Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 1 (1.2.1885)
- Date
- 1885-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 1. Selbst-Emancipation! Jahrgang 1885. unbedingt glauben! Und so müssen wir denn auch glauben, wenn die drei Viertel civilirter Welt für die ganze Lichtlosigkeit unserer Schattenseele eine Grundursache gefunden haben, die ihre Autoritäten durch die schönen, verbessernden — Pardon, wir sind ja unverbesserlich! — Worte zum Ansdruck bringen: „In der Race liegt die Schw__ei." Der niedrige „Wuchergeist", der unsere Hände des Pflugs und des Hammers entwöhnt hat, der ziellose Schwindel, der sich des Ruines Anderer freut, die eitle Hoffarth und Prunksucht, die im Sommer Karlsbad und Vöslau, Ostende und Nizza besucht, die Geld- und Ehrsucht, welche alle Mittel, die wir anwenden, uns gut erscheinen kaffen, die jämmerliche Feigheit, die uns den Kriegerstand fliehen und dem mannhaften Duelle ausweichen läßt, die bizarre Lächerlichkeit unseres Auftretens — diese ganze Liste von Tugenden hat Alles in unserer Race, i» unserem Semitismus seinen Grund. Wir müssen es glauben, denn — . Autoritäten haben es gesagt und Autoritäten muß man glauben. Und wenn wir es doch nicht glauben wollten? Das entspräche dann vollkommen der semitischen Selbstüberhebung, der semitischen Keckheit, die den Respect nicht kennt und die Größe nicht achtet... . Haben alle unsere Mängel wirklich ihren Grund in unserer Race? Ist der Stoff, aas dem wir gemacht find, wirklich so unedel, so schmierig und schmutzig? Oder sind die Ursachen unserer Mängel doch auch irgend wo anders zu suchen? Kann es denn wahr sein, daß ein Moses, ein Hillcl, ein Maiuionides, ein Spinoza einem aus gemeinem Stoffe gemachten Stamme entsprossen sind? Wenn wir schon voii uns absehen, ist es denn nicht eine Lüge, die der Ethnographie und der Geschichte in's Gesicht gesagt wird, wenn man eine Race als moralisch tiefstehend bezeichnet, die nicht nur un-, sondern auch das doch unangefochten edle und ritterliche Volk der Araber umfaßt? Es ist nicht nur unrichtig, daß die Mängel der Juden lammt und sonders in ihrer inferioren Race zu suchen sind, sondern es ist im Gegentheile zu behaupten, daß die wenigsten auf diese Ursache zurückzuführen und diese wenigen gerade die unwesentlichsten und manchmal so beschaffen sind, daß sie von einem anderen Gesichtspunkte aus als Tugenden erscheinen. Die etwas komisch wirkende Uneleganz ihres Auftretens im Großen und Ganzen findet' man noch mit dem meisten — wenn auch nicht mit vollem — Recht in ihrer lemitischen Natur; aber könnte man nicht mit Recht die Frage aufwerfen, ob diese, arischen Augen auffallende groteske Unbeholfenheit nicht ein Zeichen ist eines höheren Gedankenfluges, erhaben über kleinliche Aeußerlichkeiten? Dagegen sind die meisten anderen Fehler, von denen wir eingestehen müssen, daß sie unserem Stamme anhaften, nicht in unserer Race gelegen, ja sie widersprechen ihr noch. Alle diese Mängel, deren Größe übrigens von den drei Vierteln civilis irter Welt in's Fabelhafteste aufgebauscht wird, sind uns «»erzogen worden von unseren gütigen Erziehern, den europäischen Völkern; sie sind systematisch erzeugt, begünstigt und gekräftigt worden von den Nicht-Semiten; sie sind das naturgemäße Product unseres Leidensschicksals, die nothwendige Folge unseres nationalen Unglückes. Das ist es, dessen die drei Viertel civili-, sirter Welt sich erinnern mögen, wenn sie daran gehen, über unsere moralische Qualität den Stab zu brechen. Das ist es aber auch, was uns zeigt, woran wir zu denken haben, wenn wir unsere Fehler beseitigen, unseren moralischen Gesundheitszustand bessern wollen; selbst ringen und selbst trachten, daß unser Schicksal aufhöre, ein Leidensschicksal zu sein, selbst bestrebt sein, den auf uns seit achtzehn Jahrhunderten lastenden Bann des nationalen Unglücks abzuschütteln, das muß das Heilmittel sein, welches wir in Anwendung zu bringen haben. Dann wird, obzwar man auch jetzt aus der Mücke einen Elephanten macht und. wie schon erwähnt, unsere Fehler in's Abenteuerliche ansgeweitet werden, die Zeit kommen, wo der, der gegen uns solche Vorwürfe erhebt, vollkommen Lügner sein wird. Dann wird der etwas zu stark ausgebildete Handclsgeist wieder der edleren Lebensanschauung des jüdischen Alterthums, die ein wenig krankhafte Ehrsucht wieder einem edlen Ehrgeize, der in unserer Zurücksetzung begründete Mangel an männlicher Kühnheit wieder dem berühmten, beispiellosen Muthe unserer Vorfahren weichen. X.j. Khronik. (Es regt fich.) Für jeden national denkenden und fühlenden Juden muß es eine freudige Botschaft sein, wenn er von der» Fortschritten hört, welche die Bekämpfung der Assimilation macht. Ein solcher Fortschritt ist die in Angriff genommene Gründung eines Vereines jüdischer junger Männer aller Stände, welcher sich die Pflege der jüdischen Geschichte und die Hebung des jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühles durch geselligen Verkehr zur Aufgabe setzen wird. Der neue Verein soll den Namen „Z u k u n f t, Verein jüoischer junger Männer" führe». — Hoffentlich wird er bald in's Leben getreten sein und dann viel von sich hören lassen! (Akademischer Verein „Kadimah".) Bei der am 28. December 1884 stattgehabten Plenarversammlung des akademischen Vereines „Kadimah" sah sich der Präses dieses Vereines, Herr N. Birnbaum, genöthigt, wegen Ueberbürdung und angegriffener Gesundheit sein Anit niederzulegen. An seine Stelle wurde in der darauffolgenden Plenarversammlung vom 10. Jänner 1885 Herr S. B u r g zum Präses gewählt. — Der genannte Verein gab soeben einen ausführlichen Bericht über die von ihm am 17. December 1884 veranstaltete und von glänzendem Erfolge begleitete „Makkabäerfeier" heraus, welchem sich ein kurzer Bericht über die Vereinsthätigkeit und eine Vereinsstatistik anschließen. (Erneunung.) Der außerordentliche Prof. Dr. David Heinr. Müller wurde zum ordentlichen Professor für semitische Sprachen an der Universität in Wien ernannt. (Ein Dementi.) Von antisemitischer Seite wurde die Nachricht colportirt, daß nächstens das vor zwei Jahren eingegangene antisemitische Tagesjournal „Tribüne" wieder erscheinen werde. Wie nun mehrere Zeitungen zu melden wissen, soll vom 1. April d. I. an allerdings in Wien ein Tagblatt mit dem Titel „Tribüne" in deutscher Sprache erscheinen, jedoch wird dasselbe von den si'rdslavischen Abgeordneten herausgegeben und in confessioneller Hinsicht einen unparteiischen Standpunkt innehaben. (Bon der Lemberger Handelskammer.) sOrig.-Corr.) Die Handelskammerwahlen vollzogen fich nach dem Wunsche des polnischen Centralcomites, während die Juden, welche vermöge ihres überwiegenden Handels- und Gewerbestandes die Tonangebenden zu sein pflegten, nun von jeder Action zu eigenen Gunsten Abstand genommen haben. Einige ehrgeizige und nicht im geringsten geeignete Mandatshascher haben ihre Mandate aus der Hand der Machthaber in Gnaden erhalten. So wird das jüdische Interesse, welches sich an die Handels- und Gewerbekammer knüpft, ausgeliefert. Warum hat der „Schomer JsraSl" diese Angelegenheit verschlafen — wohl darum, weil der Präsident desselben in der Handelskammer nichts zu suchen hat? (DaS Lemberger Central-Cheder.) Man schreibt uns aus Lemberg: Die Wiener israel. Allianz will, wie bekannt, hier ein Central-Cheder mit elassenmäßiger Anord-