Programm
- Journal
- Programm
- Volume
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3089693-3089732--0223-3091127- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wird der Allerhöchste einen süßen Geruch empfangen, und die Engel werden darüber frohlocken, und die heilige Dreifaltigkeit wird dem Kaiser Glück und Wohlfahrt verleihen." Der Kaiser schien jedoch wenig Lust zu haben, den so verlockenden Lohn zu erwerben. Ohne einen Bescheid zu geben, verließ er schon am 23. Juni die Stadt, wo ihm der Aufenthalt durch die Zwistigkeiten zwischen Bürgerschaft und Rat verleidet sein mochte. Dieser hatte selbstverständlich in einer Gegenschrift alle erhobenen Beschuldigungen zu entkräften gesucht. Privilegien solle er veröffentlichen? Als ob sie nicht von jeher bekannt wären. Die Zahl der Juden solle er verringern? Als ob darüber gesetzliche Bestimmungen vorhanden seien. Und wer zwänge denn die Bürger, von den Juden zu leihen und ihnen den durch die Reichsgesetze bestimmten höheren Zins zu zahlen? Er habe den Bürgern Geld zu 5^ angeboten, doch jeder zöge vor, heimlich von den Juden zu leihen, um seinem Credit nicht zu schaden. Zum Schluß ersuchte der Rat den Kaiser, geeignete Maßregeln zu treffen, da sonst das Gebahren der Zünfte leicht zu einem Aufstand führen könne. Diese Schrift wurde dem kaiserlichen Kanzler Pucher zugestellt, der nach Mathias' Abreise zur Schlichtung des Streites zurückgeblieben war. Pucher mußte offenbar diese Auseinandersetzungen für völlig zutreffend halten, denn er übergab die Verteidigungsschrift den Zünften mit der Mahnung, sich gegen die Obrigkeit alles gebührenden Gehorsams zu befleißigen und die kaiserliche Majestät nicht unnötiger Weise zu behelligen. Des Kanzlers Mahnungen fielen auf keinen günstigen Boden, vielmehr wuchs die Erbitterung in bedrohlichem Maße, da man aus der Schrift die Absicht des Rates herauslas, die Bürgerschaft beim Kaiser anzuschwärzen. Der Pöbel rottete sich vor dem Römer zusammen und stieß Drohungen gegen die Obrigkeit aus; doch behielten noch die besonneneren Elemente die Oberhand. Sie setzten die Wahl eines mit unbedingter Vollmacht ausgestatteten Ausschusses durch, der die Forderungen der Bürgerschaft auf gesetzlichem Wege vertreten sollte. Der Ausschuß bestand aus 130 Mitgliedern, darunter Zünftige und Unzünftige und verschiedene niederländische reformierte Kaufleute, die sich mit voller Leidenschaft der Bewegung angeschlossen hatten, da ihnen ja bisher alle politischen und religiösen Rechte vorenthalten wurden. Welche Stellung nahm nun der Rat gegen diese neue verfassungswidrige Volksvertretung ein? So unbequem ibm auch der Ausschuß sein mußte, wagte er nicht, seine Auflösung zu fordern, aber er zeigte auch keine Neigung, offen und frei mit ihm zu verhandeln und auf dessen berechtigte Wünsche einzugehen. Durch alle möglichen Winkelzüge, wohl auch durch Gewähren einzelner Forderungen, suchte er den drohenden Sturm zu beschwören. Aber ohne Erfolg. Die Bürgerschaft wurde bald der langen Verhandlungen überdrüssig. Sie drang am 3. Juli gewaltsam in den Römer und forderte die Herausgabe der Privilegien. Da wich der Rat der Gewalt und versprach, sie am andern Morgen dem Ausschuß zur Einsicht vorzulegen, auch wolle er die Rechneikasse anweisen, den Bürgern Geld auf Pfänder vorzustrecken. Die Erledigung der Judenfrage hingegen stellte er ganz in das Belieben des Kaisers. Der Ausschuß erklärte sich damit einverstanden; doch jetzt zeigte es sich, daß er schon nicht mehr Herr der Bewegung war. Die Masse des Volks war nicht so leicht zu beruhigen; sie hatte ihre Macht kennen gelernt und wollte sie ausnützen. Wenn der Rat damals dem Kaiser schrieb: „Man hat uns das Schwert aus der Hand geschlagen, stößt starke Drohungen gegen uns aus" u. s. w., so gab er ein zutreffendes Bild seiner Lage. Zusammenrottungen vor dem Römer standen von jetzt ab aus der Tagesordnung; die Bürger besetzten eigenmächtig die Wälle, zogen nachts in Patrouillen durch die Stadt, kurz, geberdeten sich ganz so, als ob sie eines Überfalls der Ratssöldner gewärtig sein müßten. Aber mit Waffengewalt gegen die Bewegung einzuschreiten, lag dem Rat durchaus fern; er entschloß sich vielmehr zu einem höchst unpolitischen Schritte, der seine völlige Fassungslosigkeit kundgab. Am 7. Juli erklärte er, das Regiment niederlegen zu wollen,