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Programm · 1912-01-01 · 1912 · p. Seite 37

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Journal
Programm
Volume
1912
Date
1912-01-01
Page
Seite 37 (sequence 36)
Language
German
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— 37 — Gewiss, meine verehrten Damen und Herren, man müsste mit Blindheit geschlagen sein, wollte man nicht sehen, dass die Emanzipation die Bande, die Glaubens- und Leidensgemeinschaft, Ehre und Pflichttreue um die Judenheit geschlungen, gelockert, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl den Lockungen des Gewinnes und des Ehrgeizes nicht widerstanden hat und immer wieder unterliegt und das schwache Häuflein Israel verlässt, anstatt an der ihnen von der Vorsehung angewiesenen Stelle auszuhalten und weiter mutig zu kämpfen für die Sache der Humanität. Wer wollte aber demgegenüber verkennen, dass es wieder grünt und blüht, und zwar gerade in neuester Zeit wieder grünt und blüht im Garten des Judentums I Bei aller Liebe für das Vaterland, die den Juden von seiner Religion noch dazu ausdrücklich geboten ist, bei aller Begeisterung für dessen Einheit und Grösse, bricht sich doch in weiten Kreisen, gerade der gebildetsten deutschen Juden, die Überzeugung durch, dass das Festhalten an dem uralten Erb- und Kulturgut jüdischen Glaubens und jüdischen Wissens und dessen Übermittelung auf unsere Nachkommen nicht bloss eine Sache der Ehre und Pflichttreue ist, sondern dass dieses Verhalten allein einen reinen Segen für Vaterland und Menschheit in sich schliesst. Und so soll denn unsere heutige Feier uns aufrufen einerseits zu dem erneuten Schwur der Treue gegen das geliebte deutsche Vaterland, gegen das erhabene Herrscherhaus, unter dessen Schutz es gedeiht, aber auch zu einem heissen Gelöbnis, unserer altehrwürdigen Mutter "treue Söhne zu sein und zu bleiben und unsere Kinder ihr zu erhalten. Wenn diese Herzenstöne den Grundaccord unserer heutigen Feier bilden und die Gemüter der deutschen Juden dauernd erfüllen, dann wird von dieser Stunde reicher Segen erfliessen auf unsern altehrwürdigen Glauben und auf unser heissgeliebtes Vaterland. Das walte Gott! Meine verehrten Damen und Herren! Die israelitische Gemeinde zu Frankfurt a. M., als deren Vertreter zu sprechen ich die Ehre habe, hat vor mehreren Jahren den Oberlehrer Professor Dr. Kracauer mit der Abfassung einer wissenschaftlichen Geschichte der Frankfurter Juden von ihrer ersten Niederlassung bis zur Gegenwart betraut. Als erste Frucht seiner Forschungen hat der verdienstvolle Gelehrte im diesjährigen Schulbericht des Philanthropins, der Real- und höheren Mädchenschule der Gemeinde, eine längere Abhandlung über „Die politische Geschichte der Frankfurten Juden bis zum Jahre 1349" veröffentlicht. Als Gabe für das heutige Fest hat der Vorstand der Gemeinde eine Sammlung der Urkunden und Gerichtsakten, die sich in hiesigen und auswärtigen Archiven befinden, bestimmt und wird dieses Zeichen des Dankes der Gemeinde gegen die Vorsehung und das Vaterland den Behörden und Bibliotheken Frankfurts überreichen. Hierauf ergriff Herr Oberlehrer Prof. Dr. Kracauer das Wort zu seinem Vortrage: Ueber die Entwicklung der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. bis zur Emanzipation. Hochansehnliche Festversammlung! Wir feiern heute das Jubiläum eines gewaltigen Ereignisses, das Tausenden und Tausenden das Leben neu gestaltet hat. In solchen Stunden fühlt wohl jeder, auch wer sonst nur der Gegenwart lebt oder zuversichtliche Ausschau in die Zukunft hält, den Hauch der Vergangenheit. Er ahnt, dass das Grosse, Neue nicht plötzlich über Nacht gereift sein kann, ebensowenig, wie man reife Früchte von gestern gepflanzten Bäumen schüttelt. Man fragt, man forscht, wie wohl alles sich vorgebildet und entwickelt hat. Deshalb darf auch heute an dieser Stelle der Historiker zu Worte kommen. Um den Lebenden klar zu machen, was die Emanzipation ihren Grosseltern bedeutet hat und. so mittelbar ihnen selbst bedeutet, müsste der Historiker allerdings niedersteigen in die tiefsten Tiefen der mittelalterlichen Geschichte; er müsste versuchen, das Problem, dieses grösste und zugleich seltsamste Problem der Weltgeschichte, zu lösen. Er müsste die Lebens- und Leidensgeschichte einer versprengten Gemeinschaft geben, der man das Wurzelfassen in der neuen Erde bis aufs äusserste erschwert hatte, die man aber nicht ausrotten konnte, weil man ihrer zu dringend bedurfte, die man hasste, fürchtete und verachtete zu gleicher Zeit, die man als wesensfremd mit geheimer Neugierde

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