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Programm · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 19

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Journal
Programm
Volume
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 19 (sequence 18)
Language
German
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— 19 — und jeder einzelne beharrte dabei, daß die Berichte der Judenschaft an den Kaiser niemals von der Wahrheit abgewichen seien. So hatte der Rat wenig Grund, mit dem Ergebnis der Verhöre zufrieden zu sein, und hat die Protokolle wohl schwerlich dem Kaiser eingeschickt. Inzwischen waren mehrere Wochen seit Eintreffen der reichsstädtischen Gesandten verstrichen, und am 27. März legten sie als Ergebnis ihrer Unterhandlungen dem Rat und den Zünften den nochmals überarbeiteten Bürgervertrag zur Bestätigung vor. Auffallender Weise waren sie über die Judensrage mit einigen nichtssagenden, inhaltslosen Redensarten hinweggegangen. Dies benutzten die Häupter des Aufstandes als Vorwand, das Friedenswerk zu Fall zu bringen. Daß sie nach der Beilegung der Zwistigkeiten einer reichen Einnahmequelle verlustig gehen würden und aller Machtstellung beraubt, wieder in der Menge untertauchen müßten und der Rache ihrer Gegner preisgegeben wären, stand ihnen als Schreckgespenst vor Augen. So lehnten auf Fettmilchs Anstiften 26 Zünfte und auch einige Gesellschaften den neuen Ausgleichsvertrag ab. Als die Gesandten von ihren Vermittlungsversuchen nicht abließen, stieß Fettmilch so heftige Drohungen gegen sie aus, daß sie, um ihre persönliche Sicherheit besorgt, die Stadt eiligst verließen. Mit ihnen war die letzte Hoffnung auf einen friedlichen Ausgleich geschwunden. Die ohnedies schon stark gelockerten Bande des Gehorsams lösten sich vollends. Die wenigen Besonneneren, die bis dahin hin und wieder einigen Widerstand gegen die radikale Partei gewagt hatten, wurden durch die Leiter des Ausschusses vollständig mundtot gemacht. Fettmilchs und Weitzens Ziel war es jetzt, die wenn auch nur nominelle Herrschaft des alten Rates zu beseitigen und alle Ratssitze durch Mitglieder der Umsturzpartei zu besetzen, so daß diese dann in Wahrheit unumschränkte Herrin der Stadt wäre. Da die alten Ratsmitglieder sich nicht gutwillig verdrängen lassen wollten, überfiel sie die aufgestachelte Menge im Römer, sperrte sie daselbst drei Tage lang ein und ängstigte sie derart, daß sie, jeden Mutes bar, erklärten, ihr Amt niederlegen zu wollen. Hierauf gab man ihnen die Freiheit wieder. So bestand der Rat jetzt nur noch aus deu achtzehn neuen Mitgliedern. In der Stadt geberdete sich inzwischen Fettmilch als Diktator; auf sein Geheiß wurden die Stadtthore geschlossen, und nur die von ihm mit einem Paß Versehenen durften ein- und ausgeben. Daß damals gerade die Subdelegierten wieder in Frankfurt eintrafen, schüchterte ihn und den Ausschuß nicht im mindesten ein. Ihrer Vorladung leisteten die Ausschußmitglieder keine Folge und erklärten rund heraus, für diesmal hätten sie nichts mit ihnen zu schaffen; sie wollten erst mit dem alten Rat ihre Rechnung abmachen. Es ist begreiflich, daß es den Juden während all dieser Ereignisse immer unheimlicher zu Mute ward. Sie versuchten langsam und heimlich ihre Habe nach auswärts in Sicherheit zu bringen. Aber die Wache an der Judengasse ließ nichts Verdächtiges durch, und sogar das auf Mainschiffe Verladene wurde wieder ausgeladen und auf die „Schmidtstube", das Versammlungslokal des Ausschusses, gebracht. Außerdem wurde von der geängstigten Gemeinde eine Summe von 1000 Gulden unter dem Namen „Schutzgeld" erpreßt. Noch einen letzten Versuch machten die Kommissarien, die bethörte Menge zur Vernunft zu bringen. Sie beschieden am 26. Mai Abgesandte des Rates und der Bürgerschaft zu sich nach Höchst und mahnten ernstlich zur Eintracht und Versöhnung. Aber auch sie richteten gegen den Trotz und Übermut Fettmilchs nichts aus. Er, der als Vertreter der Bürgerschaft erschienen war, ging auf keine ihrer Forderungen ein, und der Tag verlief ohne jedes Ergebnis. Die Kommissarien überließen nunmehr das Weitere dem direkten Einschreiten des Kaisers selbst, dem sie zu einer strengen Bestrafung der Rädelsführer rieten. Doch dieser verharrte noch einige Zeit lang in rätselhaftem Schweigen, das viele für die unheimliche Ruhe vor dem

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