Programm
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- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 41)
- Language
- German
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und Juden keine Unzuträglichkeften im Gefolge hatte. Selbst das städtische Bauamt bemerkt hierüber in seinem Bericht an den Rat: „Durch den Brand von 1796, wodurch Juden bei Christen wohnen, sind beide einander viel näher gekommen, die Juden haben dadurch beträchtlich an Sittlichkeit gewonnen. Dieses gegenseitige Verhältnis braucht keine lange Reihe von Jahren mehr anzustehen, um zur Gewohnheit zu werden". Die Juden setzten jetzt all ihre Hoffnung auf den Reichstag zu Regensburg (1802), der die Landkarte Europas so gewaltig umgestalten sollte. Wie bescheiden waren immerhin noch die Wünsche, die ihre Vertreter in Regensburg, darunter der Vater Börnes dem Reichstage unterbreiteten: Aufhebung des herabwürdigenden Leibzolles, der damals schon fast in ganz Deutschland abgeschafft war, Beseitigung der Stättigkeit und der damit verknüpften Beschränkung in Handel und Wandel und das Recht, in der ganzen Stadt wohnen und Grundstücke erwerben zu dürfen. Frankreich, Oesterreich, Preussen, Hessen-Kassel traten lebhaft für die Wünsche der Frankfurter Juden ein. „Noch ist diese Nation zu bescheiden", schrieb damals ein Diplomat an den Bürgermeister Frankfurts, „um Gleichstellung mit den übrigen zu verlangen. Allein Beförderung ihres Nahrungsstandes, Erteilung gesunder Wohnplätze und Abolierung erniedrigender Gebräuche . ., das sind doch gewiss Wünsche, die mit der Aufklärung der Zeit nicht in Widerspruch stehen". Aber der diplomatischen Gewandtheit Simon Moritz von Bethmanns, der die Interessen Frankfurts auf dem Reichstage vertrat, gelang es, den Eifer für die Sache der Juden etwas zu dämpfen durch die Vorstellung, dass die Gewährung dieser Rechte den Ruin des Frankfurter Handelsstandes unbedingt nach sich ziehen müsste. Im Geheimen riet er allerdings dem Rate, den Wünschen der Juden möglichst entgegenzukommen. Auch zahlreiche Stimmen aus bürgerlichen Kreisen erhoben jetzt die Forderung, das Ghetto, „dieses Symbol der Gefangenschaft", zu beseitigen. Die bürgerlichen Kollegien, diese alten Konkurrenzfeinde der Juden, wollten sich aber zu keinem Zugeständnis herbeilassen. Höchstens sollen die Mauern des neu aufzubauenden Ghettos um 16—18' erniedrigt und dafür durch aufgesetzte eiserne Stäbe bis auf 30' Höhe gebracht werden. Dann hätten die Juden, meinten sie, sich nicht mehr über Mangel an Licht und Luft zu~ beklagen. So zog sich der" Streit bis in den Sommer 1806 hin, ohne dass sich der Rat zu einer Entscheidung aufraffen konnte, nur dass er ein Gutachten nach dem anderen darüber einforderte. Es war Zeit, dass andere Mächte eingriffen. . Am 6. August 1806 legte Franz II. die Kaiserkrone nieder. Damit verschwand das heilige römische Reich deutscher Nation und mit ihm die kaiserliche Kammerknechtschaft der Juden für immer vom Schauplatz der Geschichte. Auch Frankfurts Selbständigkeit war jetzt dahin. Napoleon schenkte es dem bisherigen Kurfürsten von Mainz, Karl von Dalberg. Am 15. September 1806 zog er in Frankfurt ein. Mit ihm hebt eine neue Epoche für die Frankfurter Juden an. Karl von Dalberg! Auch sein Charakterbild schwankt, von der Parteien Hass und Gunst verwirrt, in der Geschichte. Wer freilich an ihn lediglich den nationalen Malzstab anlegt, wer ihm zum Vorwurf macht, dass er, der machtlose Herrscher, den Ansprüchen Napoleons sich nicht mannhaft genug widersetzt habe, der kommt zujener durchaus einseitigen Beurteilung seiner Persönlichkeit, zu deren Wortführer sich Häusser und Treitschke gemacht haben. Doch wir haben uns nicht mit der äusseren Politik Dalbergs zu beschäftigen, so'ndern mit seiner Regententätigkeit im Innern. In welch' hellem Lichte erscheint uns da sein Bild I Wenn er in seinen Zahlreichen Schriften, in denen er sich als begeisterter Anhänger der Aufklärungsideen zeigt, immer wieder darauf zurückkommt, dass die Aufgabe eines Herrschers sei, die Glückseligkeit aller seiner Untertanen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses zu befördern, jetzt fand er in dem neugeschaffenen Primatialstaat Gelegenheit genug, diese Grundsätze zu verwirklichen. Gleich die ersten Regierungsmassnahmen schienen die hochgespannten Erwartungen der Frankfurter Juden zu rechtfertigen, mit denen sie den neuen Herrscher begrüsst hatten- Wenige Tage nach seinem Eintreffen gestattete er ihnen cien Besuch der öffentlichen Anlagen und der Kaffeehäuser zum Entsetzen mancher Altbürger, deren strenggläubige Gesinnung — wenn wir dem Spötter Börne glauben dürfen — darüber Schiffbruch zu erleiden drohte. Aber auf den Rausch der ersten