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Programm · 1892-01-01 · 1892 · p. Seite 16

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Journal
Programm
Volume
1892
Date
1892-01-01
Page
Seite 16 (sequence 15)
Language
German
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- 16 - gehörten viele Schulmeister, die ihr Vermögen auf zehn Gulden angaben. Ihnen allen wurde bedeutet, binnen 8—14 Tagen ihre geschäftlichen Verpflichtungen zu erledigen und nach Erlegung des Abzugsgeldes — 10"/y des Vermögens — die Stadt zu verlassen. Aus dieselbe Art wurden die Verhandlungen mit den übrigen Juden weiter geführt, und sie zogen sich bis August nächsten Jahres hin; oft war es nicht leicht, einen Vergleich zwischen Schuldner und Gläubiger herbeizuführen, wenn auch Weitz keinerlei Druck auf die Juden scheute, um sie gefügig zu machen. Übrigens erwiesen sich für ihn sowohl als für Fettmilch, Sauer und Gerngroß diese Abwickelungen als sehr einträglich, da sie von Christen und Juden unter dem Versprechen, ihre Sache zu fördern, in gleicher Weise Geld erpreßten.*) Die vertriebenen Juden hatten sich inzwischen Klage führend an die Kommissarien gewandt. Diese ließen die Rechtsertigungsschreiben des Rates nicht gelten, sondern schickten wieder ihre Subdelegirten nach Frankfurt, damit sie durch persönliches Dazwischentreten den Ausschuß von übereilten Beschlüssen zurückhielten. Sie beschieden gleich nach ihrer Ankunft am 23. Juli den Rat und den Ausschuß zu sich, und indem sie ihnen den Bruch des Bürgervertrages vorhielten, übergaben sie beiden Körperschaften Schreiben des Kaisers. In dem Schreiben an den Rat befahl Mathias, alle künftige Weiterung gegen Juden und Christen zu verhüten, die 60 Ausgewiesenen ohne Entgelt wieder aufzunehmen und bis zur Bestätigung des Bürgervertrags keine Neuerungen zu machen. Bezeichnender Weise nennt er die Juden kaiserliches Kammergut. Eine weit schärfere Tonart schlug der Kaiser gegen den Ausschuß an. Ihm warf er geradezu Ungehorsam und Unbotmäßigkeit vor und befahl ihm bei hoher Strafe an, der Wiedereinführung der Juden nichts in den Weg zu legen. Die kaiserlichen Schreiben wurden sehr verschieden aufgenommen. Der Rat war in peinlichster Verlegenheit, wie er sich dem Kaiser gegenüber verantworten sollte, „damit man sich einerseits an Jhro Majestät nicht vergreife, andererseits bei den Nachkommen keinen Verweis haben möchte, als ob man der Stadt etwas an ihren Privilegien vergebe." Einstweilen schickte er dem Kaiser ein sophistisches Rechtfertigungsschreiben, das in sehr unterwürfigem Ton gehalten war. Der Ausschuß hingegen ließ sich nicht im geringsten einschüchtern. Er gab vielmehr unter dem Titel: „Ursachen und Bedenken, warum die Juden zu Frankfurt gänzlich abzuschaffen seien", eine Schrift heraus, in der er dem Kaiser das Recht streitig machte, die Juden Frankfurts sein Kammergut zu nennen und sich in ihre Angelegenheiten zu mischen. Mitte August überreichte er dem Rat eine höchst umfangreiche Eingabe, die fast als eine offene Kriegserklärung gegen den Kaiser und die Kommissarien anzusehen war und aufs energischste die Entfernung der Juden verlangte. Daß der Rat dem Kaiser überhaupt ein Rechtsertigungsschreiben hatte zugehen lassen, versetzte die Häupter des Ausschusses in Ingrimm. In maßlosen Ausdrücken warf Fettmilch dem Rat vor, daß er dadurch seine Pflicht als Obrigkeit schwer verletzt habe, und drohte, man werde schon diejenigen Ratsleute, welche sich lässig gezeigt hätten, zur Verantwortung ziehen. Aber der Rat hatte doch zu große Furcht vor dem Unwillen des Kaisers, der sich noch in mehreren Schreiben offenbarte, als daß er trotz Fettmilchs und Weitzens Drängen gewagt hätte, die Vertreibung der Juden ins Werk zu setzen. Sogar die Moderation brachte er einstweilen zum Stillstand; auch die Beschickung des Reichstags zu Regensburg durch jüdische Gesandte, die er früher verboten hatte, gestattete *) Die aufständische Bewegung blieb jetzt nicht auf die. Stadt beschränkt, sondern verbreitete sich auch über das platte Land. Jedes zu Frankfurt gehörige Dorf hatte seinen Ausschuß, eine Karikatur des städtischen. Die Bauern glaubten die Zeit für gekommen, wo man die Juden als vogelfrei behandeln dürfe; sie überfielen sie auf offener Landstraße und mißhandelten sie gröblich. Es kam so weit, daß der Rat, um das Äußerste zu verhüten, zu ihrem Schutze eine militärische Besatzung in die Dörfer legen mußte.

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