Programm
- Journal
- Programm
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3089693-3089778--1542-3092466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 46 — freie Bewohner lebten, die sich einer umfassenden Kenntnis der verschiedenen Wissensgebiete erfreuten in einer Zeit, wo — ganz abgesehen von den weltlichen Bedrückern — oft selbst die Kleriker bar jeder Bildung, des Lesens und Schreibens unkundig waren. Durch die Existenz jener Schulen blieb ferner den Juden die Gewöhnung an geistige Tätigkeit erhalten, die es ihnen später ermöglichte, zum Staunen der Mitlebenden sich in so überraschend kurzer Zeit in die Tiefe des neuen Geisteslebens zu versenken. Wie in manch' anderen Orten bestand auch in der Frankfurter Judengasse neben diesen Talmudschulen eine Hochschule, für die die grössten jüdischen Gelehrten ihrer Zeit als Lehrer gewonnen wurden, und zu der wissensdurstige Schüler von nah und fern kamen: Dem Rate gegenüber mussten freilich, um der seit 1616 bestehenden Stättigkeitsordnung zu genügen. Lehrer und Schüler jedesmal als Dienstleute eines Frankfurter Schutzjuden gemeldet werden — eine moralische Entwürdigung, die auf das Schuldkonto jener unmenschlichen Bestimmungen zu setzen ist. Ist es da zu verwundern, wenn namentlich diese Lehrer, die bald die führenden Geister der Judengasse wurden, in falscher Verallgemeinerung die Aneignung moderner Kultur als Abwendung yon den heiligen Gütern des Glaubens ansahen, wenn, sie mit der ganzen Autorität, die ihnen zu Gebote stand, selbst gegen den Gebrauch der deutschen Sprache im Ghetto einschritten und lediglich das Idiom des deutschen Mittelalters zuliessen, das die aus Deutschland geflüchteten Juden im fernen Polen und Russland in Treue gegen die alte Heimat bewahrt und — mit hebräischen und slawischen Worten vermischt — zum eigenartigen Dialekt ausgebildet hatten? Aber allen Mahnungen und Bannflüchen zum Trotz überschritt die Zeitströmung die Tore des Ghettos, und schon in der vormendelssohnschen Zeit gab es auch im Frankfurter Ghetto einige, wenn auch wenige Männer, die mit der deutschen Geistesbildung vertraut und die Ideen der Leibniz- Wolffschen Aufklärungsphilosophie, die damals das deutsche Geistesleben beherrschte, in sich aufgenommen hatten: Sie wurden die Kampfgenossen Mendelssohns, dieses Befreiers der Juden aus Einseitigkeit und geistiger Starrheit, sie sorgten, wie bereits mein Vorredner erwähnte, nach Kräften für Ausbreitung und" Vervollständigung der Mendelssohnschen Bibelübersetzung, die bereits in der ersten Ausgabe in 57 Exemplaren im Frankfurter Ghetto Eingang fand. Sie vermochten zunächst die wohlhabenderen Glaubensgenossen ihren Kindern neben dem Talmudunterricht auch Unterweisung in den modernen Bildungsmitteln zu gewähren, und nur so wird es verständlich, wenn der „Schulstörer" Nikolaus Wertheimer schon 1768 „in denen Juden Häussern täglich 6 Stunden die Kinder in Teutschen schreiben und lesen informieren" kann. Unterstützt wurde ihr Bemühen durch die freundlich entgegenkommende Gesinnung der massgebenden Persönlichkeiten dieser Stadt auch in der christlichen Bevölkerung. Eine Veränderung in der Anschauung gegenüber den Juden hatte sich nämlich schon seit Beginn des 18. Jahrhunderts bemerkbar gemacht; zunächst hatten die Pietisten, ein Spener und Franke, gegenüber. der Verrohung, die sich nach dem 30jährigen Krieg zeigte, auf die Menschenwürde hingewiesen, die in jedem Menschen zu achten sei, zu welchem Glauben und Stamme ersieh auch rechnen möge: Das Zeitalter der Aufklärung verstärkte alsdann mit seinen Anschauungen von dem allen Religionen gemeinsamen Ziel sittlicher Veredelung jene Auffassung und erfüllte die Zeitgenossen mit der Idee der allgemeinen Menschenliebe, die auch in dem verachteten und gemiedenen Juden den Bruder sah und ihn aus dem Dunkel der Gasse zu sich in das helle, reine Sonnenlicht zu ziehen strebte. So finden wir den Senior ministerii- Hufnagel in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts in freundschaftlichem Verkehr mit den gebildeten Kreisen der Judengasse; an ihn wenden sich 11 jüdische Hausväter mit der Bitte um Bezeichnung eines geeigneten Lehrers für die Unterweisung ihrer "Kinder im Deutschen, Französischen, Rechnen und Schreiben, und als der berühmte Talmudgelehrte Rabbi Pinchas Horwitz, der bereits die Mendelssohnsche Pentateuch - Übersetzung in den . Bann getan, auch gegen diesen geplanten Unterricht seinen Bann richtet, muss er auf Anordnung des älteren Bürgermeisters, an den sich Hufnagel gewandt, in der Synagoge den Bannfluch wieder aufheben. Einige Jahre später wird durch die Kanonen Klebers der grösste Teil des Ghettos vernichtet; in der freieren Bewegung, die sie fortab gemessen, treten die Juden, namentlich diejenigen, die sich bereits als Knaben mit den modernen Bildungsmitteln vertraut gemacht und nun als Sendboten der neuen Zeit in ihrer Glaubensgemeinschaft wirken, mit all den geistig hervorragenden