Programm
- Journal
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- Volume
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 20)
- Language
- German
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— 21 — auf der Schmidtstube die Rede davon war, man müsse die Juden einmal plündern, und daß Fettmilch die an ihn ergangene Aufforderung, die aufgeregten Gesellen zu beschwichtigen, rundweg zurückwies. Durch einen Handstreich auf die Judengasse hoffte er, die schlimmen Triebe der Menge zu befriedigen und ihr zugleich keine andere Wahl zu lassen, als sich den Häuptern des Aufstandes unbedingt in die Arme zu werfen. V. Bereits am Tage vor der unheilvollen Unterredung der Subdelegierten mit den Altgesellen, am 21. August, war zu den Juden das Gerücht von einer bevorstehenden Plünderung der Gasse gedrungen. Einige Familien flüchteten bei Zeiten in die Häuser befreundeter Christen. So nahm ein „köstlicher"*) Ratsherr ettva 60 der Unglücklichen, darunter 10 Wöchnerinnen in sein Haus auf. Weitaus die meisten waren aber zurückgeblieben und harrten in größter Angst und Aufregung der kommenden Ereignisse. Sie verrammelten die Thore zur Gasse, so gut es anging; im übrigen aber bauten sie einzig und allein auf Gottes Hilfe, die sie durch Gebet und Fasten zu erringen hofften. Die Mehrzahl von ihnen befand sich am Nachmittag des 22. August in der Synagoge, als sich um 5 Uhr dichte Volksmassen, geführt von Handwerksgesellen, die, wie sicb später herausstellte, zum größten Teil keine geborenen Frankfurter waren, unter wüstem Geheule und Geschrei gegen die Bornheimer Pforte heranwälzten. Die Männer verließen das Gotteshaus, bewaffneten sich mit Schwertern und Hellebarden und eilten zur Verteidigung ihrer Heimstätten an die Thore, hinter denen sie aus Fässern, Bänken und Steinen Barrikaden errichteten. Die Frauen und Kinder hatte man zum größten Teil auf den Friedhof geflüchtet, wo sie in banger Verzweiflung der Entwicklung der Dinge entgegensahen. Die Angreifer begannen den Sturm gegen die Pforte, doch war der Eintritt nicht so leicht zu erobern, als sie gedacht hatten; es verrann Stunde auf Stunde, der lange Sommertag war schon zur Rüste gegangen, und noch widerstand das wohlverwahrte Thor, durch das gedeckt die Verteidiger einen Hagel von Steinen unter die Anstürmenden schleuderten. Aber wie lange konnten sie noch hoffen, mit ihrer schwachen Kraft das Unheil abzuwehren, da der Rat, ein Bild kläglichster Hilflosigkeit, nichts unternahm, der bedrängten Judenschaft zu Hilfe zu eilen? So war es zehn Uhr geworden, und noch immer bot sich dasselbe Bild dar. Die Ungeduld der Menge hatte ihren Höhepunkt erreicht. Bereits wollte Fettmilch zwei Geschütze gegen das Thor auffahren lassen, da gelang es einigen Zimmerleuten, die nur aus Fachwerk und Lehm bestehenden Wände eines dicht an der Gasse befindlichen Hauses einzuschlagen und auf diesem Wege einem mit Musketen bewaffneten Haufen Eingang in die Gasse zu verschaffen. Schon waren die Juden im Begriff, sich gegen die Eingedrungenen zu wenden, als diese versicherten, sie seien nur zu ihrem Schutze erschienen, und sie aufforderten, die Waffen niederzulegen. Man schenkte ihren Worten Glauben und räumte das Feld, aber nur zu rasch sahen die Juden ihren Irrtum ein. Durch einen Signalschuß verständigten die Eingedrungenen die draußen Harrenden von dem gelungenen Handstreich, dann räumten sie die hindernden Balken und *) So heißt er im sogenannten Vincenzlied, das von Abraham Helen, einem Zeitgenossen Fettmilchs verfaßt, in lebendigem Tone die Plünderung der Judengasse und die Zurücksührung der Juden nach Frankfurt schildert. Auch in sprachlicher Hinsicht — zum hebräischen Text haben wir eine Übersetzung im damaligen Judendeutsch — ist das Lied höchst interessant.