Programm
- Journal
- Programm
- Volume
- 1892
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3089693-3089732--0220-3091124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ihrer Religion völlig ungehindert war, aber nicht einmal in die Zünfte wurden sie aufgenommen, und gar das um diese Zeit vom Kaiser und vom Kurfürsten von Mainz an die Bürgerschaft gestellte Verlangen, den Katholiken einige Ratssitze einzuräumen, erregte einen derartigen Sturm der Entrüstung, daß beide davon Abstand nehmen mußten. Eine völlig gesonderte Stellung nahmen die Juden ein, die im Jahre 1612 hier in Frankfurt 454 Haushaltungen, also vielleicht 2500 Seelen zählten.*) Ihr Verhältnis zur christlichen Bevölkerung war durch die sogenannte Judenstättigkeit aufs genaueste geregelt. Sie wohnten seit 1462 in einem besonderen, völlig mit Mauern eingeschlossenen Stadtteile und waren so auch äußerlich von der übrigen Bevölkerung getrennt. Das Aufenthaltsrecht in der Stadt mußten sie alle Jahre aufs neue durch eine besondere Abgabe erwerben; im übrigen waren sie innerhalb ihres Ghettos auf dem Gebiete der Gemeindeverfassung, der Verwaltung und zum großen Teil auch auf dem der Rechtspflege durchaus selbständig. Jede dieser drei politisch rechtlosen Religionsgenossenschaften hatte gegen etwaige allzustarke Ausschreitungen der städtischen Machthaber einen Schutz: die reformierten Niederländer an der kurz vorher gegründeten Union und dem benachbarten Landgrafen von Hessen-Kassel; die Katholiken am Erzbischof von Mainz und dem Kaiser, und die Juden gleichfalls an dem Kaiser. Zwar waren sie seit 1349 durch die Verpfändungsurkunde Karls 1^. für 15,200 Pfund Heller in den Besitz der Stadt übergegangen, aber der Kaiser hatte sich noch bestimmte Hoheitsrechte und Einkünfte, wie den güldenen Opferpfennig und die Kronsteuer vorbehalten, die von seinen Nachfolgern trotz aller Proteste des Rates bald mit geringerer, bald mit größerer Entschiedenheit aufrecht erhalten wurden. Während nun den Juden dies Abhängigkeitsverhältnis vom Kaiser auf der einen Seite Opfer auferlegte, bot es ihnen andrerseits Zuflucht und Schirm in Zeiten höchster Bedrängnis. Es konnte nicht ausbleiben, daß in diesem so gegliederten Gemeinwesen die patrizischen Geschlechter ihre Gewalt mißbrauchten. Sie beherrschten fast ausschließlich den Rat und damit auch die gesamte Regierung Frankfurts, sowohl die Verwaltung der inneren Angelegenheiten, als die Vertretung nach außen. Von den 42 Ratsstellen hatte die Gesellschaft der Limpurger allein 25 inne; die sogenannte Handwerkerbank war zwar von 13 Mitgliedern der Zünfte eingenommen, doch hing die Wahl dieser Mitglieder wiederum von den Geschlechtern ab, die schon dafür sorgten, daß nur ihnen ergebene Elemente Zutritt fanden. So war es also für die Bürgerschaft so gut wie unmöglich, Einfluß auf die Entschließungen des Rates zu gewinnen, ebensowenig stand ihr die geringste Kontrolle über dessen Maßnahmen zu. In je weitere Kreise sich aber die Bildung und der Wohlstand verbreitete, je mehr dadurch sich deren Selbstgefühl steigerte, um so unwilliger ertrugen sie die Mißwirtschaft des Rates, die in der städtischen Verwaltung Mißbräuche und Unzuträglichkeiten aller Art gezeitigt hatte. Die öffentlichen Gelder wurden in unverantwortlicher Weise vergeudet; auf Kosten der Gemeinde hielten der Rat sowie die niederen Beamten Feste und Schmausereien ab. Dabei litt die Stadt an einem jährlich wachsenden Defizit, das aber den Bürgern verschwiegen wurde. Die Rechnungsbücher wurden nur mangelhaft geführt, wichtige Einnahmen oft gar nicht gebucht. Auch in die Rechtspflege hatte man das Vertrauen verloren; die Schöffen standen im schlimmsten Rufe der Parteilichkeit und Bestechlichkeit. Der unglaubliche Hochmut, mit dem die Patrizier auf die niissra, xlsds herabsahen, trug noch mehr dazu bei, die Kluft zwischen Rat und Bürgerschaft zu erweitern. Je mehr der Rath sich aber Welchen Prozentsatz sie zur Gesamtbevölkenmg bildeten, vermögen wir nicht anzugeben; das für diese Zeit vorhandene statistische Material ist zu unvollständig. (Siehe Kriegks Aussatz: Frankfurt um die Mitte des dreißigjähr. Krieges in dessen Geschichte von Frkf. a. M. S. 413 ff.).