Programm
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- Volume
- 1894
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 22)
- Language
- German
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- 23 — einer Armen schule mit einem einzigen Zögling hervorgehend, hatte sie sieh schon ein Jahrzehnt später zu einer melirklassigen Eealschule erweitert, in welcher Hunderte von. Kindern einen für die damalige Zeit sehr umfassenden Unterricht empfingen. Es ist erhebend, zu erkennen, wie vorzugsweise die Energie eines einzelnen, für die Ideale seiner Zeit begeisterten Mannes, desselben, dessen Name die Empfangshalle unseres Schulgebäudes (Siegmund Geisenheimer) schmückt, diese unter den damaligen Verhältnissen gewaltige Leistung vollführen konnte, wie er die sich seinen Plänen entgegentürmenden Hindernisse zu üherwindeu und sein. Werk gegen die mannigfachen (Mahren zu schützen verstand, die ihm nicht nur von. aussen durch politische Umwälzungen und sociale Wirren, sondern auch von. innen aus den Kreisen der starren, jedwedem Fortschritt abholden Strenggläubigkeit erwuchsen. Fortschritte auf irgend welchen Gebieten menschlichen Strebens lassen sich nur dann verwirklichen, wenn die Ideen, auf die sie sich gründen, durch lange Zeitepochen in breiten Schichten des Volkes gereift sind; wer seiner Zeit vorauseilend, nebelhaften Plänen nachjagt, erleidet Schiffbruch. Gewaltige Männer, deren Thatkraft und Geistesstärke es gelingt, das Hoffen und . Sehnen ihrer Zeit in die That umzusetzen, sind "nur Werkzeuge der steten eulturellen Fortentwicklung der Menschheit. Solch ein Werkzeug in der Hand der Vorsehung war jener in bescheidenster Lebensstellung befindliche 'Mann, der diese Schule gründete. Indem sie moderne, vaterländische Bildung unter den in hiesiger Stadt seit vielen Jahrhunderten ansässigen Israeliten verbreitete, die Fesseln m eines starren Dogmatismus von ihnen abstreifte, hat sie sie aus der geistigen Nacht strengster Abgeschlossenheit herausgeführt in das Licht einer neuen schöneren Zeit, sie hat die Thore des Ghetto gesprengt und die Härten socialer Inferiorität und Eechtsiosigkeit durch Anbahnung voller bürgerlicher Gleichberechtigung beseitigt. So kann es uns nicht wundern, dass im Laufe der Jahre die Bedeutung dieser Schule meür und mehr wuchs, dass ihr, deren Euf weit über die Grenzen unsererer Vaterstadt gedrungen vvar, aus allen Ländern Schüler zuströmten, und daß ihre befreiende Wirksamkeit immer weiteren Kreisen, ihr segensreicher Einfluss vielen Generationen zu Gute kommen konnte. Jetzt ist sie seit Jahrzehnten fest begründet, die Zeit des unsicheren Schwankens und Tastens ist längst überwunden, sie steht als vollwichtiges Glied in der Keine gleichstrebender Anstalten, und mit Genugthuung können wir anerkennen, dass sie nicht nur den zählreichen Aufgaben, die Staat und Gesellschaft an sie stellen, vollkommen gerecht wird, nein, dass sie auch mancher in gleichem Sinne wirkenden Anstalt vorbildlich geworden ist. Ist ihre Wirksamkeit damit erschöpft? Ist die Berechtigung ihres Bestehens verwirkt, nachdem im grossen und ganzen ihre Aufgabe gelöst, die Verbreitung moderner Bildung, deutschen vaterländischen Sinnes unter den hiesigen Israeliten vollendete Thatsache geworden und ein Rückfall in die frühere trostlose Abgeschlossenheit menschlichem Ermessen nach ausgeschlossen erscheint? Soll die Schule zu Gunsten oder vielmehr zu Lasten der Stadtgemeinde, die das Schulwesen mit musterhafter-Fürsorge verwaltet, abdicieren? Keineswegs. Die Gewalten, zu deren Bekämpfung sie begründet wurde, sind nicht dauernd vernichtet, noch droht der Ansturm des starren, finsteren Buchstabenglaubens, und mahnend dringt an unser Ohr das Grollen einer die sociale'Stellung der Israeliten bedrohenden Bewegung. In solchen Zeiten bewähre unsere Schule fort und fort ihre befreiende, ihre versöhnende Kraft, sie wachse, blühe und gedeihe, ein Hort der Geistesfreiheit, eine Pflanzstätte deutscher Bildung und Gesittung.'1 — Der Redner berührte sodann die Thätigkeit der früheren Leiter dieser Schule, schilderte eingehend die