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Programm · 1905-01-01 · 1905 · p. Seite 16

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Programm
Volume
1905
Date
1905-01-01
Page
Seite 16 (sequence 68)
Language
German
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— 16 — .auch im Josephinisehen Oesterreich und den kleineren Staaten gegründet wurden, um in neuem Sinne die jüdische Jugend zu erziehen. Aber liier in der .seibstgeFüll igen Abgeschlossenheit der alten Reichsstadt reichten diese Strömungen von Osten nicht aus. Es bedurfte der grossen We.ttersehiäge von Westendes bedurfte der Einäscherung der Judengasse 1796 durch die Kanonen von Kleber. Und freilich, es war ein kleiner Keim, dessen Entfaltung uns die Festschrift in so anziehender Weise geschildert hat, an dessen Entwicklung aber: sofort die bedeutendsten Männer des damaligen Frankfurt mitgewirkt haben. Wenn wir lesen, wie G eisen heim er sein bedeutendes pädagogisches Talent dadurch entdeckte, dass Rothschild ihm einen armen Jungen aus Marburg zur Erziehung überwies, und wie dann vier junge Männer — keiner älter als 28 Jahre — zusammentraten, wie der grosse Geograph Ritter mit grösstem Interesse die Anfänge verfolgt, wie Bettina Brentano an Goethe berichtet, wie die ersten Männer Frankfurts, ein Glind er rode, ein Hufnagel an der Anstalt teilnehmen, dann erfüllt uns das mit äusserstem Interesse. Und wie schnell wurde diese kleine Pflanze zu einem grossen Bäum, unter dessen Schatten viele Geschlechter aufgewachsen sind, tüchtig im wissenschaftlichen Lelxm' und Wirken und im Arbeiten für Staat und Gemeinde. Meine Damen und Herren! Wir Deutschen in unserm deutschen Reiche sind staatlich angesehen ein junges Volk; uns fehlen Traditionen, uns fehlt die Erbweisheit führender Geschlechter und Stände. Wir müssen uns das alles jetzt*selbst herausarbeiten, was anderen Nationen eine gütige Göttin in die Wiege gelegt hat. Wenn wir nun sehen, wie unser Volk zerrissen ist, welche Gegensätze vorhanden sind, wie eine radikale Strömung glaubt, aus dem Nichts alles herausschaffen zu können, und wie, fest am Alten hängend, eine geschlossene Gegnerschaft dem entgegentritt, dann müssen wir uns sagen, dass alle Kräfte zusammengenommen werden müssen, wenn wir im Leben der Nation bestehen wollen. Und auch unsere liebe Vaterstadt hat im Wettstreit der Städte einen harten Stand; auch hier gilt es, alle Kräfte zusammenzuhalten. Wenn ich auf die Geschichte "des Philanthropins sehe, sage ich: Es ist ein Glück für unsere Stadt gewesen, dass diese. Anstalt so viele tüchtige Männer und Frauen ausgebildet hat. und ich kann daher aus inniger Ucberzeugung meinen Glückwunsch aussprechen und die Hoffnung und dun Wunsch, dass allezeit Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und die Pflege idealer Gesinnung die treibender. Kräfte an dieser Anstalt sein mögen zum Segen des Vaterlandes, der Stadt und der isr. Gemeinde. Da> walte' Gott!* All den . Vertreter der Stadt schloss sieh im Namen der israelitischen Gemeinde deren Vorsitzender, Herr Keelusamvalt Dr.-Blau, mir folgenden Worren: Hochverehrte Fest Versammlung! Einer der verdientesten Lehrer des P.hilanthropins, Michael Creizenach. hat der alt., ehrwürdigen jüdischen Gemeinde Frankfurts das schöne Zeugnis ausgestellt, dass sie seit undenklichen Zeiten eine Mutter;" eine Führerin in Israel gewesen und dass alle anderen Gemeinden in ihrem Lichte gewandelt sind. Diese ihre beispielgebende. Nacheiferung erweckende Kraft — das steht für jeden Kenner'ihrer Geschichte ausser Zweifel — verdankt die Gemeinde im vergangenen Jahrhundert mit in erster Linie der" Schule, deren 100 jähriges Jubiläum wir in diesen Tagen feiern. H. F.! Als Unduldsamkeit und Konkurrenzfurcht vor Jahrhunderten die Juden auch dieser Stadt in ein Ghetto sperrte und ihnen die Möglichkeit benahm, an der Kulturarbeit der Vaterstadt und des deutschen Volkes voll teilzunehmen, da verloren die also Entrechteten nach und nach den inneren Zusammenhang' mit der deutschen Volksseele, und die allezeit geistig Regsamen verwandten die Zeit und die Kraft, die ihnen ein unendlich schwerer Kampf ums Dasein noch Hess, fast ausschliesslich auf die Pflege ihrer ererbten Kulturschätze. Als dann der Puissehiagr einer besseren Zeit auch'in ihren Adern sich zu regen begann, als in einer aufgeklärteren Zeitperiode die Tore des Ghettos sich öffneten und die Luft, bürgerlicher Freiheit und das Licht humaner Bildung in sie einzuströmen begannen, da bedurfte es eines Mittlers, der die Schranken, die bisher zwischen Kindern ein und desselben Landes aufgerichtet waren, niederznreissen, der den inneren seelischen üonnex der bis dahin von der deutschen streng geschiedenen jüdischen Bevölkerung mit dieser wiederherzustellen im stände war. Dieses Amt des Mittlers ist der Schule der Gemeinde zugefallen, und sie ist — die Gemeinde erkennt" dies von ganzem Herzen an — dieser Aufgabe in hohem Maasse* gerecht geworden.

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