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Programm · 1912-01-01 · 1912 · p. Seite 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Programm
Volume
1912
Date
1912-01-01
Page
Seite 40 (sequence 39)
Language
German
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— 40 — eine treffliche Schule. Allmählich gewöhnten sich die Kommissionsmitglieder an die parlamentarische Disziplin und parlamentarische Gebräuche und an den Zwang der Geschäftsordnung usw. Ende Mai 1754 war das Reglement vollendet. Es enthält durchaus keine neue, auf demokratischer Grundlage sich aufbauende Verfassung. Eine solche lag nicht im Geist der Zeit, ebenso sträubte sich der durchaus konservative Sinn der Gemeinde gegen einen derartigen Bruch mit der Vergangenheit. Es blieb die Einteilung der Gemeinde in drei Vermögensklassen und der indirekte, höchst umständliche Wahlmodus der Beamten weiter bestehen, nur ward jetzt eine besondere Behörde zu ihrer Kontrolle und zur Verhütung von Verfassungsverletzungen eingesetzt und der Gemeinde Anteil an der Gesetzgebung gewährt. Welche Mängel auch das Reglement haben mochte, so konnte doch in den Aufgaben der Selbstverwaltung der Sinn für öffentliche Dinge erstarken und die Juden befähigen, den grossen politischen Fragen der jetzt kommenden Zeit Verständnis entgegenzubringen. Dreihundert Jahre wohnten bereits die Juden im Ghetto: Es hatte auf sie verheerender gewirkt, als selbst ihre schlimmsten Feinde gehofft hatten. Die Verteidiger des Ghettos mögen immer darauf hinweisen, dass seine Mauern die Juden in unruhigen Zeiten vor den Wutausbrüchen der entfesselten Volksmenge geschützt hätten — freilich zur Zeit des Fettmilchschen Aufstandes haben die Ghettomauern die Probe schlecht bestanden —: Was will das aber gegen die schweren Wunden sagen, die das Ghetto den Frankfurter Juden an Leib und Seele geschlagen hat! Was für den menschlichen und tierischen Organismus der. Sauerstoff, das war für sie der Verkehr mit der christlichen Umwelt, und dieser ward ihnen gesetzlich auf alle mögliche Weise beschränkt. So mussten sie immer mehr körperlich, aber auch geistig und moralisch verkümmern. Die Reisenden, die durch das Ghetto schritten — wir haben dafür eine Reihe klassischer Zeugnisse — konnten sich nicht genug darüber wundern, wie weit die Frankfurter Juden noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts hinter ihren Glaubensgenossen im übrigen Deutschland, wo ihnen damals schon eine viel freiere Bewegung gestattet war, zurückgeblieben waren. So schreibt ein Reisender: „Ueberhaupt unterscheiden sich die Juden im Reich und in den Reichsstädten sehr zu ihrem Nachteil von denen, die man in Sachsen und besonders zu Berlin kennen lernt Das Teutsch, das sie sprechen, ist einem feinen Ohr unerträglich. Ihre Ignoranz unterscheidet sie von ihren kultivierteren Brüdern im nördlichen Deutschland nicht minder als ihre bigotte Anhänglichkeit an die Satzungen der Rabbinen". Man vergleiche nur das Frankfurter Judendeutsch am Ende des 14. Jahrhunderts mit dem in der Mitte des 18. Jahrhunderts! Jenes weicht vom damaligen Frankfurter Schriftdeutsch — besonders in der Satzbildung — nicht allzusehr ab; dieses dagegen ist beeinflusst von hebräischem Satzbau; hebräische Worte und Redewendungen machen sich darin breit, mit einem Worte, das Frankfurter Judendeutsch ist zu einem Jargon verwildert. Nicht minder abstossend wie der Jargon wirkte damals das Aeussere der Frankfurter Juden. Das waren nicht mehr die Juden, die einst in den Jahren 1241 und 1349 erhobenen Hauptes noch die Waffen zu iühren verstanden und heldenmütig ihr Leben gegen die anstürmenden Feinde verteidigt hatten, und die noch 1462 sich mit allen Mitteln sträubten, in die dumpfen Mauern des Ghettos zu ziehen: Nein, demütig, gebeugten Hauptes schlichen sie einher in geschmackloser, ihnen von der Obrigkeit vorgeschriebener-Kleidung, vielfach des äusseren Anstandes entbehrend. Das Schlimmste aber war, dass die grosse Masse der Juden — durch die Gewohnheit abgestumpft — das Unleidliche ihrer Lage nicht in seiner ganzen Schwere empfand. Wohl pochte auch das Zeitalter der Aufklärung an die Tore des Ghettos, aber dessen geistliche und weltliche Vorsteher hätten seinen Vorboten den Eintritt am liebsten verweigert. Zu lange an das Dunkel gewöhnt, wehrten sie sich gegen das eindringende Licht einer neuen Zeit. Gerade in Frankfurt wurde die Mendelssohnsche Bibelübersetzung für ketzerisch erklärt; die Errichtung von deutschen Schulen, die Beschäftigung mit der deutschen Literatur ward als erster Schritt des Abfalles vom Judentum angesehen. So lagen die Zustände noch im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts. Von den Juden selbst war demnach eine Verbesserung ihrer Lage nicht zu erwarten, ebensowenig von ihrer Obrigkeit. Denn die Stadt Goethes war noch bis zum Ausgang des Jahrhunderts in ihren Anschauungen, Einrichtungen und in ihrem Regiment weit hinter den Forderungen der Aufklärungszeit zurückgeblieben. Es wäre

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