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Programm · 1912-01-01 · 1912 · p. Seite 45

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Programm
Volume
1912
Date
1912-01-01
Page
Seite 45 (sequence 44)
Language
German
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— 45 — jüdischen Häuser. Einen bezeichnenden Ausdruck gab dieser Freude der Begründer unserer Schule Sigismund Geisenheimer, der das Regierungsblatt sogleich durch besonderen Eilboten seinem Vater Wolf Geisenheimer nach Bingen zugehen Hess, mit den Worten: Teuerster Vater, überzeugt von dem Anteil, den Sie an unserem Glück nehmen, überschicke ich Ihnen beigehend unser Regierungsblatt, worin wir das Bürgerrecht haben. Es kostet zwar Geld und vielleicht mich 30 Carolinen (594 Mk.) auf meinen Teil. Doch danke ich Gott dafür. In Eile Ihr Sohn Sigismund G. Die tiefe Religiosität, die in all' den Wechselfällen des menschlichen Lebens die göttliche Fügung sieht, vereint sich in diesem Schreiben mit der pietätvollen Gesinnung, die der Anteilnahme des Vaters an dem Glücke des Kindes gewiss ist: Sie geben uns den Schlüssel für die zahlreichen Werke der Liebe, die der einfache Buchhalter des Warenhändlers und hessen-nassauischen Hofagenten Mayer Amschel Rothschild in der kurzen Spanne seines Lebens geschaffen hat. Befreit aus Erniedrigung und Rechtlosigkeit konnten sich nunmehr, wie der erste Leiter dieser Schule, Dr. Michael Hess, in dem Ende Januar 1812 erschienenen Schulprogramm betonte, die Kräfte der heranwachsenden Generation, nach allen Richtungen hin zu ihrem eigenen Besten und zum Wohle des Staates, dessen Bürger die Juden nun waren, entwickeln: In erster Reihe musste — diese Überzeugung durchdrang alle die neuen Bürger — nach Erlangung der äusseren Freiheit noch nachdrücklicher wie früher die innere Emanzipation durchgeführt und Leben und Lehre von dem Druck, den die äusseren Verhältnisse auf sie gelegt, befreit werden. Zu dieser Arbeit waren führende Persönlichkeiten in reicher Zahl vorhanden und tatenbereit, und es erscheint gerade bei der heutigen Feier wohl angebracht, einen kurzen Blick auf die Zustände zu werfen, die diese Männer zu verbessern sich vornahmen. Wie bereits mein Vorredner erwähnte, war das Leben der deutschen Juden am Ende des Mittelalters infolge der äusseren Lage ein gar elendes und trauriges. Seitdem die fanatische Wut der den geordneten Kreuzheeren voranziehenden Banden die blühenden jüdischen Gemeinden am Rhein und der Donau zum grossen Teil vernichtet hatte, beeinflusste die Erinnerung an diese Greueltaten und die durch die Kreuzzüge veränderte wirtschaftliche Lage derart Gesinnung und Lebensauffassung der deutschen Juden, dass es im Laufe der Jahrhunderte zu einer völligen Entfremdung zwischen der „jüdischen Nation", als welche sie — schon im Namen gesondert — erscheint, und den christlichen Bewohnern kam. Der gleiche, oft gemeinschaftliche Gewerbebetrieb, den uns die frühen Urkunden des deutschen Mittelalters dartun, machte einseitigen Berufen, von denen die christliche Kirche ihre Angehörigen als Entehrende fernhielt, dem Hausierergeschäft und dem schmachvollen Wucher, Platz; der schon durch das safrangelbe Judenzeichen von ferne kenntliche Jude durfte den ihm zugewiesenen abgesperrten Raum, in dem er in niedrigem, -finsterem Gemäuer, zusammengepfercht mit den Seinigen, leben musste von Freitag abend bis Montag nicht verlassen und hatte, wenn er seinem traurigen Erwerbe nachging, von jedem Gassenbuben der Stadt schmähliche Behandlung zu erdulden. Selbst in den sog. gebildeten Kreisen herrschte gegen die Juden das Gefühl tiefer Verachtung, und dieses Gefühl war bei dem Druck, der auf den Juden Frankfurts lastete, namentlich hier tief ausgeprägt und gelangte äusserlich in allerlei entehrenden Verordnungen des städtischen Rates zum traurigen Ausdruck. Angesichts dieser Lage vollzog sich naturgemäss allmählich eine völlige Abkehr der Juden auch von dem Geistesleben der christlichen Bevölkerung: Gott hat uns gestraft, so schallte die Mahnung, für unser sündiges Tun — zurück zu der Kultur, die der grösste der Propheten begründet und alle die gotterfüllten Männer im Laufe von mehr als 2000 Jahren im Talmud ausgebaut haben! Das Studium dieses gewaltigen Geisteswerkes wurde vornehmliche religiöse Pflicht eines jeden Juden; das kaum stammelnde Kind wurde in die auch im engsten und dürftigsten Ghetto befindliche Talmudschule gesandt und schöpfte aus den grossen Folianten die Kenntnisse einer eigenartig abgeschlossenen Kultur, die — immer unter religiösem Gesichtswinkel — den Gesamtinhalt des Wissens bis zum 6. Jahrhundert enthält. Man hat sich namentlich in unseren Reihen, als uns wieder die Segnungen der modernen Kultur zuteil wurden, gewöhnt, auf jene Schulen und die durch sie vermittelte Bildung geringschätzig herabzublicken, und doch haben wir es lediglich ihnen zu verdanken, dass in den Jahrhunderten des Elends und des ärgsten Druckes den Juden der ideale Sinn bewahrt blieb, dass in den Judengassen der deutschen Städte zwar äusserlich geknechtete, aber innerlich

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