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Selbst-Emancipation · 1885-02-16 · Heft 2 (16.2.1885) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 2 (16.2.1885)
Date
1885-02-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2. Selbst-Emancipation! Seite 3. die U: sache aller Uebel wissen und sie in den Juden finden wollen. Die unwissende Menge spricht es gläubig nach und der rohe Auswuchs der Neuzeit faßt tiefer und tiefer Wurzeln. In Rußland, Rumänien und Ungarn werden die Juden verfolgt und geschlagen, ja selbst in den Staaten, welche sich zu den civilisirten zählen, trachtet man sic überall zu nmerdrücken und ans den Aemtern zn verdrängen. Nun soll auch das Jlidenthum selbst in dieser consessionslosen Zeit von einem neuen Propheten auf religiösem Gebiete nicht verschont werden. Es ist dies die Person des Josef Rabiiiovicz, der das Verdienst für sich in Anspruch nimmt, aus einem kleinen Brnchlheil Angehöriger des ewigen Adonai, eine neue christliche Secte zu gründen. Und schnell sind die Seelenverkäufer aus England bei der Hand, um die Mittel dazu zn bieten, und selbst mächtige Staatsmänner, die sonst einer Berührung mit den Juden ängstlich aus dem Wege gehen, scheue» es nicht, die neue Unternehmung des heiligen Mannes zu unterstützen. Von den Aussprüchen des alten Testaments geht der neue Religionslehrer gewiß bei seiner Theorie nicht aus. denn die Zeit, wo das Lämmlein neben dem Wolfe lagert, kann sicherlich die jetzige nicht genannt werden, sie ist leider noch allzuferne. Umsonst hat das Judenthnm so lange gekämpft und gerungen, geduldet und gelitten! Wäre eine so erleuchtete Persönlichkeit früher erstanden. Vieles wäre ihm erspart geblieben. Die Juden hätten es nicht so oft nöthig gehabt unter Hohn und Spott des Pöbels den ihnen schon liebgewonnenen Boden der neuen Heimatsländer zn verlassen und in die Fremde zu ziehen, ohne zn wissen, wo das Haupt ruhig und sicher hinzulegen. Die über tausend Jahre alte Leidensgeschichte dieses unglücklichen Volkes hätte nicht so zahlreiche Blätter aufzuweisen brauchen und viele Märtyrer hätten sich eines sonnigen Glückes erfreuen können. . . Um Anhänger in gewissen Kreisen braucht Josef Rabinovicz nicht besorgt zu sein; es gibt viele, die ihrer Ueberzeugnng dem irdischen Glücke opfern rmd nach der neuen Lehre ist die beste Gelegenheit dazu gegeben. Nur zugreifen.' Wer weiß, ob später solche günstige Aussichten vorhanden sind? Auch für den Schöpfer der Lehre kann sein Talent nutzbringend werden, denn die Pforten zu hohen Ehrenstellen und Auszeichnungen, die feinen übrigen Stammesgenossen verschlossen sind, sind ihm nun geöffnet. Noch nennt er die anderen Juden Brüder, aber wie lange wird noch die Verpuppung dauern und er wird mit seinen Scharen zum Christenthume übertreten, obwohl dies gleich zu thun, und nicht früher ein Vorspiel aufzuführen, noch immer moralischer gewesen wäre. Aber nicht einmal der historische Ruhm des Herostratus wird ihm gewahrt bleiben, denn dieser hat wenigstens j doch was Eigenes vollbracht, wohingegen der Kischenewer Glaubensstister nichts Neues geschaffen, sondern nur Altes wiederholt hat. Schon erzählte die tanfendzüngige Fama von der Ermordung dieses herzlich unbedeutenden Mannes durch blinde Fanatiker, zum Glücke erwies sich diese Nachricht als unwahr; die Juden haben viel zn gesunden Sinn, um eine solche sträfliche Handlung zu begehen, andererseits sind Sie verständig genug, um nicht noch dazu beizutragen, einem marktschreierischen Apostaten die Märtyrerkrone zu verschaffen. Noch hallt sein Name im Erdkreis wieder, einige Jahrzehnte und sein Andenken ist spurlos verschwunden; sein Name wird vergessen sein, bevor er noch klang- und s a n g l o s in de» Orkus hinabsteigt. L. K . . . . l. Ghronik. tPerez Smolensky gestorben.) Wir widmen diesem traurige» Ereignisse an leitender Stelle eine längere Besprechung und haben hier nur noch einige Details anzrrführen. Perez Smolensky wurde im schönsten Mannesalter, im Alter von 43 Jahren, dahingerafft. Er erlag einem Kehlkopf- und Brustleiden, weswegen er zuni Curgebrauch nach Meran sich begeben hatte. Uebrigens war der Eintritt der Katastrophe schon seit Monaten vorauszusehen. Perez Smolensky war in Mohilew (Rußland) geboren; er hatte sich größtentheils du-ch Selbststudium ein umfangreiches Wissen erworben. Sich bald der hebräischen Schriftstellerei zuwendend, erreichte er auf diesem Gebiete, indem er sich die Bibel, Honier, Shakespeare, Goethe und Dickens zu Vorbildern nahm, eine ungeahnte Höhe. Richtig vergleicht ihn ein hervorragender Orientalist in einer Zuschrift au die „Neue Freie Presse" mit Jehnda Halsvy. . Der Verblichene wohnte seit zwanzig Jahren in Wien, wo er seit vierzehn Jahren den „Haschachac" herausgab. Seine schriftstellerische Thätigkeit und fein Gehalt als Leiter einer. Buchdruckerei ermöglichten ihm, sich und seine Familie anständig zu ernähren; erst in den letzten zwei Jahren, wo ihn seine Krankheit in seinen Berufsarbeiten störte, war er auf fremde Unterstützung, die ihm von seinen Verehrern in zartfühlender Weise zu Theil wurde, angewiesen. Perez Smolensky hinterläßt eine Witwe und fünf unmündige Kinder in hilflosem Zustande. (Smolensky-Trauerfeiern.) Der Verein „Mitra Kodefch" in Lemberg wird am 7. Ädar einen Gedenkabend für den Heimgegangenen jüdischen Literaten Perez Smolensky abhalten; auch wurde bereits das Programm festgestellt. Ein hrbräisches Gedicht wird den Abend einleiten, ein anderes denselben schließen. Herr Rabb. Dr. Kodak hält die Festrede, außerdem dürften noch andere Redner das Wort ergreifen. Hebräische Placate werden den Trauerabend einige Tage zuvor in Lemberg anzeigen. — Auch der Wiener akademische Verein „Kadimah" gedenkt eine solenne Smolensky-Trauerfeier zu veranstalten. — Wir werden in der nächsten Nummer hoffentlich in der Lage sein, über diese Tranerfeiern Bericht zu er- (Die XVII. ordentliche Plenarversammlung des Vereines „Schomer Israel".) Herr Dr. Byk eröffnete die Sitzung um 8 Uhr Abends; anwesend mochten etwa achtzehn dis zwanzig Mitglieder sein. Er hielt eine schöne etwas politisch angehauchte Ansprache über die Thaten des Comitss. Er berührt die Bekämpfung des Antisemitismus (durch einige Artikel aus der Feder des Herrn Dr. Mansch), die Abhaltung einer (verschämten) Montesiore- und Znnzfeier (beide aber über das Drängen des araverschrieenen Kadimahners und Palästinänsers Herrn Dr. B i ere r), die Herausgabe des polnischen Beiblattes „Jzraelita". Hierauf weist der Präsiden! alle Bestrebungen, welche jüdischnational sich anhören, zurück, faßt das Judenthnm als Religionsgenossenschaft auf und nur als solche läßt er es noch gelten. *) Nach all' dem, meint der Redner, wird uns das laufende Jahr viel zu schaffen geben, denn die Reichsraths-, die Gemeiuderaths- und die CultusrathSwahlen werden unser Interesse tangiren. Tacuere omnes intentiqne ora tenebant. Alles schwieg und schier glaubte man, daß sich keiner zum Worte melden wird. Doch nahm Herr Dr. Vierer das Wort um in einer dreiviertelstündigen Rede das ganze Gebaren des Vereinseomitös einer Kritik zu unterziehen. Redner greift die Politik desselben mit ungefähr folgenden Worten an: „Wir haben unter schweren Mühen und Opfern eine politische Warte für die galizi- *) Ziehe Artikel „Wo ist die Utopie?' Anm. d. Red.

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