Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1885
- Issue
- Heft 1 (1.2.1885)
- Date
- 1885-02-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. l. Selbst-Emancipation! Jahrgang 1885. nung einrichten. Anfangs schien die Sache ganz glatt ablaufen zu wollen, allein es ist nicht so gekommen. Der hiesige Vorstand, welcher zumeist aus politischen Gernegroßen und Reichsrathsaspiraiiten besteht, perhorrescirte Alles was nur einen jüdischen Anstrich hat und nicht aus polnischnationaler Rüstkammer hergenommen ist. Daher lehnte er die thätigeMitwirkung ab. Dr. Byk, welcher nicht in das Schulcomitö gewählt wurde, wird nun einen geharnischten Artikel im „Israelit" vom Stapel lassen. Seitens eines Ungenannten wieder erschien ein hebräischer Aufruf gegen diese Maßregel der „Allianz". An einer Stelle heißt es darin: „Wie sollten jene Herren, welche in ihrer Stadt das Jüdische fast ausgelöscht haben, für dasselbe gerade bei uns so zartfühlend sein? Wir in Galizien werden mit Gotteshilfe Thora und Gcmarah können — was uns aber fehlt sind Arbeitshäuser, um unserem Elende abzuhelfen." Indessen ließ das Somit« des Vereines „Mikra Kodesch" über Antrag des Dr. R. Vierer eine öffentliche Besprechung über das Cheder im Allgemeinen, wie über das Central- Cheder insbesondere, auf Samstag den 24. v. M. anberaumen und wurde zu Gunsten der neuen Institution gesprochen. Zu bedauern ist freilich, daß diese neue Cultureinrichtung ebenfalls dem Moloch der Polonisirung geopfert werden soll. Die Leitung dieser Cheder-Volksschule wurde nemlich eine»! Repräsentanten der bekannten chauvinistischen Richtung der Agudas-Achimhelden übertragen. (Nehmt ßuch ein Beispiel l) Man schreibt uns aus Krakau unterm 28. Jänner: Anläßlich der bevorstehenden Neuwahlen für den Reichsrath werden in ganz Galizien bereits die ersten Vorbereitungen getroffen. Speciell die Ruthenen, welche bei den letzten allgemeinen Wahlen mehrere Mandate verloren, werden Alles aufbieten, um in den „gemischten Gegenden" ihren Eandidaten den Sieg zn sichern.. Das bereits constituirte „Ruthcnische Central-Wahlcomits für die allgemeinen Reichsrathswahlen" entfaltet eine rührige Thätigkeit und dürfte es — nach den Vorbereitungen zu schließen — in vielen Gegenden zu aufregenden Wahlkämpfen koinmen. Die Ruthenen sind bekanntlich gegenwärtig nur durch drei Abgeordnete (Kowalski, Kulaczkowski und O z a r k i e w i c z) im Reichsrathe vertreten und stellen dieselben deshalb die Behauptung auf, daß ihnen — auf Grund des Dichtigkeits- Verhältnisses der polnischen und ruthenischen Bevölkerung — mindestens zehn Mandate zufallen würden, „wenn die Wahlen ordnungsgemäß vor sich gehen." — Hiesige angesehene Stammesgenossen beabsichtigen, Wahlaufrufe au die jüdischen Wähler Galiziens zu erlassen, mit der Aufforderung, sich a» den Wahlen recht zahlreich und lebhaft zu betheiligen. Mögen die galizischen Juden diesem Aufrufe Folge leisten und zwar iu der Weise, daß sie dabei an das Jnteresie des eigenen Stammes denken. Die Rührigkeit der Ruthenen einerseits, sowie der Polen andererseits in der Wahrung der Stammesinteressen kann ihnen zum Muster dienen. (Ein antisemitischer Commissär.) Die Prager „Politik" meldet aus T r a u t e n a u in Böhmen, daß ebendaselbst recht idyllische Zustände herrschen. Die aus beiläufig hundert Familien bestehende israelitische Gemeinde dieses Ortes ist Seitens der überwiegend antisemitischen Bevöikeiung den größten Verfolgungen ausgesetzt und hat — wie das obige Blatt meldet — jüngst der dortige k. k. Commissär Köstler v. Stromberg in einem öffentlichen Locale den höchst „geistreichen" Ausspruch gethan, „daß jeder gebildete Mensch ein Antisemit sein müsse". — Fürwahr —- ein höchst sonderbarer Mann dieser Herr Commissär! Wir wollen hoffen, daß die Regierung die Sache untersuchen und dem Herrn die nöthige „Belehrung" zu Theil werden laffen wird. (Sßmtn zum Schutze gegen jüdische Concurrenz.) Unter diesem vielsagenden Titel wurde in Fünfkirchen ein Verein gegründet, dem viele Kaufleute und Gewerbetreibende sich angeschloffen haben. Die Coustituirung dieses Vereines soll am 2. Februar d. I. stattfinden. Die Mitglieder. desselben erklären zwar, die Juden nur in kaufmännischer und nicht auch in confessionell-politischer Richtung bekämpfen zu wollen, aber der Pferdefuß scharrt zu deutlich heraus. (Der philosemilische Hirtenbrief des Cardinal Haynald) spricht regelmäßig nur von einer jüdischen Nation und nicht von mosaischen Magyaren. Es mögen sich dies einerseits die jüdischen Verschmelzungsritter, andererseits die arischen und altaischen Antisemiten merken. (Eine nothwendige Gründung.) Wie man uns aus dem bekanntlich sehr gemüthlichen Dresden mittheilt, ist daselbst die Gründung eines antisemitisch-deutschfreisinnigen Vereines im Zuge, welcher bei den nächsten Reichstagswahlen auch eine Vertretung in der Legislative mit aller Macht anstreben, vorläufig aber sich mit der Befreiung der „Deutsch-Freisinnigen" draußen im Reiche von der „jüdischen Capitalsinacht" beschäftigen will. Ein Dresdener Journal, welches diese Neugründung bespricht, bemerkt hiezu, daß, da in den Redactionsstuben fast aller deutscher Blätter Antisemiten sitzen, dem Vereine erfolgreiche Propaganda äußerst leicht gemacht sei. — Wir für unseren Theil wissen zwar nicht, inwiefern die „jüdische Capitalsmacht" der Entfaltung eines freisinnigen Deutschthums oder dem deutschen Freisinne hinderlich ist, halten aber dafür, daß die Dresdener Herren Antisemiten, die nach zuverlässigen Mittheilungen bisher noch keinen einzigen Juden gefressen haben, dies auch nach Gründung des erwähnten unaussprechlichen Vereines nicht thun werden. (Fortschritt der Palästina-Idee in Deutschland.) Die P. T. Assimiltanten mögen soviel Zeter schreien als sie wollen, sie können doch nicht den Siegeszug der Palästina-Idee aufhalten. In Berlin, der Metropole der Assimilation par exceUence, hat der Verein „Esra" seinen Sitz, der bereits 6300 Mitglieder zählt. Derselbe hat den Zweck, die Colonisten durch rasche Hilfe vor den Netzen der anglikanische» Missionäre zu retten. In Heidelberg, der alten deutschen Universitätsstadt, wo doch die herrlichsten Traditionen des Deutschthums die Juden am leichtesten zur Jdentificirung mit dem Germanismus verlocken sollteir, macht der neu iu's Lebe» gerufene, vom Privatdocenteu der Mathenialik an der dortigen Universität, Herrn Dr. Schapira gegründete Verein „Zion" stete Fortschritte. Der Verein hat sich folgende Ziele gesetzt: Pflege der jüdischen Literatur, Verbreitung des Gedankens der Colonisativn Palästina's und Errichtung einer Hochschule mit theologischer, mediciuischer und technisch-industrieller Abtheilung in den dortigen Kolonien. (Affinnlationsphraseu.) Die „Populär-wissenschaftlichen Monatsblätter" des Mendelssohn-Vereines in Frankfurt am Main berichten in Nr. 1 dieses Jahrganges über die Delegirteii-Vcrsammlung der Zionsfreunde, welche voin 6.—11. November 1884 in Kattowitz (Ober-Schlesien) tagte und fügen ihrem Berichte die Worte zu: „Wir werden unseren Lesern über diese den meisten deutschen Juden hochunsympathische Bewegung noch des Ausführlichen , berichten, sobald in den Gang der Uiiterhandlungen mehr Klarheit gekommen sein wird. Soviel steht aber fest, daß der Kraftaufwand und die zu Tage tretende Energie für wichtigere Angelegenheiten eher am Platze wäre. Palästina gehört für uns der Vergangenheit an und jeder Rückkehrgedanke ist thöricht und nicht wünschenswerth. Aufwärts, nicht rückwärts geht die jüdische Geschichte ihren Gang." — WaS die wichtigeren Angelegenheiten sind, für welche Kraftaufwand und Energie eher am Platze wären, das sagen die „Populär-wissenschaftlichen Monatsblätter" nicht. Doch