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Programm · 1912-01-01 · 1912 · p. Seite 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Programm
Volume
1912
Date
1912-01-01
Page
Seite 48 (sequence 47)
Language
German
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— 48 — lieh, dass die Frankfurter Juden der bevorstehenden Regelungihrer staatlichen Verhältnisse mit grosser Spannung entgegensahen. Als dann 1810 die Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetz verkündet und ihnen die baldige Gewährung auch der Bürgerrechte in Aussicht gestellt wurde, schien es den Vorstehern unserer Anstalt unangängig, fortab die Wohltaten der Schule nur jüdischen Kindern zuteil werden zu lassen; feierlich erklärten sie auf das Ersuchen eines christlichen Vaters um Aufnahme seines Knaben zu Protokoll: Schon der Name der Schule spreche für die Zulassung von Kindern ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, und die Vorsteher freuen sich umso mehr, durch diesen Fall ihre Gefühle für Toleranz öffentlich an den Tag zu legen. Drei Tage vor dem Erscheinen des Grossherzoglichen Regierungsblattes, das die Verleihung der Bürgerrechte an die Juden verkündete, vereinten sie sich sodann zu dem Beschluss, die Schule nicht mehr „jüdisches Philanthropiri" sondern einfach „Philanthropin" zu benennen. Dieser dem Philanthropin eigenartige Charakter wurde auch nicht verändert, als 1819 in Zeiten schwerer finanzieller Bedrängnis die israelitische Gemeinde zur Deckung des Defizits einen bestimmten Betrag bewilligte und später den Gesamtaufwand für die Anstalt übernahm. Es bleibt ein unvergängliches Ruhmesblatt in der Geschichte dieser unserer Gemeinde, dass sie ihre Wohltaten allen Kindern ohne Unterschied des Glaubens zugänglich gemacht hat; sie handelt damit im Sinne und Geiste unserer Weisen, sie widerlegt damit aber auch am wirksamsten die Meinung, als wenn in dieser ihrer Anstalt der Unterricht etwa, abweichend von den Ideen der Begründer der Anstalt, vom Standpunkt einer bestimmten Konfession erteilt werden solle. Einträchtig haben seit nun mehr als 100 Jahren jüdische und christliche Kinder hier miteinander verkehrt, israelitische mit protestantischen und katholischen Lehrern und Lehrerinnen in gemeinsamer Arbeit gewirkt, durch das Bewusstsein der gemeinsamen Aufgabe des Lehrberufs innig miteinander verbunden. Mit dieser ihrer Auffassung hat die israelitische Gemeinde dem Dank für die gewonnene bürgerliche Gleichberechtigung den würdigsten und schönsten Ausdruck verliehen, sie hat diese Auffassung auch in trüben Zeiten aufrecht erhalten, als engherzige, kleinliche reichsstädtische Gesinnung die Juden am liebsten wieder in die Stättigkeit des 17. Jahrhunderts zurückgeführt hätte. Mit Stolz konnte der erste Redner hervorheben, wie ungeachtet aller Verkümmerungen und Entrechtungen die Mitglieder der israelitischen Gemeinde seit ihrer Emanzipation mit den anderen Bürgern dieser Stadt in Handel, Kunst und Wissenschaft in regem Wetteifer gestanden haben und allezeit für das Heil des Vaterlandes, das sich so herrlich entfaltet hat, mit vollem Eifer bemüht geblieben sind; mit gerechtem Stolz kann insbesondere unsere Schule auf die nicht geringe Zahl tüchtiger Männer und Frauen blicken, die an ihr ihre Vorbildung empfangen und auf dieser Grundlage später zum Wohle der Stadt, der Gemeinde und des Vaterlandes in den verschiedenartigsten Berufen an hervorragender Stelle tätig gewesen sind. So hat die Tat des edlen Fürsten reiche, volle Frucht getragenl Seiner lassen Sie uns noch einmal gedenken und als äusseres Zeichen unserer Dankbarkeit und Verehrung das Bild, das der Schulrat des Philanthropins der Schule zu diesem Tage gewidmet hat, seiner Bestimmung übergeben. Die wohlwollenden, milden Züge, das freundlich blickende Auge sollen Lehrer und Lehrerinnen an die besondere Aufgabe erinnern, die der Fürst-Primas wie ihre Begründer dem Philanthropin gestellt haben, zu wirken für Aufklärung und Humanität! Herr Geheimer Regierungsrat Bürgermeister Grimm fügte hierauf Worte des Dankes und der Begrüssung seitens des Magistrats der Stadt Frankfurt an: „Gern bin ich als Vertreter des Magistrats dieser Einladung gefolgt, um meiner Überzeugung Ausdruck zu geben, dass die heute vor 100 Jahren erfolgte Verleihung der Staatsbürgerrechte an die jüdischen. Bewohner Frankfurts nicht nur diesen selbst, sondern auch der Stadt und ihrer Verwaltung in den verschiedensten Beziehungen zum Segen gereicht haben. Besonders in unserer Zeit des lebhaft erregten politischen Kampfes, in dem gar manchmal der Gegner ungerecht beurteilt und verunglimpft wird, haben wir alle an unserer eigenen inneren Emanzipation weiter zu arbeiten, vor allem statt des uns Trennenden immer wieder von neuem das uns Einigende zu betonen, müssen

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