Programm
- Journal
- Programm
- Volume
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3089693-3089732--0222-3091126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 6 - gesund." Noch 1618 zeigte sie beim Rate einen Bürger an, der unter anderem geleugnet hatte, daß die Juden verdammt seien. Für diese Ketzerei wurde er gefoltert und aus der Stadt verwiesen. So waren es sowohl wirtschaftliche, als religiöse Beweggründe, die den Haß gegen die Juden erweckten und bei einer gewaltsamen Erschütterung des Gemeinwesens ihre Lage aufs höchste gefährden mußten. II.*) Kaiser Rudolf H. war am 21. Januar 1612 gestorben. Wenige Monate später, Mitte Mai, fanden sich die Kurfürsten in Frankfurt zur Kaiserwahl ein. Den Bestimmungen der goldenen Bulle gemäß beriefen die Bürgermeister die Vertreter der Gesellschaften und der Zünfte am 23. Mai in den Römer, um sie eidlich zu verpflichten, bei Verlust ihrer Privilegien sür die Sicherheit der in der Stadt versammelten Fürsten zu sorgen. Die Forderung dieser Eidesleistung nun gab den äußeren Anstoß zu dem Aufstande. Anstatt der Aufforderung des Rates sofort nachzukommen, reichten die Zünfte, Zunftgenossen und andere Bürger, „so nicht zünftig", eine Schrift ein, in der sie die Eidesleistung von drei Punkten abhängig machten. Erstens verlangten sie die Veröffentlichung ihrer Privilegien, deren Verlust man ihnen angedroht hätte, deren Wortlaut ihnen aber gar nicht bekannt wäre. Zweitens forderten sie die Errichtung eines öffentlichen Kornmarkies zur Regelung der Getreidepreise. Drittens sollte die Anzahl der in der Stadt ansässigen Juden eingeschränkt, und außerdem die Höhe des ihnen erlaubten Zinsfußes von 12^ auf 5 — 6^ herabgemindert werden, und zwar mit rückwirkender Kraft. Der mit den Krönungsfeierlichkeiten vollauf beschäftigte Rat ging über diese Eingabe zur Tagesordnung über, mit dem Bemerken, „die Supplikanten sollten auf ihr Ansuchen zur Geduld ermahnt werden." Dieser Bescheid stellte selbstverständlich die ungeduldige Bürgerschaft nicht zufrieden. Sie wollte das Eisen schmieden, so lange es heiß war, und setzte deshalb den noch in ihren Mauern weilenden, soeben erwählten Kaiser Mathias und die Kurfürsten von ihrer Streitsache in Kenntnis, mit der Bitte, sich „um Gottes und der Gerechtigkeit willen" ihrer anzunehmen. Mathias gab auf die Bittschrift, die ihm Fettmilch, dessen Name hier zum ersten Mal erwähnt wird, und ein Schneider bei Verlassen der Kirche überreichten, keine Aniwort, dagegen wurde den Bürgern eine solche im Namen der Kurfürsten vom Erzbischof von Mainz zu teil. Diese behagte ihnen freilich sehr wenig, denn sie enthielt nichts als eine Mahnung zur Geduld und vertröstete sie im übrigen auf den guten Willen des Rates. Die enttäuschten Bürger wandten sich jetzt nochmals an den Kaiser mit der eindringlichen Bitte, ihnen, bevor er die Stadt verließe, zu ihrem Rechte zu verhelfen. Besonders beschwerten sie sich über die Juden, die „Saugegel, die sich von ihrem Schweiß und Blut nährten und nicht nachließen, bis auch das Mark aus ihrem Gebein verzehrt sei, und sie zum Bettelstab fertig wären." Scharf rügten sie auch, daß der Rat den Juden städtische Gelder ausleihe und diese dadurch in ihren Geldgeschäften unterstütze. Deshalb beschworen sie den Kaiser, sie vom jüdischen Joche zu befreien; „erst dann, wann die Landesverderber und Müßiggänger aus dem Wege geräumt und abgeschafft würden, könne Glück und Wohlstand wieder in den Staat einkehren; darob 5) Der folgenden Darstellung hat Verfasser das Aktenmaterial des hiesigen Stadtarchivs, in erster Reihe die von Kriegk nicht benutzten, höchst umfangreichen „Akten der Kaiserlichen Kommission" zu Grunde gelegt. Über die Quellen zur Arbeit s. meinen Aufsatz in Geigers Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Band IV. Heft 2 ff. Daselbst auch die weiteren Ausführungen des hier nur kurz Angedeuteten.