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Selbst-Emancipation · 1885-02-01 · Heft 1 (1.2.1885) · page 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1885
Issue
Heft 1 (1.2.1885)
Date
1885-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1. Selbst-Emonci Patio n! Jahrgang 1885. Erlöschung — Erlösung. Ein Gefühl schmerzlicher, bitterer Enttäuschung beschleicht uns, wenn wir jetzt sehen müssen, wie eitel imb nichtig unsere Hoffnungen waren auf ein endliches Aufhören der gegen uns herrschenden Vorurtheile, auf eine endliche sociale Gleichstellung mit unseren christlichen Mitbürgern. Alle die Mittel, die wir anwendeten, um uns in Sitte, Tracht und Sprache den Völkern, unter denen wir leben, auzupaffen, reichten nicht aus, um das »sespenst des Judenhaffes zu bannen, ja genügten nicht einmal, um ein Anwachsen dieses dämonischen Dranges in den europäischen Nationen an Intensität und Extensität zu verhindern. Oder haben wir zu wenig gethan und hätten mehr thun können, um das ersehnte Ziel der Verschmelzung mit den Völkern zu erreichen? War es nicht.genug, wenn wir diesem zu erreichenden Ziele zu Liebe auch die schönen Eigenschaften unseres Volkes zu verlieren uns bemühten, unsere Vergangenheit, unsere Geschichte zur Zielscheibe Unseres Spoties machten, wennwir 'die "hebräischen Läute aus unseren Wohn- und Gotteshäusern verdrängten oder wenigstens zu verdrängen suchten und die Stellen, die von der nationalen Zukunft Israels sprechen, aus den Andachtsbüchern unserer Betenden ausmerzten? Das wäre Alles noch zu wenig gewesen? Ja, was bliebe denn noch zu thun übrig, was wir nicht gethan hätten, um uns unserer Eigenart zu entäußern? Offenbar — wie es scheint — nichts — als höchstens noch ein letzter Schritt, der letzte — aber sicher von Erfolg degleitkt. Sv mancher der Kämpfer für die Entjudung der Juden mag im Grunde seines Herzens an diesen letzten Schritt denken, wiewohl Jein Mund von Phrasen über die Existenzmöglichkeit der mosaischen Religion ohne Weiterbestand der jüdischen Nation überfließt. Diesen letzten Schritt uns machen zu lehren, dazu hat die saubere Vermengungstheorie doch zu wenig . Zeit und Einfluß gehabt; selbst der größte Theil ihrer Apostel und Jünger hat sich noch nicht zu solch' hohem Grade affimilatorischer Reife emporgeschwungen. Vielleicht würden auch Tausende unserer Stammes- und Glaubensgcnoffen der „Assimilation" verächtlich den Rücken kehren, wenn sie nur erkennen wollten, daß die äußerste Consequenz des Vrrmischungsprincipes nichts Anderes ist, als eben jener — letzte Schritt. Wenn nun aber wirklich alle diese Bemühungen, Ex-Zuden zu werden, keinen anderen Erfolg hatten, als daß die Gegensätze gegenwärtig gewissermaßen schärfer gegenübersteheii, als je zuvor, so muß sich natürlich die Frage erheben : „Was nun?" Wir finden die Antwort auf diese Frage in den inneren Gründen der Wiikungslosigkeit der Assimilationsbestrebungen: Die Nationen, in deren Mitte , wir leben, zeichnen sich sämmtlich, die eine mehr, die andere weniger, dadurch aus, daß sie einen hochentwickelten Sinn für nationale Wohlfahrt und nationale Größe haben. So mußte denn die ganze „Assimilirerel" abstoßend und anwidernd auf ihre» Volksinstinct wirken. Dieser instinctive Eckel vor der moralischen Unselbstständigkeit eines Stammes, der von dem merkwürdigen Wahne befallen ist, sich selbst vernichien zu wollen, ist der Keiai des modeinrn Aiitistimliemus. "Rechnet man hiezu, daß unsere Versuche eben nur Versuche, wenn auch äußerst weitgehende, waren und daß es den enragirtesten Affin, ilauten nicht in der That gelungen ist, ihr jüdisches Gepräge abzustreifen, weil die Natur, die den verschiedenen Stämmen verschiedene Geistesrichlung, "erschiedene Denkweise, verschiedene Neigungen gegeben hat,. er Bemühungen spottet, — rechne» wir das hinzu, so ,< es uns ganz deutlich, warum auch die Affimilationslehre den Ausbruch der antisennschen Lavamassen nicht verhüten Die Frage „Was nun?" ist somit beantwortet, denn wer wird nicht einsehen, daß uns nichts Anderes übrig bleibt, als die entgegengesetzte Cur vorzunehmen, d. h. gerade in der Wahrung unserer Individualität unser Heil zu suchen? Die Anlehnung an das Fremde hat uns nicht geholfen; versuchen wir nun. ob das selbstbewußte Vertrauen auf die eigene Kraft nicht bessere Früchte zeitigen wird! Das Aufgeben der Zukunftshoffnungen unseres Volkes, hat nicht vermocht, uns in der Gegenwart ein erträgliches, geschweige denn ein glückliches Dasein zu verschaffen; 1v unternehmen wir es nun, unser Volk einer nationalen Zukunft wieder zuzuführen! Der Weg aber, den wir bei dem großen Regenerationswerke unserer Nation zu machen haben, er ist, in Kürze zusammengesaßt, folgender: Wir müssen uns die Liebe unserer nichtjüdischen Mitbürger dadurch zu erwerben suchen, daß wir getreu zu ihnen halten in guten und schlimmen Zeiten, ihre Achtung aber dadurch, daß wir die dem moralischen Gefühle widerstrebenden „nationalen Selbstmordversuche" aufgeben und auch an uns selbst zu denken anfangen. Wir muffen demgemäß das Unkraut der Affimilationssucht aus Haus und Schule ausjäten und dorthin den fruchtbaren Samen der Selbstwürdigung verpflanzen. Wir muffen zu diesem Zwecke den jüdischen Geistrsproducten eine Stelle in dem Bildungsprogramme unserer Kinder anweisen und die Keuntuiß der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte mit Liebe und Eifer zu verbreiten trachten. Wir müsse» endlich jenem gemüthreichen Zuge der Zeit sympathisch entgegenkommen, der unseren Brüdern wieder den ländlichen Pflug oder die Kurbel des Maschiiienrades in die -Hand drücken, der neues Leben hervorzauberu . will in den sandigen Einöden des Landes unserer Väter. Alles das ist jetzt unsere Pflicht; — ihre Vernachlässigung würde zur Erlöschung, ihre Erfüllung wird zur Erlösung unseres Volkes führen. Unsere Mängel. Kein Mensch, kein Volk ohne Mängel. Die Erde ist der Platz nicht, wo Eiigelreiiiheit bestehen könnte, hienieden gibt's kein Licht ohne Schatten. — Niemand wird leugnen wollen, daß auch uns Juden ein bedeutendes Quantum von Fehlern schon mit auf die Weit gegeben und eine noch größere Portion davon uns anerzogen worden ist. Freilich, wenn wir anhören, wie drei Viertel der civilisirteu Welt — man erlaube uns, diese drei Viertel mit dem klangvollen Namen „Antisemiten" zu bezeichnen — unsere schwarzen Seelen für den Stapelplatz aller Bosheit und Niedrigkeit unter der Sonne halten, wie sie kein gutes Haar an uns lassen, so will uns doch ein Zweifel darüber ersaffen, ob sie denn doch nicht in ihrer edlen Wahrheitsliebe etwas zu w-it gegangen seien; ob denn doch nicht noch hie und da ein lichtes Pünktchen die sonst so einförmige Schwärze unserer Se le unterbricht. Doch sie müff n es ja Vesser wissen, wenn sie es sagen. Autoritäten, Professoren und Pastoren, waren es ja, welche zuerst mit ihrer grilligen Brille diesen Reichthum der - Inden an Mängel» entdeckten; einen Reichthum, den man ihnen übrigens nach der neuesten Rassentheorie schon längst mit einer ganz gewöhnlichen Glasbrille von der N a s e hätte ablejeii können. Die Vei spätung in der Entdeckung sei eben nur in der Kurzsichtigkeit der europäischen Völker begründet. Gegen solche niederschmetternde Argumente läßt sich leider nichts m's Feld führen: Unsere Zunge muß am Gaumen kleben bleiben und unser Herz muß glauben,

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