Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 1 (1.2.1885)
- Date
- 1885-02-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Selb st-E mancipatio»! Jahrgang 1885. Augensterne, in denen von imponirender Klugheit, hervorragender Herzensgüte und reinem, von Phantasterei unberührt gebliebenen Seelenadel zu lesen war, hervorleuchteten. „Ich glaube nicht fehlzugehen, Fräulein," sagte Simson, „wenn ich der Ansicht bin, daß Sie an ^sich selbst dachten, als Sie bei Ihrem Eintritt meine zufällig erlauschte Meinung als unrichtig bezeichneten." „Getroffen, Herr Rafaelowitsch, an mich selbst und an meinen Bruder, denn auch er ist ein wahrer und aufrichtiger Freund Ihrer Sache; sie ist mit dem heutigen Tage auch die unsere geworden." „Was war es, gnädiges Fräulein, das die Sache, die sich bisher nur Ihrer Sympathie erfreute, heute ganz zu der Ihrigen machte?" „Es war der Anblick des erhabenen, ergreifenden Schauspieles, welches der Platz vor der Tempelruine bot. Dieses Schauspiel hat in uns, die wir bisher blos passive Anhänger Ihrer Ideen waren, den Entschluß gereift, werkthätig für den hehren Gedanken der Wiederaufrichtung Ihres nirdergebeugten Stammes einzutreteu. Mein Bruder und ich werden, davon können Sie überzeugt sein, diese Bestrebungen als eine nnierer Lebensaufgaben betrachten." Bewegt reichte Simson dem Mädchen und dem jungen Manne, der bei den letzten Worten seiner Schwester das mit dem alten Rafaelowitsch geführte Zwiegespräch unterbrochen hatte, die Hand. Es tobte in Simion's Brust, in ihm sprach es: „Was sür ein heriliches Geschöpf! Warum zählt unser Volk nicht solche Mädchen?" Aber sein Auge sagte nichts von diesem innrrn Sturm, es ruhte blos hartnäckig und prüfend auf dem Gesichte der jungen Dame. „Warum gibt es eine solche Jüdin nicht, wie diese Engländerin?" wiederholte er in seinen Gedanken. „Merkwürdig, sie sieht einer Engländerin gar nicht gleich — das dunkle Haar, die dunklen Augen, die südländische Lebhaftigkeit — und wie gar nicht ähnlich sie ihrem Bruder ist," dachte Simson. Harry Hartly war, trotzdem er noch nicht zwanzig Jahre zählte, schon ein ganzer Man», er war kräftig gebaut, hatte blondes Haar, klarblickende graue Augen, ein selbstbewußtes Auftreten; er war vom Scheitel bis zur Sohle ein echter Sohn des germanischen Jnselvolkes. „Dürfte ich Sie ersuchen, Herr Rafaelowitsch," begann jetzt Harry Hartly mit seiner volltönenden Stimme, „nachdem Ihnen meine Schwester diese Versicherung gegeben hat, uns vollends zu vertrauen, uns wie die Ihrigen zu betrachten und uns entsprechende Rathschläge zu geben, wie wir mithelfen können an dem großen Werke." „Es wird mir eine Freude sein. Ihnen zu dienen. Jedenfalls werden Sie den genauesten Einblick in die Verhältnisse morgen Abends bei der hier in meinem Zimmer stattfindenden Besprechung einer Anzahl von Gesiiinungsgenossen bekommen können; ich erlaube mir also, Sie und Ihr Fräulein Schwester zu dieser Besprechung einzuladen." „Wir werden," sagte Jsmene, „rechtzeitig hier und gewiß in der Lage sein, wenn noch ein Restchen der Meinung, die Herr Rafaelowitsch bei unseiem Eintritte äußerte, in ihm stecken sollte, auch dieses zu tilgen." Simson lächelte und machte eine abwehrende Geberde. Sein Vater antwortete für ihn: „Er hat gewiß schon längst seinen Unglauben aufgegeben und denkt vielmehr sicherlich gleich nur, daß es eine Gottesfügung war, welche Sie und Ihren Herrn Bruder in das Land unseres einstigen Glanzes führte." „Sie übertreiben. Doch ist die Ursache merkwürdig genug, die uns hieherführt," bemerkte Jsmene. „Darf man sie wissen, gnädiges Fräulein." sagte Simson. „Sir haben mich neugierig gemacht." „Sehr gerne nenne ich sie Ihnen, umsomehr, als hier ein Räthsel vorliegt, dessen Lösung uns nicht gelingen will; vielleicht gelingt die Lösung Ihrem Scharfsinne: In dem Testamente meines seligen Vaters findet sich eine Stelle, in welcher er den ernsten Wunsch ausspricht, daß ich bis zum zweiundzwanzigsten Jahre unverheiratet bleiben und nach erreichtem zweiundzwanzigsten Lebensjahre mit meinem Bruder durch einige Wochen in Jaffa verweilen solle. Nicht wahr, ein seltsamer Wunsch, dessen Motiv nicht zu errathen ist. Wir meinten aber, trotz dieser Seltsamkeit, das väterliche Gebot befolgen zu müssen und so sind wir nach Palästina gekommen. Jetzt, da wir schon hier sind, haben wir uns in Jaffa nur einige Stunden aufgehalten, wollen erst diese Stadt und das übrige Land ansehen und erst vor der Abreise zwei bis drei Wochen in Jaffa zubringen.... Sie denken Beide nach, meine Herren, wie ich sehe; wissen Sie mir vielleicht schon etwas zu sagen?" „Leider ist die Sache auch mir ein unergründliches Räthsel," antwortete Rafaelowitsch Vater. Jsmene wandte sich Simson zu. Sein Blick ruhte forschend auf dem schönen Mädchen. „War Ihr Vater einst in Jaffa?" „Er erzählte uns oft, daß er und die selige Mutter einst in Palästina gewesen sei; ich bin auch auf der Rückreise vom heiligen Lande in einem kleinen griechischen Städtchen geboren worden." „Ah!" kam es ein wenig überrascht von Simson's Lippen und seine Augen blitzten. „Sie scheinen doch etwas gefunden zu haben, Herr Rafaelowitsch," sagte Jsmene. „Nichts, mein Fräulein," antwortete Simson, dessen Blicke immer durchdringender das junge Mädchen fixirten. In diesem Augenblicke klopfte es an der Thüre. „Es wird unser James sein," sagte Harry Hartly, „den ich beauftragte, uns nach einiger Zeit abzuholen." Dieser war es auch. Der Domestike schien Sitnsvlt aufzufallen.. „Ein alter Mann" — war sein Gedankengang — „und er ist so familiär mit ihueu, wahrscheinlich kannte er sie »och als Kinder; er könutr vielleicht den Schleier dieses Geheimnisses lüfte», wenn er wollte." Die Gäste empfahlen sich mit dem Versprecheil, zur Besprechung, die morgen Abends stattfinden sollte, wieder zu kommen. „Nun, wie gefallen Dir diese Leute, Simson?" fragte der alte Alaun, als sich die Beiden mit ihrem Diener entfernt hatten. „Nicht schlecht; doch sage mir, Vater, was hältst Du von diesem lnerkwürdigen Wunsche in dem Testamente ihres Vaters?" „Es ist nicht werth, sich darüber den Kopf zu zerbrechen; wir alten Leute haben oft groteske Einfälle und ein solcher war v'rmuthlich auch der des alten Hartly." „Aber etwas muß doch dahinter sein," ineinte Simson. Der alte Rafaelowitsch znckie die Achseln. „Legen wir uns zu Bette, wir können es nach dem Fasttage brauchen; der Vollvesttz unserer Kräfte ist uns ja, wie Du weißt, dringend noihwendig." „Begib' Dich zur Ruye, Vater; ich selbst bin noch nicht schläfrig und will noch ein wenig mit meinen Gedanken wach sein. Ich fühle mich stark ivie ein Löwe," fügte Simson lächelnd hinzu, als sein Vater etwas einwenden wollte. (Fortsetzung folgt.)