Programm
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- Volume
- 1912
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 35)
- Language
- German
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hätten sich ausser dem Vorstand, Ausschuss und Schulrat der israelitischen Gemeinde u. a. eingefunden: Die Herren Polizei-Präsident ßiess von Scheurnsehloss, Geh. Regierungsrat Bürgermeister Grimm, Bürgermeister a. D. Geheimrat Varrentrapp, Stadtverordneten-Vorsteher Geh. Justizrat Dr. Friedleben, Prof. Dr. Küntzel als Vertreter der Akademie für Sozial- und Handelswissensehaften, Archivdirektor Prof. Dr. Jung, sowie eine grosse Anzahl Direktoren der hiesigen höheren Schulen. Nach dem Gesang eines Eingangschors (Gottes Preis von Johann Wolfgang Franck) durch Schüler und Schülerinnen des Philanthropins eröffnete der Vorsitzende des Vorstandes der israelitischen Gemeinde, Herr Justizrat Dr. Blau, die Feier mit folgender Begrüssungs-Ansprache: Hochgeehrte Festversammlung! In diesen Tagen jährt sich zum hundertsten Male der Tag, an welchem die Juden Frankfurts aus der langen, bangen Nacht ihres Mittelalters erlöst, der Tag, an welchem sie aus Schutzjuden, die von der Gnade des Machthabers abhingen und diese Gnade mit klingender Münze und Entwürdigung erkaufen mussten, Bürger eines blühenden Gemeinwesens der freien Stadt Frankfurt geworden sind. Dieser Emanzipation der Frankfurter Juden ist nach kurzer Zeit die Emanzipation der preussischen Judenheit nachgefolgt. Unsere Feier der Emanzipation der Frankfurter Juden, zu der wir uns hier zusammengefunden haben, weitet sich so zu einer Feier der Emanzipation der preussischen, ja der deutschen Juden unter der stolzen Devise: Allzeit Frankfurt voran! Meine verehrten Damen und Herren! Unsere Vorfahren sahen in der äusseren Emanzipation, in der Beseitigung der Behandlung der Juden als einer von den Christen abgesonderten Gesellschaftsklasse, eine Erlösung der Judenheit, sie fühlten sich hierdurch dem schlafenden Dornröschen gleich wachgeküsst, wachgeküsst von dem Geiste der Aufklärung und der Humanität aus lOOOjähriger Bedrückung und Verfolgung, aus der leiblichen und geistigen Enge des Ghettos, zum Lichte der Freiheit und Gleichheit, zur herrlichen Weite deutscher Bildung und deutscher Kultur. Und in der Tat, während die Juden bis dahin ein Vaterland in dem Sinne, wie wir es verstehen und lieben, lieben von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft, nicht kannten, während ein milder Fürst, ein mildes Szepter, unter dem sie ruhig ihrer Nahrung nachgehen und dem altjüdischen Gesetze gemäss leben konnten, das höchste Ziel ihrer Wünsche in politischer Beziehung war, brach für sie jetzt eine Zeit heran, in der sie sich als Glieder eines kräftigen Gemeinwesens fühlten, zu dessen Wohle sie ihre Fähigkeiten unterschiedslos gleich allen andern Bürgern verwerten konnten, an dessen Geschicken sie ratend und tatend teilnehmen durften. Auf diese Weise konnten sie eine neue Zeit vorbereiten, die ihnen die volle Gleichberechtigung in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung brachte. Meine verehrten Damen und Herren! Dass die Juden die ihnen geschenkte Freiheit nicht bloss zu ihrem eigenen Vorteil genützt,, dass sie nach Erlangung der äusseren Emanzipation auch an ihrer inneren Emanzipation mit erhöhtem Eifer zu arbeiten begonnen, dass sie in ihrem neugewonnenen Vaterlande treue Söhne — ich gedenke besonders ihrer Teilnahme an den Freiheitskriegen —, dass sie Mehrer und Förderer seiner wirtschaftlichen und geistigen Wohlfahrt geworden und sich auf allen Gebieten vaterländischer Arbeit; auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Kunst, der Industrie, des Handels und Verkehrs in hervorragendem Malze betätigt, dass sie besonders hier in Frankfurt in sozialer* Hülfsarbeit Hervorragendes geleistet haben, das ist von allen Seiten, auch von hoher und höchster Stelle, des Öfteren anerkannt worden und kann selbst von weniger wohlwollenden Urteilern nicht geleugnet werden. Für uns Juden selber aber entsteht die Frage: Hat die Emanzipation wirklich die Erlösung des Judentums gebracht? Oder ist es etwa richtig, was gewisse* Kreise behaupten, die Emanzipation bedeute für das Judentum weniger die Erlösung als die Auflösung?