Programm
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- Volume
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 7)
- Language
- German
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da ohnedies die Bürgerschaft schon alle Rechte an sich gerissen hätte, und verließ wie ein Mann den Sitzungssaal. Inmitten der ungeheuren Verwirrung, die dieser unerwarteten Erklärung folgte, warf sich Vincenz Fettmilch zum Wortführer der Menge auf, um den Rat zu bewegen, die Zügel der Negierung wieder in die Hand zu nehmen. Von jetzt ab tritt Fettmilch immer mehr an die Spitze der Bewegung; bald ernennt ihn der Ausschuß zu seinem „Direktor" und Sprecher. Er hatte, als er zu dieser Würde ernannt wurde, schon ein bewegtes Leben hinter sich. Ort und Jahr seiner Geburt sind nicht festzustellen; der gewöhnlichen Annahme nach stammte er aus dem Hessischen von einer ursprünglich begüterten Familie, wenigstens empfing sein Bruder Eitel eine gelehrte Erziehung. Auch er scheint zum Gelehrten bestimmt gewesen zu sein; das Studium mag indes seinem unstäten Wesen nicht zugesagt haben. Immerhin hatte er eine die Durchschnittsbildung überragende Erziehung genossen, die ihn befähigte, sich in Frankfurt als Rechtskonsulent niederzulassen. 1595 bewarb er sich vergebens um den Posten eines Schreibers im Spital zum heiligen Geist. Späterhin ergriff er das Waffenhandwerk. 1602 heiratete er und ließ sich als Kuchenbäcker im Hause „zum Hasen" in der Töngesgasse nieder. Wenn er auch von sich sagt, daß er sich in seinen jungen Tagen bis auf gegenwärtige Zeit eines ehrlichen, redlichen und unverleumdeten Wesens und Wandels beflissen habe, so war trotzdem sein Leumund nicht der beste. Er war ein Mensch von grobsinnlichen Instinkten, dem man vorwarf, daß er „Gastereien und besonders Trinkgelagen allzu ergeben wäre und gern dabei sei, wenn man fresse und saufe." Auch in eine schmutzige Verführungsgeschichte war sein Name verwickelt, ebenso in einen Ehebruchsskandal. Ob er tatsächlich ein Falschmünzer war, wie eine von Hanau-Lichtenbergschen Räten gegen ihn erhobene Anklage behauptete, ist nicht mehr zu ermitteln. Trotz dieser wenig Vertrauen erweckenden Vergangenheit und trotz seiner zerrütteten Vermögensverhältnisse wählte ihn die Menge zum Verfechter ihrer Sache. Seine natürliche Beredsamkeit und Schlagsertigkeit, seine Kenntnis des städtischen Finanzwesens und Verfassungsrechtes, vor allem aber sein keckes und verwegenes Auftreten schienen ihn besonders für diese hervorragende Rolle zu befähigen. Aber es fehlte ihm an wahrem Mut, an wahrer Hingebung für die verfochtene Sache. Als die Wogen der Bewegung am höchsten gingen, bat er zu wiederholten Malen um Enthebung von seinem Posten. Wenig heldenmütig war auch sein Benehmen nach der Niederwerfung des Aufstandes. Keine Spur eines begeisterten Vorkämpfers für die gute Sache, verschwunden seine Kühnheit und sein Trotz! De- und wehmütig bat er um Gottes willen um Gnade, „da er unbedacht und aus Unverstand gehandelt habe." Ebenso ging ihm eine tiefere politische Bildung, der weit ausschauende Blick des Staatsmannes völlig ab. Jedes Abwägen und Maßhalten war ihm fremd. Er entfaltete zwar während des Aufstandes eine rege Thätigkeit, aber er war doch nur ein Werkzeug in der Hand anderer, die ihn bei weitem überragten und ihn vorschoben, während sie sich selbst im Hintergrund hielten. Zu diesen gehörten verschiedene niederländische Kaufleute, vor allem aber der Frankfurter Advokat Weitz. Dieser war geistig der Bedeutendste; von tiefer Verschlagenheit und frei von jedem Bedenken in der Wahl der Mittel übte er den weitgehendsten Einfluß aus. Als er im Anfang des Jahres 1613 seine Wahl zum Ratsherrn durchgesetzt hatte, terrorisierte er und sein Anhang auch diese Körperschaft bald vollständig. Aber nicht die Auflehnung gegen Willkür und Gewaltherrschaft trieb ihn in den Kampf, sondern er war durchweg von unlauteren Beweggründen geleitet. Dem Bankrotte nahe und bei den Juden arg verschuldet, sah er in dem Aufstand ein verzweifeltes Mittel, sich aus seiner trostlosen pekuniären Lage zu befreien. Während dessen ganzer Dauer suchte er auf alle Art Geld von ihnen zu erpressen. Bezeichnend genug für seine Geldgier hieß es damals in der Judengasse, sobald man von einer judenfeindlichen Maßregel hörte: „Der Advokat hat wieder ein Wetter gemacht, wir müssen ihm etwas bluten, damit wir das Gewölk vertreiben."