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Programm · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 23

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Journal
Programm
Volume
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 23 (sequence 22)
Language
German
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- 23 — So sahen sich die Juden Fettmilchs Willkür preisgegeben. Er und Kantor trieben alle diejenigen, die sie noch in der Stadt ausspüren konnten, „wie das liebe Vieh" vor sich her nach dem von Wachen umgebenen Friedhof, wo nun die unglückliche Gemeinde fast vollzählig versammelt war. Fettmilch selbst stellte sich mit seinen Getreuen dicht vor das Gitter, hinter ihm eine wüste Menge, und weidete sich an dem Anblick der Wehrlosen, die mit Bangen aus seinem Munde die Entscheidung über ihr ferneres Schicksal erwarteten. Ihrem Flehen um Schonung setzte er nur Hohn und Spott entgegen und spielte sich als zweiter Haman auf, der aber sein Ziel sicherer als der alte erreichen würde, da keine so frommen Leute wie Mordechai unter ihnen seien. Die Furcht der Eingeschlossenen wuchs von Minute zu Minute; schon konnten sie aus dem Lärm der Menge vereinzelte Rufe, wie: „Schlagt sie nieder!" hören. Schon machten sie sich auf das Schrecklichste gefaßt; viele hielten ihre letzte Stunde für gekommen, legten Sterbegewänder an und beteten die üblichen Sterbegebete. Manche trafen Vorbereitungen, selbst Hand an sich zu legen, falls der Pöbelhaufen in den Friedhof eindränge. Endlich erfuhren sie, was man mit ihnen im Schilde führte. Fettmilch sagte ihnen im Namen des Ausschusses den Schutz auf und gebot ihnen, die Stadt zu verlassen, da die Bürgerschaft sie nichl länger unter sich dulden wolle. Den inständigen Bitten, ihnen sofortigen Abzug zu gewähren, da sie sich keinen Augenblick mehr in der Stadt ihres Lebens für sicher hielten, gab er endlich nach. Um ein Uhr begann der Auszug. Der Rat, der zu allem Geschehenen durch Stillschweigen seine Einwilligung gegeben hatte, stellte zur Aufrechterhaltung der Ordnung acht Musketiere vor die Judengasse. In langen Scharen, man zählte 1380 Personen, zogen die Juden, zu beiden Seiten von bewaffneten Bürgern geleitet, durch das Fischerpförtchen an den Main. Den Nest ihrer Habe, für den sie einen äußerst hohen Ausfuhrzoll zahlen mußten, schleppten sie mit sich oder ließen ihn für reichlichen Lohn zum Ufer tragen; manche gaben auch das aus der Plünderung Gerettete befreundeten Christen in Verwahrung. Unter Weinen und Wehklagen schieden die Juden von dem Orte, wo sie seit vielen Generationen fast ohne Anfechtung gelebt hatten; eine der blühendsten und angesehensten Gemeinden Deutschlands schien für immer vernichtet zu sein; ihre Mitglieder zerstreuten sich in alle Windrichtungen. Einige wenige kehrten zwar wieder heimlich in die Stadt zurück, wo sie bei Christen Unterschlupf fanden, die andern aber fuhren teils mainaufwärts nach Offenbach und Hanau, teils mainabwärts nach Höchst, wieder andere zogen zu Fuße weiter in benachbarte Orte. Fast überall wurden sie bereitwillig aufgenommen. Endlich hatte also die radikale Partei ihr Ziel, die Vertreibung der Juden, erreicht und trug sich schon mit dem Gedanken, jede Spur ihres Ausenthaltes in der Stadt zu verwischen. Der auf dem Friedhof weidende Gemeindeochse wurde geschlachtet, den Friedhos selbst gedachte man zu applanieren und ein Schießhaus sowie eine Kegelbahn darauf zu errichten; das jüdische Tanzhaus sollte in eine Trinkstube umgewandelt werden. Aber nicht lange hielt die siegesfreudige Stimmung unter Fettmilchs Parteigängern vor; dem Rausche folgte bald die Ernüchterung. Auch der Rat fürchtete, für seine sträfliche Indolenz zur Rechenschast gezogen zu werden. Um den Kommissarien gegenüber jeden Vorwurf eines Einverständnisses mit den Aufrührern von sich abzuwälzen, ließ er in den Zunststuben ausrufen, ein jeder solle das Geraubte im Römer einer besonders dazu ernannten Kommission abliefern und nichts von den entwendeten Gütern verkaufen; eine bildliche Darstellung der Plünderung, die unmittelbar nach dem Ereignis erschienen war, ließ er konfiszieren: lauter Maßregeln, die auf den Widerspruch der Zünfte stießen, die aber auch die Kommissarien über den wahren Sachverhalt nicht täuschen konnten. Diese hielten sich damals in Aschaffenburg auf und erfuhren bald durch ihre Subdelegierten Näheres über die Vorgänge in Frankfurt. Deren Schreiben enthielt zugleich die Bitte, milde mit den Zünften

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