Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 2 (16.2.1885)
- Date
- 1885-02-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Selbst - E m a ncipation! Nr. 2. Zeit sprechen? Freilich, die Leute, deren philologischer Geschmack ein so verirrter ist, leben nicht im gepriesenen Westen, sondern im verfehmten Osten. Mag man nun über den Unterschied zwischen den christlichen Ost- und West- Europäern denken, wie man will, bezüglich der jüdischen aber steht fest, daß der Jude des Ostens ebenso bildungsbegierig als bildungsfähig ist als der des Westens und dennoch die Liebe zu seinem Stamme nicht verloren hat. Die hebräische Sprache, deren gänzliche Verdrängung doch noch nirgends, wo Juden sind, gelingen konnte, erinnert uns am meisten an unsere Zusammengehörigkeit, sie ist das Symbol unserer Einheit, die existirt trotz unserer Zerstreuung. D'rum Ehre dem Andenken des Mannes, der diese große Bedeutung der hebräischen Sprache für die Einigung unseres Volkes erkannte, der sein ganzes Leben dem Ausbau dieser Sprache widmete, der in ihrem Gebrauche sich die Begeisterung holte für den Kampf, den er für den Fortbestand und die Zukunft des jüdischen Volkes gegen dir Verfechter eines falschen Princips ausgenommen har! Mo ist die Utopie? _Bei der am 24. Jänner dieses Jahres abgehaltenen XVH. ordentlichen Plenarveesammlung des Vereines „Lolrouasr Isrnsl" in Lemberg hat Herr Dr. Emil Byk, der Präsident dieses Vereines, in seiner Ansprache die Gelegenheit wahrgenominen, auch die jüdische Nationalbewegung einer liebevollen Kritik zu unterziehen. „Mir ist. unfindbar," sagte er im Laufe seines Sermons, „welche Ideen und Pläne Diejenigen haben, welche durchaus die Juden der ganzen Welt zu einer einzigen lebendigen und politischen Nationalität stempeln wollen". Wir glauben es ihm auf's Wort, daß er die jüdische Nationalitätsidee nicht begreift oder nicht begreifen will, denn dazu gehört ein über das Niveau des Alltagslebens sich erhebender Sinn, der das eigene Interesse dem allgemeinen unterordnet. Und wenn Herr Dr. Byk mit den Worten „U t o p i e" und „S ch w ä r in e t t i" nur so herumwirft, so würden wir ihn erinnern, nicht mit Feuer zu spielen, denn man kann sich dabei selbst die Finger verbrennen. Herr Dr. Byk wirft Anderen „Utopien" vor und wo könnte er deren mehr finden, als in seinem eigenen Lager: Sich e i n b i l d e n, daß ein Volksthum, das seit vier Jahrtausenden in inniger Verbindung mit einer Religion besteht, als Volk sterben könne, um mit einem Schlage als blos religiöse Gemeinschaft soi tzuleben, sich e i n b i l d c n, daß eine nationale Vereinigung eintreten könne, wo keine j Blut-Vermischung eintritt, nicht e i n s e h e n wollen, daß stch der Nolksinstinct der europäischen Völker gegen diese widernatürliche Verbindung als eine unwillkommene aufbäumt, ist das nicht eher Utopie, nicht eher Schwärmerei? Von Utopien spricht man dann, wenn man in einer A r t über die Zukunft denkt, d i e nicht durch die Thatsachen der Vergangenheit gerechtfertigt' wird. Welche Resultate haben die jüdische» Assimilationsbestrebungen zu anderen Zeiten gehabt? Die Assimilationstheorie ist ja, wie Jeder weiß, auch keine Erfindung der Neuzeit; wir finden sie schon nn Alterthum. Doch haben die Assimilatoren je Glück gehabt mit ihrer Lehre? Die Juden konnten weder in Chaldäer, noch in Griechen, noch in Römer umgewandelt werden; das jüdische Volksihum ist bestehen geblieben und die Herren Assimilanten selbst werden uns ja zugeben müssen, daß bis nun trotz der größten Anstrengungen auch die Verdeutschung und Polonistruiig noch nicht gelungen ist. Dagegen zeigt die Geschichte, daß Bestrebungen, die auf das nationale Wiedererstehen und die nationale Erstarkung Israels gerichtet waren, soferne sie ehrliche und wirklich im Herzen des Volkes Anklang findende waren, niemals der Erfolg fehlte. Eines Esra, eines Nehemia, eines Juda Makkabi's Wirken war von herrlichen Resultaten begleitet, während die Bemühungen eines Jason und Menelaus keinen Einstuß ans den Fortbestand des jüdischen Volksthums ausübten. . .Wenn Herr Dr. Byk noch sagt, daß nicht nur die Massen, sondern auch die hellsten Denker unserer Zeit die bürgerliche, nationale und politische Assimilirung als Gegenwerth gegen die Verleihung der vollen Bürgerrechte verlangen, so ist das einfach eine Unwahrheit. Es gibt mindestens eben so viele helle Denker, die es nicht verlangen, als solche, die es verlangen — und die großen Massen, die wünschen es schon gar nicht. „Wenn wir aus einer Reise in ein fremdes Land kommen, wenn wir ein fremdes Haus betreten," fährt er fort, „so fügen wir uns den Gesetzen und der Hausordnung, so wie diese bestehen, und fragen uns nicht erst lange um die Berechtigung oder die Angemessenheit dieser Vorschriften." Wer sagt denn dem Herrn Dr. Byk, daß die nationalgesinnten Juden sich den Gesetzen hier zu Lande nicht fügen wollen oder betrachtet er die durch die hellsten Denker — zu denen er sich natürlich selbst zählt — verlangte Assimilation auch als ein Gesetz? Ganz natürlich! Nach seiner Ansicht sind die Anschauungen der europäischen Völker für uns Vorschriften, die befolgt werden müssen. Wer muß nicht lächeln über diese seltsame Verquickung der Begriffe Volk und Staat? Den europäischen Völkern als solchen sind wir gar keinen Gehorsam schuldig, denn wir stehen ihnen an Geschichte, Cultur und Heimatsrecht vollkommen ebenbürtig gegenüber; ihnen gehorchen wollen, hieße sich zum Knechte erniedrigen, wenn man das Recht hat, frei zu sein. — Wem aber w i r und auch alle anderen Völker gleich uns zu gehorchen haben, das ist der Staat und kein civilisirtec Staat stellt Vorschriften auf in Bezug auf das nationale Verhalten seiner Bürger. Wenn er es aber schon thut, so >äßt er doch eine» legalen Weg offen, auf dem mau diesen Vorschriften entgegen wirken kann. Daß Herr Dr. Byk die übliche Phrase von der „Hochachtung unseres Glaubens" in seiner Rede nicht vergessen hat, ist selbstverständlich. Das soll ja auf die Massen wirken. — Wie viel innere Wahrheit in dieser „R e l ig i ö s i t ä t" der Assimilatoren steckt, das haben wir ja schon einmal auseinandcrgesetzt. Es gibt wohl keine schönere Blüthe im Reiche der „Utopie", als annehmen zu wollen, die mosaische Religion werde ohne Sonderexistenz des jüdische n Volkes weiter bestehen können. W i r glauben, daß mit dem Untergänge dieses auch der Untergang jener besiegelt wäre; oder noch richtiger würde es umgekehrt lauten. Man müßte erst die mosaische Religion untergehen lassen, um das jüdische Volk aus der Reihe der Völker schwinden zu machen! Herr Dr. Byk, wo ist die Utopie? K.v. „Neu-Israel." Der Freude über die liberalen Errungenschaften ist eine Ernüchterung gefolgt. Der Liberalismus hat zwar Tausenden Freiheit und Existenz verschafft, aber das Elend und die Noth der großen Massen hat er nicht zu bannen vermocht. Es ist daher kein Wunder, wenn die Blousenmänner, welche sich zu den Enterbten zählen, an den Staat herutttreteu und ungestüm an denselben zur Erhaltung ihres Lebens Forderungen stellen. Das Dynamit, das Feuer und das Schwert in den Diensten der Aiia>chisten läßt die menschliche Gesellschaft erbeben und sie steht der socialen Frage rathlos gegenüber. Da treten plötzlich ans dem Dnnkel Männer hervor, welche