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Programm · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 18

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Journal
Programm
Volume
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 18 (sequence 17)
Language
German
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— 18 — dachte sie gar nicht mehr daran, den Kompromiß zu halten und sich den Befehlen des Kaisers zu fügen; sie sah sich vielmehr nach auswärtigen Bundesgenossen um, die ihr einen Rückhalt bieten sollten. So knüpfte sie mit dem Kurfürsten von der Pfalz, dem Haupte der Union, und mit dem kalvinistischen Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel Verbindungen an. Auch verschiedene Reichsstädte, wie Straßburg, Nürnberg, Ulm, Speyer und Worms, suchte sie in ihr Interesse zu ziehen. Mit gespannter Aufmerksamkeit hatten diese die Vorgänge in Frankfurt verfolgt und schickten Ende Februar Abgeordnete dahin, aber nur, um den Kompromiß, der aus den Fugen zu gehen drohte, zu befestigen. Gemeinsam mit einer aus Rats¬ und Ausschußmitgliedern bestehenden Kommission berieten sie nochmals alle unerledigt gebliebenen Punkte des Bürgervertrags, so auch die Judenfrage. Über diese ließen sie sich in einem vorläufigen Gutachten aus. Im Prinzip zwar räumten sie der Stadt das Recht ein, die Juden zu vertreiben, wann es ihr beliebe, warnten aber einstweilen vor Gewaltmaßregeln, die bei des Kaisers Zorn den Verlust kostbarer Privilegien nach sich ziehen könnten. Sie empfahlen dafür, den Juden den Aufenthalt in der Stadt nach Kräften zu verleiden, dadurch, daß man sie zu Frondiensten bei öffentlichen Arbeiten anhalte, wie es sich für Leibeigene gezieme, und ihnen besondere „Ausmerker" bestelle, die auch den kleinsten Verstoß gegen die Stättigkeit zur Anzeige bringen sollten. Inzwischen möge man den Kaiser durch fortgesetztes Petitionieren mürbe machen oder durch die Aussicht auf ein größeres Darlehen, dessen er jetzt sehr bedürfe, bestimmen, betreffs der Juden ein Auge zuzudrücken. Die daraus entstehende Belastung des Stadtsäckels könne leicht dadurch wieder eingebracht werden, daß man ihnen höhere Strafgelder auferlege. Wenn dann Mitte Juni die Stättigkeit ablaufe, brauche man sie einfach nicht zu erneuern, und man sei so ohne Gewaltmittel der Juden ledig. Im Gegensatz zu diesen Vorschlägen verlangte eine gerade damals erschienene, wahrscheinlich von Sauer verfaßte Schrift, daß man nicht so viel Umstände mit den Juden machen solle. Als Leibeigene und Privatknechte der Stadt hätten sie gar keinen Anspruch auf die Vorteile des Bürgervertrages und dürften sich nicht das Recht anmaßen, gegen den Rat, ihre alleinige Obrigkeit, beim Kaiser zu appellieren, auch wenn ihnen die Stättigkeit gekündigt würde. Diese Schrift zeigte den Juden deutlich, wessen sie sich zu versehen hatten. Ihre Klagen beim Kaiser hatten zur Folge, daß er dem Rat die Zurücknahme aller gegen sie geplanten Anschläge und die Konfiskation der Broschüre gebot. Aber das Wort des Kaisers verhallte auch diesmal ungehört. Da seinen vielen Erlassen noch keine einzige That gefolgt war, legten Bürgerschaft und Rat ihnen keine weitere Bedeutung bei. In seinem Antwortschreiben schlägt letzterer gegen den Kaiser einen Ton an, der deutlich zeigt, wie sehr er unter dem Einflüsse Weitzens und Fettmilchs stand. Er spricht darin Mathias überhaupt das Recht ab, sich der Juden anzunehmen, so lange diese nicht nach Ablauf der Stättigkeit herrenloses Gut wären. Ja, er hatte sogar die Stirn zu behaupten, daß alle Beschwerden der Juden auf verleumderischer Entstellung der Thatsachen beruhten. Auch den Kommissarien versicherte er dasselbe. Um seine Behauptung durch Beweise zu unterstützen, griff er zu folgendem Mittel. Er ließ durch einen Notar die Baumeister und andere angesehene Juden einzeln vorladen und sie darüber vernehmen, ob sie eine Beschwerdeschrift gegen Rat und Bürgerschaft befürwortet hätten. Er hoffte darauf, daß jeder von ihnen, durch das Einzelverhör eingeschüchtert, für seine Person die Verantwortung für die Abfassung der bewußten Schrift ablehnen werde. Die Protokolle hierüber sollten dann dem Kaiser eingesandt werden. Aber die Berechnungen des Rates schlugen fehl. Zuviel Unbill hatten die Juden erduldet, zuviel Mißhandlungen erlitten, als daß sie jetzt hätten schweigen wollen! Endlich konnten sie einmal ihrer Erbitterung Luft machen, und sie ließen die Gelegenheit nicht unbenützt vorübergehen. Alle Ereignisse der letzten zwei Jahre kamen jetzt zur Sprache,

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