Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 1 (1.2.1885)
- Date
- 1885-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. l. Selbst-Emaucipation! Jahrgang 1885uicfjt geradezu schändet, so läßt sie doch nicht zu. daß man „dakovaä" sei, da eben der polnische Jude mit diesem Worte nicht sowohl den Begriff „ehrenhaft", was es ursprünglich heißt, sondern den von ^angesehen" Verbinder. Wie aber kann Jemand angesehen sein, welcher nicht den „nerYus rerum gerendarum“, Geld besitzt? Eine Vorstellung, .welche übrigens auch vielfach außerhalb Polens und bei Leuten angetroffen wird, welche nicht dem Judenthume angehöre». Da nun zum „bekowed“ sein Geld gehört, so ist der polnische Israelit fast ausnahmslos eifrig darauf bedacht, solches sich zu erwerben; wobei er es den» mit de» Mitteln, selbiges zu erlangen, häufig nicht allzustreng nimmt. Zwar vor solchen Handlungen, welche ihn unbedingt in Conflict mit den Strafgesetze» bringen würden, nimmt er sich in Acht, denn wer „geseffen hat" (gleichviel iveshalb?) oder sonst gerichtlich oder polizeilich anders als mit Geld bestraft ivorde», ist nicht mehr „bekowed“. Aber kann er durch Uebervor- -theilung, oder sonst in einer zwar nicht ehrenhaften, aber eine Bestrafung nicht nach sich ziehenden Weise sich einen Vortheil verschaffen, so wird er schwerlich anstehen, es zu thun. Der Bankerotteur gilt allerdings für unehrenhaft; doch nur so lange, als er nicht mit denen, die er um ihr Geld gebracht, ein „Arrangement" getroffen hat. Dies ist allerdings eine laxe Moral. So wenig wie sie, ist die Ansanberkeit, welche man bei den Israeliten Polens nur zu häufig antrifft, ihr Schachergeist, ihr Siabilismus, ihre Gleichgiltigkeit gegen die Angelegenheiten ihres Geburtslandes und ihrer Commune geeignet, uns für dieselben einzunehmen. Noch weniger die Feigheit, mit der sie sich Beleidigungen, ja selbst persönliche Mißhandlungen — und obenein sogar von Personen, welche weder durch äußere Stellung, noch an physischer Kraft ihnen überlegen sind — ruhig gefallen laffen. Doch erheischt die Gerechtigkeir, es anzuerkennen, daß an diesenFehlern und n b st o ß e N d e n Eigenschaften sie s e l b st v i e l weniger Schuld haben, als dieBerhältnisse, in denen sie Jahrhunderte gelebt haben und zum Theil noch leben. Ihr erstes Erscheinen in Polen fällt in eine Zeit (vielleicht in den Ausgang des zehnten oder in das elfte Säculum der christlichen Zeitrechnung), wo noch die Nacht der Barbarei — und in ihrem Gefolge Gesetzlosigkeit, wilde Fehdelust und Grausamkeit — über den Weichselländerii lagerte. Da fehlte es denn selbstredend (und anderwärts war es nicht besser) nicht an Berfolgnng und allerhand Unbilden, denen die Fremdlinge sich ausgesetzt sahen. Zwar endete diese Zeit der Verfolgung und gänzlicher Rechtlosigkeit hier früher, als in müderen europäischen Ländern, dauerte aber immerhin lange genug, um den Charakter des Volkes zu degradieren. Die mit dem Jahre 1260 anhebende und nnter der Negierung des edlen Königs Kasimir III., ivelcher sich den ehrenden Beinamen des „Bauern- und Judenkönig" erwarb (er herrschte von 1333 bis 1370) ihre» Höhepunkt erreichende, bessere Zeit für sie aber veranlaßte, zahlreiche Juden aus anderen europäischen Ländern, in denen allen sie mehr oder minder gedrückt wurden, nach Polen auszuwandern. Ganz besonders geschah dies von Deutschland aus, wo sie am zahlreichsten, während des ganzen vierzehnten Jahrhunderts aber auch am meisten gedrückt waren. Zu Tausenden flüchteten damals die unglücklichen Israeliten, die man in Deutschland wie wilde Thiere hetzte und zu Hunderten verbrannte, nach dem duldsameren Nachbarland. Doch auch aus anderen Staaten (aus England, Frankreich, der Schweiz, Ungarn und Rußland) kamen sie und füllten Polen an. Von hier aus verbreiteten sie sich dann gleich zahlreich nach Litthanen, als dieses (1386) mit Polen unter einem Herrscher vereinigt worden war. Daraus erklärt sich denn die ganz ungewöhnliche Menge der Jsraliten in beiden Ländern. Hätte diese Toleranz Bestand gehabt, so wäre die Lage und der Charakter der polnischen Juden heute eine ganz andere, als sie es thatjächlich ist. Mit der Zunahme der Macht und des Trotzes des Adels gegenüber der in immer größere Schwäche verfallenden Königsmacht verschlechterte sich, gleich der Lage der christlicben Bauer», auch die der Israeliten im Sarmatenreiche immer mehr. Schon vorher von einzelnen Feudalherren gedrückt und ausgesogen, vermehrten Druck und Aussauqnug sich immer mehr, je weniger die Hand des Königs sie zu beschützen die Kraft besaß. Als dann 1573 die tolerante Dynastie der Jagellonen ausgestorben war und bald darauf auch die Jesuiten in Polen und Litthanen Eingang fanden, wurden durch sie gleichmäßig die Herrscher und das gemeine Volk (welches letztere ihucn schon vorher au vielen Orten nicht sonderlich geneigt gewesen war) gegen sie eingenominen resp. aufgebetzt. So fanden die Israeliten der W-ichselländer denn bet der Negierung nicht mehr die frühere, gegen Druck sie tbunlichst schützende Geneigtheit und sahen von der großen Masse sich vielfach angefeindet, ja mehrmals sogar (namentlich 1649 und 1654) blutig verfolgt. Vom Staatsleben und jedem Zugänge zu öffentlichen Aemtern ausgeschlossen, nnter eigener Gerichtsbarkeit und zum Theil auch in eigenen „Judenvierteln", als Handeltreibende, Faktoren und Branntweinschänker (doch auch als Handwerker und Landlente) meist in Armutb lebend — von ihnen vielfach feindlich gesinnten Leibeigenen und halben Barbaren umringt — gestalteten den Charakter, wie die Lebensweise und Weltanschauung der polnischen Israeliten sich in jener eigenartigen, unS Deutsche durchaus nicht entsprechenden Weise' und zwar um so mehr, als kür ihre Emancipation auch die an die Stelle der nationalen getretene russische Regierung nur äußerst wenig gethan hat. Jedenfalls liegt die Schuld daran, daß er im Laufe der Zeit kein anderer geworden, weniger an dem sarmatischen Israeliten selbst, als an den ihn umgebendeu Berhältniffen, die ihn vielfach daran hinderten. Nur in wenigen Städten Polens und Lithauens wohnen die Juden noch in abgesonderten Vierteln, in den meisten inmitten ihrer christlichen Mitbürger, ohne jedoch mit diesen, seltene Ausnahmen abgerechnet, in einen näheren Verkehr zu treten. Die Judenhäuser habe» fast ausnahmslos ein sehr bescheidenes, nicht selten ein verfallenes Aussehen, sind aber im Innern oft besser eingerichtet, als man vermuthet. An den Fenstern hängen stets Gardinen, freilich oft von sehr zweifelhafter Weiße. Wer es irgend kann, richtet sich eine, nur zum Empfange von Besuchen dienende „Pntzstube" ein, welche mit einigen Luxusmöbeln geschmückt ist. Sollte ihr Besitzer auch da) ganze Jahr über auf harter Pritsche schlafen, so darf doch dieser Stube ein Sopha nicht fehlen; ebensowenig ei» größerer Spiegel und ein Kronleuchter von GlaS oder Bronze, auf welchem am Freitag Abend die Festtagslichte brenne». Im Winter ist dies Gemach fast stets überheizt, was freilich auch von den anderen Wohnräumen gilt. Die Ausstattung dieser ist übrigens geivöhnlich eine ziemlich ärmliche; selbst da, wo die Wohlhabenheit des Besitzers eine comfoctablere Ausstattung sehr wohl ermöglichte. Das verfallene Aussehen so vieler Judenhäiiser rührt übrigens zum Theil noch aus einer Zeit her, wo der geringe Rechtsschutz, dessen damals ihre Eigenthümer genossen, es rathsam machte, ihre Wohlhabenheit thnnlichst vor den Augen der sie Knechtenden zu verbergen. Sehr vortheilhaft unterscheidet sich der polnische Jude von der großen Mehrzahl seiner christlichen Landsleute durch s.'ine Mäßigkeit im Genuß spirituöier Getränke. Obschon im Königreiche Polen und in Russisch-Litthauen wohl acht, wo nicht gar nenn Zehntheile aller Branntweinschänken sich in jüdischen Händen befinden, trifft man unter diesen zahlreichen israelitischen Branntweinschäiikern doch nur sehr vereinzelt, hier und da einmal, einen Süffling an; wie es denn auch in dem von mehr als 50.000 Israeliten bewohnten Warschau nur ei» seltenes Vorkommniß ist, daß man auf der Gisse einem berauschten Juden begegnet. Dagegen sind diese starke Theetrjuker. welche durch den inaffenhaflen Genuß dieses ebenfalls erwärttienoen Getränkes sich gegen die Rauheit des Klimas während der größeren Jahreshälfte zu schätzen beflissen sind. Zi mlich reichhrltig ist bei den Israeliten der Weichselländer die Speisekarte; doch munden die meisten ihrer Gerichte dem deutschen Ganmen wegen zu starker Würzung nicht; ganz vorzüglich aber verstehen sie Fische zuzubereiteii. Bekannt auch in Deutschland ist die eigenthiimliche Kleidung und Haar- und Barttonr der politischen Inden, an welcher sie mit großer Zähigkeit festhalten. Ihre ans einem langen schwa zeit Rocke („Chlat" geheißen), dito Hosen, einer mit Pelz verbrämten Mütze und seidenem Leibgürtel bestehende Tracht ist übrigens die ursprüngliche aller Bewohner des Sarmatenlanves und nur im Laufe der Zeit bei den Richtjnden meist in Wegfall gekommen. Mit gleicher Stabilität, wie an seiner Kleider- und Barttracht hängt der polnische Jude an den von den Vätern überkomneuen religiösen Anschaniingei, und Gebräuchen. Mit diesen letzteren hält er durchaus nicht hinter dem Berge, sondern zeigt sie sogar mit einem gewissen Setbstbewilßtsein, unbekünimt darum, ob ihre Seltsamkeit den Spott der Christen hervorruft oder nicht. Namentlich gilt dies von der öffentlichen Frier des L a n b b ü t t e n f e st e s. Seltsam genug sehen dany in den polnischen Städten und Städtchen jene Gassen aus. welche vorwiegend oder ausschließlich von Inden bewohnt sind. In ihnen werde» dann vor den Hänsern, welch' Jsrealiien gehöien, hölzerne Vorbauten, oben offen, errichtet, statt des Daches aber Baumstämme mit lebendigem Land über ihnen anfgethnrmt. Aeußerlich sehen die Anbauten schmucklos genug aus, im Innern aber sind sie mit seidenen, damastenen oder mindestens doch schlicht leinenen Decken behängt. Schnüre, auf denen zahlreich Roßkastanien aufgezogen sind, schmücken die Waiidkanten, und Laubgewinde (seltener Blumenguirlanden) ziehen sich bis zur Mitte der Decke hin. Hier nun bängt ein großer, im Innern ansgenoinmener, Kürbis, in dessen Fleisch kurze Inschriften geschnitten sind. Eilt Licht, welches im Innern der Frucht brennt, läßt die Buchstaben transparent erscheine». Inmitten dieser „Hütte" steht der mit weißem Linnen gedeckte Festmahlstisch, und auf ihm ein paar sil.erne (aber mindestens blank gescheuerte messingene) Leuchter. Ist das Mahl — sei es nun reichlich oder kärglich — gehalten, dann stimmt der polnische Jude mit halblauter Stimme jene ihm eigenihiimlichen Synagogengeiänge an. In dem gesummte» Liede ruht seine von Druck und Qual ermüdete Seele aus. Hier im Verkehr mit seinem Gottist er kein Paria, keines Menschen Knecht, kein Ansgestoßeuer mehr; hier fühlt er sich als Mensch, fühlt sich so gut wie alle anderen, ja besser noch : ist sein Volk doch das „auserwäylle" Jehovahs!