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Programm · 1912-01-01 · 1912 · p. Seite 39

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Journal
Programm
Volume
1912
Date
1912-01-01
Page
Seite 39 (sequence 38)
Language
German
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— 39 — ihnen der Kaiser noch etwas anderes, eine neue Judenordnung oder „Stättigkeit", wie sie genannt wurde. Diese Stättigkeit, die viele Menschenalter hindurch in Kraft blieb und von den Zünften als ihr Palladium betrachtet wurde, weil sie etwaigen Übergriffen der Juden in ihre ^Geschäftssphäre vorbeugte, machte die Ghettoabschliessung erst vollkommen. Im 14. Jahrhundert noch Frankfurter Bürger, verbietet ihnen jetzt die Stättigkeit sich so zu bezeichnen, da ein solches dem Rat und gemeiner Bürgerschaft allerhand schimpfliche Rede bei fremden Leuten verursache. Jetzt hiessen sie „Eines Erb. Rates Schutzangehörige". Eine Reihe von Vorschriften bezweckte, den Verkehr zwischen Christen und Juden noch mehr zu erschweren oder gar zu untersagen. So findet sich in der Stättigkeit das auch sonst vorkommende Verbot, christliches Dienstpersonal zu halten. Der eigentliche Aufenthalt für die Juden sollte das Ghetto, nicht die Stadt sein. Hier durften sie nur ihren Geschäften, aber nicht ihrer Erholung nachgehen. Deshalb sollten Erwachsene sich nie in später Abendstunde, noch an Sonn-und Feiertagen ohne Erlaubnisschein in den Strassen blicken lassen; und noch im 18. Jahrhundert, als ein Teil der Festungswerke in Anlagen und Spaziergänge umgewandelt war, galt es gewissermassen für selbstverständlich, dass die Juden sie nicht betreten durften. Nicht minder eingeschränkt waren sie auf fast allen Gebieten des Erwerbs. Der Besitz von Grundstücken war ihnen schon längst untersagt, vom zunftmässigen Handwerk waren sie ausgeschlossen, im Handel auf Schritt und Tritt eingeengt; denn die Gesetzgebung hatte seit dem 15. Jahrhunde: t das Bestreben, den Warenhandel für die Christen zu monopolisieren oder wenigstens die christlichen Kaufleute und Gewerbetreibende, soweit es nur irgendwie anging, vor der Konkurrenz der Juden zu schützen. Diesen war der Verkauf einer ganzen Anzahl von Waren und Gegenständen entweder ganz untersagt, oder wenigstens der Detail verkauf. So blieb den Juden in erster Reihe nur das Leihgeschäft auf Pfänder und Handschriften, der Trödelhandel und das Hausieren übrig. Einigermassen befremdend wirkt es bei der sonstigen Bevormundung der Juden, dass der Rat ihnen in der Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten, ja zum Teil auch in der Gerichtsbarkeit, völlige Selbständigkeit Hess. Die Juden bildeten nach dieser Richtung hin ein fast unabhängiges Gemeinwesen inmitten der christlichen Bevölkerung. Sie betrachteten sich, wie sie einmal in einer Eingabe an den Rat erklärten, als ob sie ein „absonderlich corpus und universitatem konstituiert" hätten. An der Spitze standen die alljährlich wechselnden 12 Baumeister, die Vertreter der Gemeinde nach aussen hin, und die 5 Kastenmeister, die das Aerar verwalteten, die Steuern erhoben und das Budget feststellten. Diese beiden Beamtenklassen hatten das Heft in Händen, die anderen Beamten waren ohne Einfluss. Das rege politische Leben, das noch bis ans Ende des 17. Jahrhunderts in der Gemeinde geherrscht hatte, und in dem sich alles, was in ihr an höherer Intelligenz und an Ehrgeiz sich regte, ausleben konnte, drohte im 18. Jahrhundert fast ganz zu erlöschen. Die beiden grossen Judenbrände von 1711 und 1721 hatten die Gasse in eine Ruinenstätte verwandelt, den Wohlstand auf Jahrzehnte vernichtet und den Sinn fast ausschliesslich" auf den Kampf ums tägliche Brot gerichtet. Die Menge hatte Dringenderes und Wichtigeres zu tun, als sich um ihre politischen Rechte zu kümmern. Einzelne Familien, an ihrer Spitze die der Kann und Beifus, hatten sich völlig der Herrschaft bemächtigt und schalteten fast unumschränkt. Ohne Murren trug die Menge das oligarchische Regiment mit fast monarchischer Spitze. Auch nicht aus ihrer Mitte erstand der Mann, der sich dagegen auflehnte und die Menge an ihre preisgegebenen politischen Rechte erinnerte. Dieser Mann kam vielmehr — wie dies die Geschichte so vieler politischer Bewegungen zeigt — aus der herrschenden Klasse selbst, aus der Familie der Kulp. Juda Kulp machte sich zum Führer der freiheitlichen Bewegung. In dem langjährigen Kampf mit Kann und seinen Anhängern hat er sich zwar verblutet, aber Kanns Regiment war für immer gestürzt. Und was noch viel wichtiger war, diese Zeit der Kulp-Kannschen Wirren, die sich fast ein Menschenalter hinzogen und die Judenschaft bis in ihre innersten Tiefen aufregten, hat auf sie in politischer Hinsicht erzieherisch gewirkt. Nicht ohne da«; energische Eingreifen des Kaisers Franz L kam ein „Reglementsprojekt" zustande. Die langen Beratungen hierüber, die zahlreichen Kommissionssitzungen waren für die Juden nach jeder Richtung

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