Programm
- Journal
- Programm
- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3089693-3089778--1540-3092464- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 44. — Mann, der wegen seiner staatsmännischen Einsicht, seines scharfen Verstandes und seiner Kenntnis der Menschen und Dinge den weitaus ersten Platz unter Dalbergs Räten behauptete, der Minister und Staatssekretär Freiherr von Eberstein, war für die Durchführung des Organisationspatentes in vollstem Umfange. Wohl hatte er vor 1810 nur eine allmähliche Gleichstellung der Juden befürwortet; jetzt aber gab es für ihn keine Judenfrage mehr, sie war durch die neue Verfassung völlig gelöst. Damit aber die Finanzen durch den Wegfall des Schutzgeldes nicht geschädigt würden, sollten die Juden dessen vierzigfachen Betrag als Ablösungssumme zahlen. Dalberg bekannte sich völlig zu Ebersteins Gutachten, nur dass. er das Ablösungsgeld auf die Hälfte, auf 440000 Gulden ermässigte. Nachdem im Dezember 1811 die jüdische Gemeinde 150000 Gulden davon bezahlt und für den Rest Schuldverschreibungen ausgestellt hatte, verkündete das Regierungsblatt des Grossherzogtums vom 28. Dezember, dass die Judengemeinde zu Frankfurt nach Ablösung ihrer bisherigen Abgaben „in die vermöge unseres Organisationspatentes § 11 konstitutionsmässig verordnete Gleichheit der Rechte wirklich eingetreten sei." Die Judengasse bildete von jetzt ab kein besonderes Quartier mehr für sich, sondern sollte an eines der bestehenden Stadtquartiere angeschlossen werden. In den ersten Wochen des Jahres 1812 wurden 645 Frankfurter Juden in das Bürgerbuch eingetragen. Die Deklaration des 28. Dezembers 1811 wirft ein verklärendes Licht auf die an sonstigen Ruhmestaten nicht eben reiche Regierung Dalbergs; sie ist, um die Worte des Frankfurter Juristen und Politikers Bender zu gebrauchen, ein fürstliches monumentum aere perennius, denn es ist, wie er bemerkt, „ein grossartiger und erhebender Gedanke, einer Masse viel bedrückter Menschen durch Wegräumung aller früheren Hindernisse gleiche Rechte mit bisher bevorzugten Klassen von Staatsbürgern in einem Zuge eingeräumt zu haben." Unbekümmert um den Groll und die Erbitterung der bisher privilegierten Stände der Bürgerschaft hat-der Grossherzog den § II des Organisationspatentes ehrlich durchgeführt. Er berief die ehemaligen Stättigkeitsjuden zu den höchsten Ämtern. So ward Amschel Meier Rothschild an der Seite eines Bethmann, eines Metzler, eines von Wiesenhütten Mitglied des Wahlkollegs des Departements Frankfurt. Der Arzt Joseph Oppenheimer trug die weiss-rote Schärpe eines Munizipalrates; später ward er gar zum Oberschul- und Studienrat ernannt. Auf Gegenvorstellungen hatte Dalberg treffend bemerkt: „Warum soll ein untadelhafter Israelit nicht fähig sein, als Mitglied des Munizipalrates an dem Wohl der Stadt Anteil zu nehmen?" Und Ludwig Börne arbeitete um diese Zeit als Aktuar auf der Frankfurter Oberpolizei-Direktion und schrieb nach Ausbruch der Befreiungskriege seine patriotischen, hasserfüllten Artikel gegen die französische Fremdherrschaft. Denn wie viel auch die deutschen Juden der französischen Revolution und dem mittelbaren Eingreifen Napoleons zu verdanken hatten, höher als die Pflichten der- Dankbarkeit standen ihnen die gegen das neugewonnene Vaterland I Auch bei den Frankfurter Juden hat sich das Wort des alten Herodot bewährt, was es doch für eine eigene Sache um die Freiheit sei. Allgemein fiel es auf, wie die Frankfurter Juden, einmal dem Ghetto entronnen, bemüht waren, die ihrem Wesen anhaftenden Schlacken — zum grösseren Teil eine Frucht des Ghettos — von sich abzustreifen, deutsche Bildung und Gesittung in sich aufzunehmen und im edlen Wettbewerb mit der christlichen Bevölkerung das^Wohl der Stadt, in der die Gebeine ihrer Ahnen seit Jahrhunderten ruhten, eifrigst zu fördern. Allwe'g gut Frankfurtisch und gut Deutsch! Das ist noch heute der Wahlspruch der Frankfurter Juden und wird für alle Zeiten unaustilgbar in ihrem Herzen eingegraben sein. Herr Direktor Dr. Adler sprach hierauf über: Die soziale und geistige Lage der Frankfurter Juden. Hochansehnliche Festversammlung! Als das grossherzogliche Regierungsblatt vor 100 Jahren den jüdischen Bewohnern unserer. Stadt die Kunde brachte, dass sie „infolge Ablösung ihrer Lasten nunmehr gleiche bürgerliche Rechte und Befugnisse mit den christlichen Bürgern haben sollen", da erfüllte unbeschreibliche Freude die