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Programm · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 48

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Journal
Programm
Volume
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 48 (sequence 47)
Language
German
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— 48 - Wissenschaftliche Arbeit und Bethätigung war ihm unentbehrlich, sie erfüllte alle seine durch eine ausgedehnte und mit Gewissenhaftigkeit ausgeübte Lehrtätigkeit allerdings sehr beschränkten Mußestunden. Als Frucht seiner mathematischen Studien sind nur zwei kleinere Arbeiten veröffentlicht worden.^) Dagegen hat seine Beschäftigung mit der Geschichte der Physik ihn zu einer Arbeit geführt, die seinen Namen, wie wir glauben, lange hin erhalten wird. Bei dem Studium der Werke Galileis fesselte ihn dessen „Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das Ptolemäische und das Kopernikanische." Er erkannte in diesem für die Geschichte der Wissenschaft epochemachenden Werke eines der merkwürdigsten Bücher, die je geschrieben worden sind. Treffend charakterisierte er in dem Vorworte die Bedeutung des Werkes in folgender Weise: „Das hauptsächliche, aber keineswegs einzige Interesse des Buches liegt darin, daß es in greifbarer Anschaulichkeit die Berührung moderner Wissenschaft mit scholastischer Naturphilosopie und die daraus stch ergebenden Reaktionen dem Leser enthüllt. Wie dem Geologen die Kontaktstellen verschiedenartiger Gesteine und die dort eintretenden Umwandlungen der Gesteinsnatur das Verständnis der Erdgeschichte ermöglichen, so ist Galileis Buch sür den Kulturhistoriker ein Schlüssel zur Erfassung des Umschwungs in der Weltanschauung. Aus ihm kann er ermessen, was es heißt, eine neue Idee wie die kopernikanische für weite Kreise faßlich und mundgerecht zu machen. Es kommt aber in dem Buche keineswegs nur die Frage der beiden Weltsysteme zur Sprache: es handelt sich mehr noch um die ganze Methode wissenschaftlicher Forschung. Diese sollte von nun ab anscheinend bescheidener, in Wahrheit aber mühevoller und fruchtbarer sein; sie glaubt nicht mehr alles a. xriori wissen zu können oder gar schon zu wissen, sie übernimmt vielmehr die schwere Aufgabe, in scheinbar geringfügigen Judicien, in alltäglichen und dennoch unbeachteten Erscheinungen die Spuren folgenschwerer Gesehe zu finden. Das Buch Galileis belehrte die Zeitgenossen — und diese Belehrung dürfte auch heute für weite und einflußreiche Kreise noch nicht überflüssig geworden sein — daß nicht in logisch geschultem Denken und in einer Anzahl von fertigen Formeln das Wesen der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Erziehung sich erschöpft, daß vielmehr die unendlich viel schwierigere Kunst, durch Beobachtung und Versuche den Thatsachen Rechnung zu tragen das Hauptmerkmal des Erkennens ist." Strauß unternahm es als der Erste, das merkwürdige Buch durch eine deutsche Übersetzung weiteren Kreisen — er dachte dabei auch an die Schüler der obersten Klassen unserer höheren Schulen — zugänglich zu machen. In einer über fünf Druckbogen umfassenden Einleitung gab er eine Biographie Galileis „unter Hervorhebung dessen, was mit seiner Stellung zur kopernikanischen Lehre und mit der Geschichte des Dialogs zusammenhängt", und in zahlreichen Anmerkungen fügte er diejenigen Hinweise hinzu, „die das Verständnis und die Würdigung des Buches erleichtern, die es aus seiner Zeit heraus nach seinen Vorzügen und Schwächen begreiflich machen, und die dem Leser die Möglichkeit bieten, den Erkenntnisfortschritt zu verstehen, der sich in ihm vollzieht." Die Muße dreier Jahre setzte er an diese Arbeit,**) die ein Zeugnis giebt nicht blos von seiner umfassenden Gelehrsamkeit, sondern auch von seinem historischen Sinn und seiner unbestechlichen Wahrheitsliebe. Er hatte den letzten Korrekturbogen bei sich, als er am Morgen des 31. Januar schon von Fieberschauer ergriffen in die Schule eilte, in der er sich nicht mehr aufrecht zu erhalten vermochte. Aus derselben Schule, in die er einst als sechs- *) 1. Eine Verallgemeinerung der dekadischen Schreibweise nebst funktionentheoretischer Anwendung, ^cta Natnsmatica 1887. 2. Arithmetische Eigenschaften der Funktionen. Berichte des freien deutschen Hochstifts. 1889. **) Sie führt den Titel: Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das Ptolemäische und Kopernikanische von Galileo Galilei. Aus dem Italienischen übersetzt und erläutert von Emil Strauß ord. Lehrer an der Realschule „Philanthropin" in Frankfurt a. M. Leipzig, Druck und Verlag von B. G. Teuber 1891 I.XXXIX. 586. Zwei interessante Abschnitte der Schrift sind dem vorjährigen Programm unserer Schule als wissenschaftliche Abhandlung beigegeben.

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