Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 2 (16.2.1885)
- Date
- 1885-02-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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S el b st - E m a n c i p ati o n! Nr. 2. scheu Juden (vor 18 Jahren) geschaffen, von welcher ans > die Interessen des Volkes gewahrt, der politische Sinn geweckt und zur Erkämpfung seiner Rechte gestählt werden sollte — Ihr aber habt es vernachlässigt, in dem Vereine mit dem Volke über politische Fragen zu discutiren, dadurch den Vereinsmitgliedern jeden Muth benommen, mitzuwirken bei ihren vitalsten Jnteresien. — Eure Conventikel mit den sogenannten Notablen haben die Sachlage noch verschlimmert. — Ihr seid ad absurdum geführt und die ■ Plenarversammlung zählt heute kaum 18—20 Mitglieder. Statt nun aus den Juden programmgemäß politische Bürger heranzubilden, habt Ihr aus uns politischcHeloten gemacht und dies daher, weil Ihr in uns jede Regung ersticktet und bekämpft, Ihr streicht uns aus denr Buche der lebenden LZölker, während die umgebenden Stämme, Polen und Ruthcnen, ihre nationale Existenz mit der größten. Zähigkeit sesthalten und vertheidigen. Würde die Frage des jüdischen Nationalismus ebensowenig mehr auf der Tagesordnung stehen, wie bei anderen Völkern, dann erst hättet Ihr ein Recht alle jene politischen und socialen Prärogativen wie die anderen Stämme Oesterreichs, zu verlangen. Ihr wollt aufgehen, assimilirt sein — wie reimt sich das zusammen mit Eurer Forderung nach Vertretung in den legislatorischen und administrativen Körperschaften. Seht Ihr nicht, wie man selbst die affimilirten Juden, denen keine Spur Judenthum mehr anzuhaften scheint, überall zurückgedrängt. Unsere Sache wäre es, erst den Kampf um unsere Rechte zu führen, um nicht als Heloten des 19. Jahrhundertes dazustehev. Auch wir sind, so lange wir an unserer Geschichte, unserer Sprache und an der Reminiscenz unseres jetzt aller Welt heiligen Landes sesthalten, einenationale Individualität und werden nicht untergehen. Ihr verschreit mich als Palästinänser — gut, wer kein Mitgefühl mit seiner nationalen Geschichte hat, dem ist freilich alles gleichgiltig. Wir Juden wollen unserer heiligen Tradition leben und unsere Brüder in Palästina unterstützen, das Wohl derselben, die Colonisation sörvern. Hand in Hand mit ihr muß auch die Pflege der hebräischen Sprache bei uns wieder gehoben werden." Redner beantragt die Anlegung einer jüdischen Vereinsbibliothek und die Herausgabe eines hebräischen Blattes und verlangt, man möge m den jüdischen Schulen dem hebräischen Unterrichte eine besondere Aufmerksamkeit zuwenden. — Zuletzt bespricht Redner das Project eines Gemeindetages und wünscht dessen dringende Realistrung. Nach'Dr. Vierer ergreift Herr Normalschul-Director L an des das Wort, um das vom Vereine herausgegebene polnisch- Blatt, das nach ihm zur Beruhigung der öffentlichen Meinung dient, zu vertheidigen. (Herr Landes redigirt nämlich das Blättchen.) Herr Aobocaturs-Concipieilt Pohl sprach in gleichem Sinne, nun sprach Herr Rabbiner Dr. Kodak für die Nothwendigkeit der Herausgabe eines hebi ätschen Blattes und stellt den Antrag, der Verein möge seine politische Färbung aufgeben und jedem Juden seine Parteistellung — ob Pole, ob Ruthene — freigeben, hingegen sollte der Verein die Schäden im Judenthum zu saniren suchen. (Beifall.) Herr Dr. Vierer replicirt auf die Aeußerungen des Herrn Landes. Zuletzt vertheidigt noch der Präsident die Assimilationstheorie gegenüber dem Herrn Dr. Vierer, über dessen Opposition er sehr erbittert ist. Nächstens wird die Versammlung fortgesetzt. A. Benzion. („Kadimah-Kränzchen.") Wer verflossenen Dienstag Abends dem vom Wiener akademischen Vereine „Kadimah" in den Prachtsälen des Hotels „Weißes Roß" veranstalteten Tanzkränzchen beiwohnte, konnte die Ueberzeugung gewinnen, daß die Behauptung, die Freude widei spreche dem semitischen Geiste, eine Lüge sei: Comitä-Obmann. Drd. Ph. Fischler, eröffnete die Polonaise. Bei den Klängen der Militärmusik wurde wacker getanzt und die Pausen zu der animirtesten Unterhaltung benützt. Der weltberühmte Liebreiz (Obsu) der jüdischen Frauen und Mädchen fand hier weit mehr als hundertfältige Bestätigung. Die Toiletten wetteiferten in Gewähltheit und Geschmack. Dadurch, daß dieses Kränzchen von einem jüdisch-nationalen Vereine mit der Tendenz, durch gemeinsame Unterhaltung die jüdischen Volkselemente einander näher zu bringen, veranstaltet wurde, und daß andererseits den immer zum Hohne bereiten Assiipilanten gezeigt wurde, daß wir Juden nicht K u n stdeutsche oder K u n st s l a v e n zu sein brauchen, um m od enic Menschen zu sei», gewinnt das Gelingen dieser Tanzunterhaltung eine weiterreichende Bedeutung, als sie eben der bloße Erfolg eines geselligen Arrangements haben (Gemüthlich!) Man schreibt uns aus Lemberg : „Im hiesigen semitischen Antisemitenlager „Agudas Achim" geht's recht lustig zu. Bei der jüngst bei geschlossenen Thnren stattgefundeiien Generalversammlung steckten die Mitglieder ihrem Pontifex maximus einige Wahrheiten. Der vom Ausschüsse herausgegebene Jahresbericht wurde als lügenhaft und falsch bezeichnet. Die ganze Litanei der Vcreinsthätigkeit sei eine Deklamation. Es herrschte schließlich eine solche Intimität, daß zwischen dem theueren Oberhaupte und einem seiner getreuesten Getreuen im raschen Tempo die pikanten Worte „Sie lügen" gewechselt wurden. Nicht viel und die heißblütigen Polen mit den jüdisch-nationalen Nasen würden sich handgreiflich geliebkost haben." (Auch ein Verein!) Man schreibt uns aus Lemberg Vor 2 Jahren ist hier ein Verein unter dem Namen: „Handelsjugend mosaischer Confession" in's Leben getreten. Zweck des Vereines sollte nach den Statiiten die Förderung des allgemeinen Wissens nnter den Mitgliedern, wie auch geselliger Verkehr sein. Im Ailfange, als der Verein sich in brscheidenein Rahmen bewegte, wurde das Programm auch faktisch eingehalten und die Zahl der Mitglieder wuchs mit jedem Tage. — Auf Veranlassung einiger Schreier, die nirgends fehlen dürfen, wurde nun das bescheidene Local aufgegeben, ohne Heller 3 große Zimmer gemiethet, und das Wichtigste, ein Billard, auf Puff, den Mitgliedern zur Verfügung gestellt. — Die wissenschaftlichen Vorträge, Zeitungen, Bibliothek wurden stiefmütterlich behandelt. Nur auf das heftigste Drängen einiger gutmeiuender Mitglieder wurde endlich, um dieselben mundtodl zu machen, das polnische Antisemiteiiblatt „G-azeta Narodowa“ und ein deutsches Blättchen abonnirt. — Run begann das Treiben der goldenen Jugend; den ganzen lieben Tag wurde geschrieen, gelärmt, gepfiffen, gedampft und carambvlirt, sowohl an Wochentagen als auch an Samstagen und jüdischen Feiertagen, ooschon, wohlgemerkt, der Verein den Beisatz „mosaischer Coiifession" führt, und der Sohn unseres Predigers und Rabbiners die wichtigste Stimme im Rache hatte. — Die Umgangssprache — selbstverständlich Jargon, denn die jungen Herren standen leider noch nicht auf der Stufe der Intelligenz, um sich einer modernen Sprache zu bedienen. So ging's eine Zeitlang hindurch. Aber, auf dieier Welt besteht nichts ewig. — Die Herren Spieler wurden bald des Vereines überdiüssig und zogen sich allmälig in ihren fiüheren W>>kungskreis, das ist zu den Bersels rc., zurück. — Gegenwärtig gewährt dieser Verein ein recht jämmerliches und klägliches Bild. Im ersten Zimmer steht noch immer der Altar — Billard genannt — worauf jedoch nur am Abende von einigen Priestern Opfer dargebracht werden; mr zweiten Zimmer befinden sich einige gebrochene Sessel, ein langer Ti,ch, worauf einige Domestikenblättchen aufliegen, die netto 2 Mitglieder lesen, und ein schäbiges Sofa; das 3. Zimmer zeigt 4 kahle Wände. — Bei der letzten Generalversammlung, der 20 Mitglieder, von denen kaum 5 bie monatlichen Beiträge entrichten, beiwohnten, wurde beantragt — diesen Verein, der seine Mission bereits