zu einem Vortrage eingeladen; doch auch dies vermochte den in Agonie liegenden Verein nicht zu retten, vielmehr wurde dem Verein der letzte Todesstoß versetzt. — Die Vorlesung kam nicht zu Stande, denn es hatten sich, trotzdem der geehrte Prälegent eine halbe Stunde auf Zuhörer wartete, kaum 10 Mitglieder cingefunden. — Vielleicht wird sich endlich der geehrte Vereinspräses, der sich an seiner Würde wie ein Untersinkender an einen Strohhalm klammert, dennoch gewogen fühlen, für die Auflösung des Vereines einzutreten. (50.<M)0 fl. für die Colottisatio» Palästinas vermacht!) In Sereth starb, wie der „Wiener Israelit" meldet, vor einigen Tagen Herr Leib Ach ne r, der ein Vermögen von mehr als einer Million hinterlicß. Er hatte sich ivährend seines Lebens den Ruf eines große» „Geizhalses" erworben. Bor seinem Tode wollte er nicht einmal den Arzt zu sich kommen lasten. Als man aber nach seinem Ablebet! sein Testament öffnete, fand mau au der Spitze desselben die Verfügung, daß am Tage seines Begräbnisses 50.000 fl. telegraphisch dem Vereine für die A g r i c u l t u r - C o l o n i s a t i o n Palästinas angewiesen werden sollen. Weitere 50.000 fl. waren für die Armen Sereths ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität bestimmt. Auch das ganze übrige Vermögen hatte der Verstorbene wohlthätigen Zwecken zugedacht. (Der blinde Freireich.) Am 11. d. M. ist hier in Wien der Börsianer Herr Löwy Freireich im Alter von 53 Jahren gestorben. Der Verblichene war aus Neu- Sandec in Galizien gebürtig, kam »ach Wien und erwarb sich hier ein großes Vermögen. Dieses wurde nach dem Börsenkrach 1873 auf 1'/^ Million geschätzt. Seit 20 Jahren war er vollständig blind und ließ sich zur Börse führen, wo er die bedeutendsten Geschäfte abschloß. Er war ein berühmter Kopfrechner und zählte trotz seiner vollständigen Blindheit mit bewundernswerther Schnelligkeit Banknoten, deren Werth er gleich erkannte, wenn er sie nur berührte. Freireich war außerordentlich wohlthätig. Nun ist er gestorben, wohl nicht arm, aber auch nicht in ganz gute» Verhältnissen. (Das Central-Chedcr in Lemberg.) Am 10. d. M. übernahm Herr Moriz D i a m a n d das gemiethete Haus und ließ unverzüglich mit den Adaptirungen beginnen. A. Z. (Ein tragikomisches Geschick) ereilte jüngst einen Mitarbeiter des antisemitischen „Deutschen Tagblatt" in Berlin. Besagter Herr, der stolz auf das tadellose Schwarz seines martialischen Schnurrbarts und auf die lockige Fülle seines Haupthaares ist, betrat Abends auf dem Wege nach dem Cirkus Renz, ein Restaurationslocale in der Kürlsftraße. Kaum hatte er die Schwelle der Gaststube überschritten, wurde es unter den anwesenden Gästen ganz auffallend lebendig, man steckte die Köpfe zusammen, es entstand ein unheimliches Kichern und Zischen und endlich erscholl der Ruf: „Juden 'raus! Knoblauch! Juden 'raus!" Der ahnungslose Pilger sah sich erst mit lächelnder Miene nach dem Opfer des kuror antisemiticus um. doch er sah Niemanden, dem diese „Ovation" gelten konnte. Gar bald jedoch wurde es ihm klar, daß e r s e l b st das Ziel der Demonstration wäre. Me Betheueruugen, daß er ent ehrlicher Christ, daß er der Herr X. vom „Deutschen Tagblatt" sei, ja daß er sich mit einem Taufscheine auswetseit könne, halfen nichts und als er schließlich noch etwas einwenden wollte, wurde er von mehreren Händen ein wenig unsanft gehoben und — plumps — lag er draußen in einer Pfütze. Bo» drinnen aber gellte noch intmer im ichönsten Schnapstenor der Ruf: „Juden 'raus! Knoblauch! Juden 'raus!" (Josef Rabinoviez.) Wie vorauszuseheu war, hat sich die Nachricht von der Ermordung des allerjüngste» Profeten durch jüdische Fanatiker nicht bestätigt. Rabinoviez ist vollkontmen wohlauf. Das Gerücht ist, wie sich die Tagespreffe ausdrückt, nur aut die drohende Stimmung der orthodoxen Juden Kischeuews zurückzufühcen. Doch wir, die wir die Inden Rußlands kennen, glauben, daß einerseits auch von den Orthodoxen eine Toat, wie die gemeldete, nicht zu befurchten ist, andererseits aber auch die religiös Aufgeklärten in der sittlichen Entrüstung gegen den Bedroher des jüdischen Bolksthums gerade so weit gehen als die Orthodoxen. (Gegen Sie Einwanderung der Juden in Palästina) veröffentlichten die türkischen Gesandten int Namen itirer Regierung den ihnen unterstellten Gnieral-Consnln einen Erlaß, welcher nachstehenden Wortlaut hat: „Herr General-Consul! In Ansehung der Unznträglichkeiten, welche iit Palästina durch die Menge von Israeliten verursacht werden, die vo>t allen Seiten Herkommen, um sich daselbst niederzulassen, hatte die kaiserliche Regierung die Auswanderung derselben nach diesem Theile des KaiserlHunts verboten. Nichtsdestoweniger gelaitg es einigen unter ihnen, unter dem Vorwände von Pilgerreisen oder Handelsgeschäften Einlaß in das Land zu erhalten, sich dort anzusiedeln und unter Erwirkuitg eines falschen Scheines _iii der That eiuzuwanderu. Um nun für diese Verhältnisse eine Grenze zu schaffen, hat die kaiserliche Regierung beschlossen, vom Auslände kommenden Israeliten nur unter folgenden Bedingungen Zutritt in Palästina z» gewähren: 1. In ihrem Paß muß ausdrücklich stehen, daß sie als Pilger, nicht aber, um Handel zu treiben, oder sich daselbst anzusiedeln, sich nach Jerusalem begeben. 2. Ihr Aufenthalt in Palästina darf unter keinen Umständen länger als einen Monat dauern. Die Israeliten haben sich ihren in diesem Sinne abgefaßten Paß von dein zuständigen türkischen Consnl vidiren zu lasten, und sind gehalten, bei ihrer Ankunft sich mit einem Erlaubnißscheiue für ihren Aufenthalt von den kaiserlichen Behörden zu versehen. Diese Erlaubuißscheine sind in der gleichen Weise, wie die Pässe zu fasten. Ausweisungsordres für Israeliten, welche sich in jene Gegenden begeben, um dort Handel zu treiben, sind um so berechtigter, als Palästina durchaus kein Land für den Handel isi, so daß also ein solcher Grnnd offenbar nur als Vorwand für die Bemäntelung einer Einwanderung dienen soll. In Folge Befehls der kaiserlichen Regierung ersuche ich Sie, Herr General-Consul, diese Maßregeln Denen, welche es intereffict. bekannt zu geben. Gleichzeitig sind dieselben davon zu benachrichtigen, daß Denen, welche sich nicht hiernach richten, der Eiitgang in Palästina wird verweigert werden." Die Gegner der Colonisation Palästinas begrüßen diesen Erlaß natürlich mit Genugthuung und einige schämen sich nicht, sogar ihre Freude darüber durcbblicke» zu lassen. Wir glauben, daß ihre Freude wenig Begründung hat, denn wir können in diesem Erlaffc nichts Anderes sehen, als eine Auffrischung des bekannten, bereits vor zwei Jahren gegebenen. Der jetzige Erlaß wird ebenso w en ig die Colonisation aushalteu, wie sie der vorhergehende auf-

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