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Programm · 1905-01-01 · 1905 · p. Seite 10

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Programm
Volume
1905
Date
1905-01-01
Page
Seite 10 (sequence 56)
Language
German
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— 10 - eine Menschheit, aber viele Nationen, nur eine Religion, aber viele Glauben!*1 Das* Kind wird aus dieser Anschauung heraus mir in dieser einen Religion in dorn sog. Mo-fdunterrieht unterwiesen; . erst in der Oberstufe wird ihm der geoffenbarte, der jüdische Glaube nahegebracht-, und auch hier nur in gelegentlichen Exciirseu bei der Behandlung der jüdischen Geschieht«.». Welch' gewaltige Umwälzung in der Denk- und Ansehauungsweise der ehemaligen Ghettobewolmer! Noch wenige Jahre vorher war ihr ganzes Denken und Sein eingeengt in der Beobachtung der Coremonialgebotc. die das Leben bis in die kleinsten Einzelheiten bestimmten — nun sind sie unvermittelt in^eino Sphäre getreten, die die positive Religion nur streift! Am liebsten möchte ja auch Hess den Namen „Religionslehre0 aus dem Lehrplan der Schule gestrichen sehen; er fühlt selbst, dass eine derartige Unterweisung zu einer Einführung in die religiöse Gemeinschaft, wenig geeignetsei. -— Mit der veränderten Anschauung von der Religion niuss naturgemäss auch der herkömmliche Gottesdienst von Grund aus umgestaltet werden. An die Stelle der traditionellen hebräischen Liturgie tritt in der Andachtsstunde,' die seit 1811 am Sonntage jedesmal vor Eröffnung der Schule abgehalten wird, deutscher Gesang in Begleitung der Orgel, an die Stelle der Rede des Rabbiners, die sich damals um die Erläuterung und Auslegung eines biblischen oder taimudisehen Schriftsatzes bewegte, eine Ansprache über einen moralischen Gegenstand, „den grade Gelegenheit und Umstände herbeiführen.* Auf diesem Boden.können natürlich e-onfessionelle Sonderungen nicht bestehen, und als in demselben Jahr 1811 ein christlicher Bürger um Aufnahme seines Sohnes in das Phitanthropiu bittet, stimmen die Vorsteher freudig zu und erklären zu Protokoll, dass schon der Name der Schule-jede einseitige Beschränkung ihrer Wirksamkeit, ausschliefe. Sie sei bisher j ü di s eh es Philanthropin in dem Sinne genannt worden, dass ihre Wohltaten zunächst den Glaubensgenossen der Begründer zukämen, nunmehr sei diese Beifügung wegzulassen und die Schule lediglich ,, Philanthropin** zu nennen. Mit ihren Anschauungen waren indes Leiter und Lehrer ihrer Zeit weit voraus geeilt: es fehlte ihnen wie so vielen ihrer Zeitgenössen das rechte Verständnis für das geistig-geschichtliche ., Leben, sie unterschätzten die Kraft, die organisch entwickelte geschichtliche Gewalten, wie sie sich" in den verschiedenen Religionsformen darstellen, besitzen. Sie mussren es bald geschehen lassen, dass kühlere und ruhigere Naturen die religiöse Unterweisung der Jugend übernahmen, die an die geschichtliche Entwicklung des Judentums anknüpften und die - Tradition mit den Forderungen der Zeit in Einklang zu bringen verstanden. Auf geschichtlicher Grundlage bahnte Josef Johlson die Reform des Judentums an. Die Andachtsstunde des Sonntags wurde zur Sabbatfeier umgewandelt, und" im Andachtssaal des Compostells ertönten die alten Gesänge in deutschem Gewände gleichzeitig neben den herrlichsten religiösen Liedern deutscher Dichter; hier , wurde das Gotteswort von geistig hervorragenden,'modern'gebildeten jüdischen-Theologen der zahlreichen Gemeinde in mustergültiger Form übermittelt und Tlas religiöse Interesse namentlich der gebildeten Schiebten durch Jahrzehnte in ausser- . ordentlich reger Weise wachgehalten. Johlsons „Lehrgebäude der israel. Religion" gestaltete sein Mitarbeiter und Nachfolger, Michael Creizenach. in' freiheitlichen;'Sinne weiter aus: noch grössere Wirkung übte der feinsinnige, sprachgewaltige Lehrer durch seine Vorträge im Andachtssaal und in seinen Ansprachen bei der Confirmation, die seit 1828 am Philanthropm alljährlich stattfand. Der feste Grund für einen modernen Unterricht in der jüdischen Religion wurde durch zwei weitere Lehrer der Anstalt gelegt: Marcus Jost gab in zahlreichen Schriften, vor allem in seiner umfassenden Geschichte der Israeliten, eine klare Darstellung der politischen und socialen wie der literarischen und religiösen Entwicklung des 'Judentums und seiner Bekenner, Jakob Auerbach führte durch sein Bibelwerk wie durch seine biblischen Erzählungen das heranwachsende Geschlecht in die Welt der Bibel, den Urquell aller menschlichen Erkenntnis und lehrte die Jugend die unnachahmliche'Gedankentiefe und die vollendete Form der Psalmen und der Worte der Propheten, der herrlichsten Poesie der Welt, erfassen und würdigen. . Die segensvolle Arbeitdieser bedeutenden Männer hat den israelitischen Religionsunterricht zu der Höhe geführt, die er heut in unserem Vaterlande einnimmt. Niemals haben diese Lehrer ihre Schüler und Schülerinnen zur Unterwerfung unter andere Glaubensgesetze als das von dem einig-einzigen Gott geleitet, niemals ihnen die Befolgung von Ceremonieen, die Übnng religiöser Gebräuche zur

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