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Selbst-Emancipation · 1885-02-01 · Heft 1 (1.2.1885) · page 11

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 1 (1.2.1885)
Date
1885-02-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 1. Selb st - Emancipation! Jahrgang 1885. ©in ©nrancipieW* Skizze von Marvochai. Es ist nicht gar lange her, Viele erinnern sich noch daran. Seine ganze Geschichte machte Aufsehen im Städtchen. Und wer ihn einmal gesehen, vergaß ihn nimmermehr. Seine schlanke Gestalt, seine blassen Gesichtszüge, seine schwarzen, leuchtenden Augen, seine aufrechte Haltung, sein sicheres Auftreten fielen Jedem auf. Die Form seines Umganges contrastirte stark mit der Umgebung, in der er ausgewachsen war. Und doch war er kaum 17 Jahre alt geworden. Aber man erzählte es sich im Städtchen, daß eS hundert Meilen in der Stunde keinen solchen Talmudisten und keinen solchen Kenner der Kabbala wie Anschel Meier gebe. Die Kabbala sagte seiner schwärmerischen GemiUhsart besonders zu. Hier konnte er sich von der schrecklichen Starre der gelehrten Gesetzesdeutnngen loslösen, Combinativnen willkürlich anstelle« und neue Gebiete erschließen. Er sprach wohl nur im deutsch-jüdischen Dialecte, aber seine Ausführungen waren mitunter wahrhaft oratorische Kunstleistungen. In seinem Redefluß überzeugte er die hartnäckigsten Gegner. Man nannte ihn deshalb auch den Zauberer. Denn so lange er sprach, mochte ihn Niemand widerlegen, hatte er aber zu Enoe gesprochen, so begannen auch die Zuhörer langsam nachzugrübeln und mit den Köpfen zu schütteln und gingen endlich streitend und disputirend aus der Klause. Bei so hervorragenden Eigensckasten konnte es nicht fehlen, daß man die Eltern des Anschel Maier mit Heiratsant'ägen für den Sohn bestürmte. Der Vater des Anschel Maier war ein wohlhabender Gctreidchändler und ein Mann von großentalmudischem Wissen. Sehr oft versammelten sich bei ihm die Gelehrten des Städtchens und der nächsten Umgebung. Da gab es frohe Stunden für den jungen Anschel. Schon frühzeitig hatte er sich gewöhnt, solchen ernsten Gesprächen mit ungetheilter Aufmerksamkeit zuzuhören . . . und mit der Zeit ließ man ihn auch manches Wort mitsprechen. Eines Tages, als Anschel besondere Gelegenheit gefunden hatte, seine großenKenntiiisse vorderversammelten Gästen seines Vaters zu entwickeln, rief nach beendetem Gespräche einer der enthusiasmirten Zuhörer, ein Holz- Händler Names Gliner, den Vater Anschel's zur Seite und erklärte ihm, er wäre glücklich, einem so begabten Jungen seine Tochter zur Frau zu geben. Anschel's Vater war nicht wenig erfreut über diesen Antrag. Gliner war einer der angesehensten und reichsten Bürger der Stadt. Er schlug also ein und besprach mit Gliner eine Zusammenkunft zur näheren Besprechung. Am selben Abend noch fand zwischen Vater und Sohn folgendes Gespräch statt: „Anschel, man trägt mir für Dich Gliner's Tochter an, kennst Du sie?" „Nein." „Gefällt Dir der alte Gliner?" „Ein gescheidter Mensch." „Er wird seiner Tochter 4000 Gulden geben!" „Er ist reich." „Willst Du mit seiner Tochter zusammentreffen?" „Würdest Du nicht vorziehen, die Tochter des Josel Kirman zu heiraten?" „Ist mir einerlei." Die Zusammenkunft und Brautbeschau, bei der wohl Anschel's Vater, Mutter, diverse Oheime, Tanten und Muhmen zugegen waren, Anschel selbst aber ausblieb, fielen zur größten Zufriedenheit aus. ...; Acht Monate später feierte man die Hochzeit. Anschel hatte seine Braut Deborah zweimal worüber Trauung gesehen, davon einmal bei der Verlobung und nun lebte er ' zufrieden bei den Schwiegereltern, studirte Talmud und ließ die Alte» für sich und die Frau sorge». Aber nicht alle Zeit verwandte Anschel auf das Studium des Talmud. Gliner war ein „Weltmensch". Mit seinem Holz war er bis Danzig gekommen. Einmal hatte er einen Abstecher nach Leipzig auf die Messe gemacht und ein anderes Mal ging er bis Hamburg, wo er ein Geschäft abschloß, das Eier-Lieferungen betraf. Wenn nun Gliner von dem „Deutschen" nicht viel mehr verstand, als man braucht, seinen Namen fertigen zu können und eine Adresse mit einiger Berücksichtigung der geraden Linie niederzuschreiben — so hatte er doch einige Achtung ..auch" vor der Bildung außer dem Talmud. Und so kam es, daß er an Anschel's Vater noch vor der Verlobung mit dem Wunsche herantrat, Anschel möge doch deutsch lesen und schreiben lernen. Sein Wunsch ging in Erfüllung, Anschel begann zu lernen. . .. und zur Zeit, als er heiratete, wußte er wohl mehr als sein Schwiegervater und alle „Weltmenschen" des Städtchens. An einer Uebersetzung der „Propheten" machte er seine ersten Sprachübungen. Er schrieb sie um, lernte sie auswendig, und wenn auch seine Aussprache nicht die correcteste war, so war er doch in kurzer Zeit im Stande, ganz richtig zu schreiben. Sein Styl war selbstredend etwas bizarr, was bei den Sprachmustern, die er vor sich hatte, nicht zu verwundern ist. Da ereignete sich eines Tages etwas, was auf das Schicksal Anschel's einen Einfluß ausübte, wie nichts bisher. Es war zwei Monate nach der Hochzeit. Anschel's Schwiegervater sah ein, daß seine jetzige Wohnung zu klein ist und daß er seinen Kindern ein geräumigeres Heim gewähren müfle. Er bezog also eine andere Wohnung. Beim Aufräumen fand Anschel am Dachboden der neuen Wohnung, die von irgend einem „Epicnräer" bewohnt gewesen sein mochte, ein stark abgetragenes Exemplar von „Schiller's Gedichten". Neugierig machte sich der achtzehnjährige Mann an die Lecturc des großen Dichters. Was er nicht verstehen konnte, empfand er und dunkle Ahnungen stiegen in ihm auf, er habe es mit einem ungewöhnlichen Geiste z-- thun. Er hatte keine Literaturgeschichte gelesen, er hatte nie etwas von Aesthetik gehört, Verse hatte er überhaupt fast nicht gekannt. denn selbst die hebräischen waren in dem Kreise, da er aufwuchs, verpönt. Und nun ergriff es ihn mit wilder Gewalt, als er diese Gedichte nochmals und nochmals las, ein Bangen, eine nie gekannte Sehnsucht nach der dunklen, geheimnißvollen Welt, wie sie sich in den Gedichten offenbart, beschlich seine Seele. Hundert Zweifel und hundert Fragen bestürmten sein Gemüth. Und als wenn er in diesem eii-zigen Bande die Lösung allir Fragen finden könnte, kehrte er immer und immer wieder zur Lecture der Gedichte zurück. Und diese waren es ja eben, die in sein heiteres, durch keinerlei Aufregung getrübtes Alltagsdasein in sein ruhiges Studium spitzfindiger Tractate und unlösbaier Streitfragen einen Sturm hineingetragen hatten, der sich nun nicht legen wollte, sondern tief an seinem Herzen rüttelte. Sein nächstes Bestreben ging nun dahin, eine Gesammt- Ausgabe des Dichters sich anzuschaffen. Da er mit Grund eine nicht zu bewältigende Opposition non Seite seiner Umgebung befürchtete, die sich bis zu einer Art Excommunication steigern konnte — wenn man in Erfahrung brächte, er lese deutsche Werke, so that cr's ganz verstohlen mit der Bestellung des Werkes und versügte sich zu diesem Zwecke in die Buch-, Papier- und Galantcriewaarenhandlr-ug des Städtchens, i, (Fortsetzung folgt.)

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