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Programm · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 22

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Journal
Programm
Volume
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 22 (sequence 21)
Language
German
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— 22 — Fässer weg, und durch das jetzt weit geöffnete Thor ergoß sich die beutegierige Menge. So schnell wichen aber die Verteidiger der Übermacht nicht; mit Schwertern und Hellebarden hieben sie auf die Eindringlinge ein, verwundeten viele und töteten einen, während von den Ihrigen zwei im Handgemenge fielen. Sie sahen jedoch bald ein, daß jeder Widerstand vergebens sei, und flüchteten teils in ihre Häuser, teils aus den Friedhof, wohin sie auch in aller Eile das Wertvollste ihrer Habe zu schleppen suchten. Man verfolgte sie nicht dahin, denn nicht nach Kampf gelüstete es die Menge, sondern nach Beute; in kleinere Abteilungen aufgelöst, drang sie in die einzelnen Häuser ein. In der Stadt hatte sich inzwischen das Gerücht verbreitet: Man hat uns die Judengasse preis gegeben. Und nun strömte alles herbei, was sonst noch Hab- und beutegierig war, sogar Frauen und Kinder. Manche waren so vorbedacht gewesen, gleich Wagen und Karren mitzubringen, um das Geraubte bequem fortschaffen zu können; doch soll nicht verschwiegen werden, daß auch manche Bürger in die Gasse nur in der Absicht eindrangen, die Habe befreundeter Juden vor den Plündernden in Sicherheit zu bringen und sie ihnen später zurückzustellen. Fettmilch mit seinem Regimentsstab befand sich mitten unter den Plündernden. Er sowie die andern Häupter des Aufstandes hielten jetzt reichliche Ernte. Seine Familie half ihm wacker beim Bergen der geraubten Schätze; ja, er scheint sich besondere Leute gedungen zu haben, die ihm die Beute in seine Wohnung trugen. Die Plünderer verschmähten nicht den unbedeutendsten Gegenstand; Hühner und Gänse, Bratspieße, sogar Mistgabeln wurden mitgenommen. Die Weiber machten sich besonders über das Geschirr und die Wäschevorräte der jüdischen Haushaltungen her. Von mancher christlichen Hausfrau hieß es später, „sie habe damals ihre Stube wohl mit Zinn staffiert." Eine besondere Anziehungskrast übten die eisernen Truhen aus, in denen man Geld, Kostbarkeiten und Schuldverschreibungen vermutete. Als alles Mitnehmenswerte geraubt war, begann man, von erbeutetem Wein und wilder Zerstörungslust berauscht, die Häuser zu demolieren; Kachelöfen, Thüren und Wände wurden zerschlagen, Dielen aufgerissen und Fenster eingeworfen. Die heiligen Bücher und Schriften der Juden warf man in die Feuer, die man mitten in der Gasse angezündet hatte, und deren mächtig emporlodernde Flammen das wüste Zerstörungswerk beleuchteten. Dreizehn Stunden hatte so die Plünderung ungestört gedauert, da erst begannen sich die friedliebenden Elemente aus ihrer Lethargie aufzuraffen. Man begann für den eigenen Besitz zu fürchten, wenn den entfesselten Leidenschaften nicht endlich Einhalt gethan wurde. Schon erscholl vereinzelt der Ruf unter der Menge, man solle auch über diejenigen Bürger herfallen, die pariert hätten. Viele der Reichsten fühlten sich nicht mehr sicher und flüchteten nach den Nachbarstädten. Da war es das Verdienst des jüngeren Bürgermeisters Köhler (der ältere hatte vollständig den Kopf verloren), daß er ein Häuflein Beherzter um sich scharte und mit ihnen wohlbewaffnet und beritten nach der Gasse rückte. Aber ihr Mut wurde auf keine harte Probe gestellt; die Menge hatte sich müde geschrieen und war zum teil sinnlos trunken; sie räumte der Reiterschar sofort den Platz, ein genügender Beweis, daß man mit etwas Energie die Ausschreitungen im Keime hätte ersticken können. Die Gasse bot einen trostlosen Anblick dar, überall auf dem Boden zerstreut lagen einzelne Blätter aus den heiligen Büchern umher; stellenweise war der Durchgang versperrt durch Karren, Wagen und Säcke voll von geraubtem Gut. Die Synagoge war ebenfalls ausgeplündert; der Schrank, in dem die Gesetzesrollen aufbewahrt wurden, beschmutzt und besudelt worden. Mit der Säuberung der Gasse von Gesindel glaubte der Rat genug gethan zu haben und unternahm keine weiteren Schritte, außer daß er vor den Thoren eine Wache aufstellte, die verhindern sollte, daß wieder Pöbelhaufen eindrängen, um Nachlese zu halten.

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