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Selbst-Emancipation · 1885-02-01 · Heft 1 (1.2.1885) · page 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 1 (1.2.1885)
Date
1885-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 1. Jahrgang 1885. S eN' st - E m a n c i p a t i o n! geringsten Resultate auf dem Gebiete des Geistes aufweisen. Zieht man, noch die äußerst ungünstige Lage desselben, den allseitigen Druck, welchem er von den umgebenden Gewalten ausgesetzt ist, sowie, daß dessen Existenz so schwer als nur irgendwie möglich gemacht wird, in Betracht, so hätte man umsomehr Grund dies zu befürchten. Aber man ist genöthigt, an ein Abweichen von dem Naturgesetze der diesem morgenländischeu Bolksstanime zu glauben. I n den wenigen Elementen liegt doch viel freie Kraft aufgespeichert, welche allen Gebieten der Wissenschaft, der Kunst und der Industrie z,l Gute kommt. Wer aber vermag diese in alle Welt zersplitterte Thätigkeit zu übersehen und zu conceiitrire»? Die Juden leisten zersprengt und zerstreut säst allen Nationen geistige Frohndienste ohne den Ruhm für sich in Anspruch zu nehmen, .Unvergängliches geleistet zu haben. Wie sehr auch die Wissenschaft und die Kunst jeder Einengung auf Raum und Zeit spotten, können sie doch der Fessel der nationalen Geburt nicht entbehre». Man sieht jede Nation mit Vorliebe bei ihren hervorragenden Leistungen und Leitsternen verweilen. Geratheu nicht oft mehrere Nationen um einen Mann in Fehde, indem jede ihn für sich icclaniirt? Wir Juden der Gegenwart leiden in diesem Punkte unserer uatiouaten Geschichte den empfindlichsten Schaden. Währ.nd andere große Nationen eine politische Geschichte voll von wichtigen Begebenheiten besitzen, eine Reihe klangvoller Namen, welche der Zeit ihre Ziele mit dem Degen abstecken — und dann erst neben dieser Geschichte die Literaturgeschichte mit Aengstlichkeit verzeichnen, haben tvir Juden, denen doch der Löwenantheil einer activen politischen Geschichte abgeht, nicht einmal unsere Geistesgeschichte so sorgfältig verzeichnet, wie es wünschenswerth wäre! Nur einzelne Rabbiner und Gottesgelehrte und hie und da eine einflußreiche Persönlichkeit verkünden uns manches aus der Flucht der Zeit. Wo aber blieben alle jene Männer, welche in anderen Wissenschaften sich ausgezeichnet und ihrem Volke Ehre und gar oft Rettung brachten? Vergebens forschest Du darnach. Soll es noch lange so bleiben? — Soll die Diaspora unseres Volkes auch die Vernichtung unserer geistigen Kraft bedeuten? Könnten wir aus der Diaspora nicht auch Nutzen für unser Volk ziehen? Könnten wir nicht die Culrurarveit, welche wir Juden unter allen Nationen leisten, einmal auch gesondert zum Ausdruck bringen, um uns selbst und andern den acteninäßigen Beweis zu erbringen, daß Israel kein abgestorbener Volkssplitter ist? Wir müssen daran gehen, unsere geistigen Kräfte zu sammeln. Unsere Freunde werden uns daun noch höher schätzen lernen, unsere Feinde werden gezwungen sein, uns zu respectiren — und wir selbst werden die Lücken wahrnehmen, die wir im Interesse der gesammten Menschheit wie in dem eigenen nationalen Interesse anszusüllen und zu ergänzen haben. Wie beginnen wir aber das große Werk? Die ganze große Aufgabe auf einmal lösen zu wollen, das dürfte auf Hindernisse stoßen. Wir wollen daher blos einen Theil der Arbeit beginnen mit dem Vorschläge der Einberufung eines jüdischen Journalisten- und Literaten- Congresses zu einem gemeinschaftlichen Gedankenaustausch und zur Organisirung dieses bis zur Stunde so arg vernachlässigten Standes. Sind nicht etwa jene Männer, welche ihr Leben dem Dienste des jüdischen Geistes widmen, unsere Priester, unsere Leviten, welche auf dem Altäre der jüdischen Wissenschaft opfern? Haben wir je unsere Pflicht gegenüber jenen Märtyrern des Geistes erfüllt? — Haben wir diese Elemente gesammelt und diese Schaar zu einer jüdisch-literarischen Körperschaft.vereint, so wird, sich auch die Gemeinschaft der Richtung Herstellen und der Zerfahrenheit im Zelte Jacobs und was noch mehr als das, in den Köpfen unserer öffentlichen Meinung ein Ende gemacht sein. Der jüdische Literat, welcher bis zur Stünde frei wie der Vogel. im Walde dasteht. ohne ans Schutz seiner Interessen rechnen zu können, .ohne Stütze gegen Schicksalsschläge, muß seitens unseres Volkes würdiger und liebevoller behandelt werden. Es müssen den Literaturerzeugnisscn Absatzgebiete eröffnet werden — damit das Wort der jüdischen Kämpen nicht verhallt wie ein Ruf — in der Wüste. Nur ein Volk, das seine fiiteratur achtet und sie großinüthig fördert, verdient ein Cnlturvölk genannt zu werden. Die Pflege der Nationalliteratur ist der Gradmeffer des Hoch- oder Tiefstandes eines Volkes. Das möge jeder Jude beherzigen, dem die Ehre, dem das geistige Leben unserer Nation heilig ist. Wir, die jüngsten - unter den Schreibern in Jehuda, fordern alle Männer, die ihre Feder dem jüdischen Interesse widme», sowie die Gönner und Freunde der jüdischen Journalistik und Literatur auf, daß sie fördernd und helfend eintreten zum Zwecke des Zustandekommens dieses angeregten jüdisch-nationalen Litcraten-Congresses und eventueller Grüiivung eines allgemeinen interterritorialen jüdischen Vereines zur Hebung -und Pflege der jüdischen Literatur. Die Jude» Dolens uuir Whmiens. Von Gustav Jaqnet. *) Sowohl' i» dem Lande, welches heutzutage officiell als „General-Statthalterschaft ver Weichsel-Gubernien" bezeichnet, außerbalb Rußlands aber gemeinhin „Russisch-Polen" oder „Königreich Polen" genannt wird, als auch in den Provinze», welche, die russische Staatsgeographie unter dem Collcctiviiamen „Westriißland" begreift und die einst dos Großfürstenthum Litihauen und die Herzogthümer Wolhynien und Podolie» bildeten, machen die Israeliten, im Gegensatz zn allen übrigen Provinze» des Czarenreickes, einen sehr bedeutende» Bestandtheil der Bevölkerung aus. Das Königreich Polen zählte 1875 unter seinen damals überhaupt 6,028.000 Einwohaerir ihrer 786.000. d. i. 13 Percent der Gesamnubevölkerung. Noch zahlreicher sind sie in den acht Gubernien, welche ziisammeil „Westrnßlaiid" qciiannl werden : Wilna, Groüno. Kowno, Minsk, Moyileff, Witebsk. Schitomir und Kameuetz-Podolsk; da vo» deren Bewohnern etivas über 16 Percent der israelitischen Nationalität angehören. Selbstverständlich ist ein so erheblicher Bruchtheil der Bewohnerschaft nicht ohne Bedeutung für dieselbe. Doppelt ist ec es da, wo. wie in einigen Städten Litihäuens der Fall, die Juden die Halbscheid der Bevölkerung, oder »och darüber ansmachen. Die Israeliten bilde,, eine» in inehriacher Hinsicht interessanten, »ach feinen Charakter-Eigenschaften noch nicht genugsam in Deutschland bekannten und gewürdigten Bestandtheil der Einwohnerschast Litthauens und des Königreichs Polen. So sehr auch auf den erste» Blick der polnische Jude außerhalb der ihn ningebenden bürgerliche». Gesellschaft zu steben scheint, so ist er doch in seiner Familie und in der Gemeinde ein Bürger in dieses Wortes voller Bedeutung »nd Conscquenz. Sein ganzes Dickten und Trachten ist darauf gerichtet, einen geachteten Platz in der Gesellschaft eiuzunehinen. Das heißt: nicht sowohl i» der ihn umgebenden staatlichen und localen Genossenschaft - von dieser trennen ihn theils Gesetze und christliche Borurtheile, theils sein eigener Wille — als vielmehr ia seiner Gemeinde. Düse ist seine Heimat, was außerhalb derselben, wenn auch noch so nahe, liegt, ist für ihn mehr oder minder „Ausland". Sein ganzes Streben, seine Thätigkeit, seine Haltung, seine Erscheinung, die Erziehung, welche der polnische Israelit seinen Kinder» gibt oder durch Andere geben läßt, ist darauf berechnet» innerhalb der Gemeinde „bolcorrsck« zu sein. Dies hebräische Wort heißt zu deutsch: „in Ehren", entspricht aber thatsächlich mehr unserem: „in Aiikehen stehend". Als ehrlos gilt dem polnischen Israeliten in erster Linie jede Bestrafung durch die Obrigkeit, jede Verletzung der Keuschheit und jeder brüske Bruch mit der herkömmlichen Form der Religionsübung. Doch genügt das Nichtvorhandensein dieser drei unbedingt ehrlos machenden Dinge noch keineswegs, um „dolcovsa zu sein. Man darf auch nicht arm sein; denn wenn die Armut auch *) Wir entnehmen rühmten Schriftsteller» — Monatshefte „Aus allen interetzantcn, objectiv aeschriedenen Aufsatz dieser be- . weiwerbreiteten und trefflich redigirten illustrirtcn Welttheilen".

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