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Programm · 1912-01-01 · 1912 · p. Seite 41

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Journal
Programm
Volume
1912
Date
1912-01-01
Page
Seite 41 (sequence 40)
Language
German
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— 41 — aber durchaus unbillig, dem Frankfurter Rat allein die Verantwortung dafür aufbürden zu wollen. Seine Gewalt war durch die beiden bürgerlichen Kollegien beschränkt, das der Einundfünfziger und das der Neuner, die nicht allein die Finanzverwaltung kontrollierten, sondern auch berechtigt waren, bei allen wichtigen Angelegenheiten „zum Besten des Publici die nötigen Erinnerungen zu tun". Diese Kollegien durften schon lange nicht mehr als Vertreter der Gesamt-Bürgerschaft gelten; sie vertraten nur die Interessen bestimmter Kreise, die in gewerblicher und wirtschaftlicher Hinsicht durchaus noch auf dem Standpunkt der Stättigkeit des Jahres 1616 standen. Manche Reform, die der Rat hatte anbahnen wollen — auch zu Gunsten der Juden — ist so an der Kurzsichtigkeit und Selbstsucht der Kollegien gescheitert. . Es musste also ein gewaltiger Anstoss von aussen kommen, um Ghetto, Stättigkeit und Reglement über den Haufen zu werfen und eine neue Zeit für die Juden herbeizuführen. Dieser Anstoss kam vom westlichen Nachbarland. Die französische Revolution versuchte den Lehren der Auf klärungsperiode von dem Recht, das allen gemein, weder an Abstammung, noch an Religion gebunden sei, Geltung zu verschaffen. Der denkwürdigen Nachtsitzung am 29. August 1789, die die Erklärung der Menschenrechte brachte, folgte im September 1791 logischerweise die Gewährung des Bürgerrechtes an die Juden Frankreichs. Schneller als man geglaubt, entlud sich das Gewitter, das die politische .Luft von so viel Miasmen der Vergangenheit reinigte, auch jenseits des Rheins. Jäh wurden die Bürger Frankfurts aus ihrem Gefühl gleichgiltiger Sicherheit herausgerissen,* als die Truppen Custines im Oktober 1792 die Stadt besetzten. Zwar mussten sie bereits am 2. Dezember die Stadt räumen, aber wenige Jahre später erschienen die Franzosen vor Frankfurt, wo eine kaiserliche Besatzung lag und eröffneten in der Nacht vom 13. bis 14. Juni 1796 die Belagerung mit einer entsetzlichen Kanonade. Ein Hagel von Granaten prasselte über die Häuser der Judengasse, deren Bewohner sich schon vorher geflüchtet hatten. So konnte sich das Feuer ungehemmt verheerend weiter verbreiten und den grössten Teil der Gasse vernichten. Wohl mochten die Juden mit dem Geschicke hadern, das ihre Heimstätten zum dritten Male in diesem Jahrhundert in Asche verwandelt hatte. Und doch hätte es ihnen keine grössere Wohltat erweisen können! Die' Feuersäulen des 14. Juni 1796 hatten das Ghetto für immer zerstört und leuchteten den Frankfurter Juden auf dem Wege zur Freiheit voran. Was nun? Zunächst musste der Rat, wie nach den früheren Bränden, den Juden gestatten, in der Stadt bei Christen als Mieter zu wohnen. Das Weitere überliess er der Zeit. Als Goethe ein Jahr später die Trümmerstätte besichtigte, bemerkte er in seinem Tagebuch lakonisch genug: „lieber die Judengasse, das Aufbauen des abgebrannten Teils und ihre etwaige Erweiterung nach dem Wollgraben zu, wäre zu denken und darüber auch allenfalls ein Gedanke zu äussern". Der Rat aber hatte sich bis dahin immer noch nicht geäussert. Und die Juden? Sie schwiegen erst recht. Trotz aller „offizieller Winke" zeigten sie nicht die geringste Neigung, die Gasse wieder aufzubauen und dorthin zurückzukehren. Kaum, wenn auch unfreiwillig, aus dem Druck des Ghettos befreit, kam unter den Frankfurter Juden das neue Geschlecht hoch, das sich heimlich an den Schriften der Aufklärungsperiode eines Lessing und Mendelssohn gebildet hatte. Jetzt berauschte sich die heranwachsende Jugend an den freiheitsdurstenden Schillerschen Dramen. Früher nie geäusserte, weil nie verstandene Worte von Tyrannendruck, allgemeinen Menschenrechten wurden auf einmal laut. Den tiefsten Eindruck musste aber die Beobachtung hervorbringen, dass die Juden jenseits des Rheines ihre nationale Abgeschlossenheit völlig aufgegeben hatten und kein höheres Ziel kannten, denn als gleichberechtigte Glieder in die politische Gemeinschaft aufgenommen zu werden, in deren Mitte sie wohnten. So begann auch unter den Frankfurter Juden das seit Jahrhunderten geknickte Selbstgefühl und die Empfindung für Menschenwürde sich wieder aufzurichten} deutlich erkannten sie, dass Rückkehr in das Ghetto gleichbedeutend mit Rückkehr in die alte Barbarei sei, dass eine höhere Kultur unter ihnen nur in innigster Verbindung mit der christlichen Umwelt erstehen könne. Auch in christlichen Kreisen sah man vielfach ein, dass das Zusammenwohnen von Christen

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