Programm
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- Volume
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 19)
- Language
- German
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- 20 - Gewitter hielten. Auch Fettmilch traf Vorkehrungen, als ob ein militärischer Überfall zu befürchten sei, und ließ Thore und Wälle scharf bewachen. Doch Mathias zog mildere Seiten auf. Am 26. Juli sandte er ein Mandat, worin diejenigen Bürger, die „an solchem hochärgerlichen Unwesen unschuldig wären und nur aus Angst mitgethan hätten", aufgefordert wurden, sich öffentlich mit Nennung des Namens von der Sache der Aufständischen loszusagen; wer aber noch weiter im Ungehorsam beharre, dem wurde mit Reichsacht, Vermögenskonfiskation u. s. w. gedroht. Den gehorsamen Bürgern hingegen und dem alten Rate und den Juden sagte der Kaiser des heiligen römischen Reiches Schutz zu. Ein großer Teil der Bürgerschaft, an ihrer Spitze der stark zusammengeschmolzene Rat, begrüßte das Mandat mit Freuden. Schon seit einiger Zeit suchte er sich dem Einfluß von Weitz und Fettmilch zu entziehen, denn er sah sie einer Richtung zusteuern, die von dem ursprünglichen Ziel der Bewegung weit abführte und die bis jetzt errungenen politischen Rechte aufs neue gefährdete. Alle diese gemäßigten Elemente erklärten daher sofort ihre Bereitwilligkeit, sich dem kaiserlichen Erlaß unterwerfen, oder, wie man sich ausdrückte, „parieren" zu wollen. Nur die Zunftmeister beharrten in ihrem Widerstand, da Fettmilch ihnen vorgespiegelt hatte, das Mandat rühre nicht vom Kaiser her, sondern sei von den Kommissarien untergeschoben. Auch die vom Ausschuß nach Wien gesandten Abgeordneten schrieben nach Hause, der Kaiser sei der Sache der Bürgerschaft zugethan; bezüglich der Juden könne man sofort zu Ruhe kommen, wenn man ihm 20—40000 Gulden verspräche. Da also den Zunftmeistern nicht beizukommen war, suchten die Subdelegierten auf anderem Wege Einfluß auf die Zünfte zu gewinnen und griffen zu einer Maßregel, die für sie selbst, sowie für die Stadt, von den bedenklichsten Folgen sein sollte. Sie beschieden die Altgesellen, zwei von jeder Zunft, am 22. August zu sich, erinnerten sie nochmals eindringlich an das Mandat des Kaisers und forderten sie bei Strafe der Reichsacht und der Ausstoßung aus den Zünften auf, die ungehorsamen Meister zu verlassen. Der Ausschuß sah dem nicht müßig zu. Er begnügte sich nicht damit, einen Protest gegen die allen Rechten der Stadt zuwiderlaufende Beeinflussung der Gesellen aufzusetzen, sondern suchte die wankend Gewordenen wieder fest an sich zu ketten. Er lud sie auf die Schmidtstube ein und bewirtete sie reichlich, so daß viele von ihnen stark „beweint" wurden. Durch Brandreden der schlimmsten Art schürte man dann die Erbitterung gegen die Subdelegierten so lange, bis es in den von Wein erhitzten Köpfen überzukochen begann. Die Gesellen eilten mit ihren Meistern und gefolgt von einer lärmenden Menge auf die Fahrgasse, wo die Subdelegierten im „Goldenen Löwen" (dem heutigen Württemberger Hof) ihr Absteigequartier genommen hatten, und verlangten stürmisch eine Ehrenerklärung, da sie an ihrer Ehre „ungültig angezapft" seien. Da die Gesellen sich einer vernünftigen Zuspräche nicht zugänglich erwiesen, gaben die Subdelegierten nach und verstanden sich zu der gewünschten Erklärung. Trotzdem wollte sich die Aufregung nicht legen; immer größere Volkshaufen sammelten sich vor dem goldenen Löwen an. Jede Möglichkeit zur Flucht schnitt der Ausschuß den Subdelegierten durch aufgestellte Wachen ab. Drohungen und Verwünschungen drangen an das Ohr der gefangenen Räte; Fettmilchs getreue Genossen, Schopp und Kantor waren mitten unter der tobenden Menge und suchten die Leidenschaften noch mehr aufzustacheln. Da erscholl plötzlich unter den Handwerkern der Ruf: Plündert die Judengasse! Wer ihn zuerst ausgestoßen, wer zuerst diesen zündenden Funken unter die Menge geworfen, haben die späteren Untersuchungen nicht feststellen können. Aber man kann wohl annehmen, daß dieser Ausruf nicht einer spontanen Eingebung entsprungen war, sondern daß Fettmilch und Weitz schon lange den Plan zur Plünderung der Judengasse vorbereitet hatten. Fest steht wenigstens, daß einige Tage vor diesen Ereignissen