Programm
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- Volume
- 1891
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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- 14 - Steines schräg und nicht lotrecht sein. Darauf will ich entgegnen: Wenn der Turm sich bewegte, so wäre es unmöglich, daß der Stein beim Fallen an ihm entlang streifte, und darum ergiebt sich aus dem Entlangfallen das Stillstehen der Erde. S impl. So ist es auch; denn damit der Stein dicht am Turme hinstreichen kann, wahrend dieser mit der Erde sich bewegt, müßte er zwei natürliche Bewegungen besitzen, die geradlinige nach dem Mittelpunkte und die kreisförmige um den Mittelpunkt, was unmöglich ist. Salv. Die Verteidigung des Aristoteles besteht also darin, daß der Stein unmöglich — oder wenigstens seiner Ansicht nach unmöglich — eine aus Geradem und Kreisförmigem gemischte Bewegung ausführen kann. Denn hätte Aristoteles es nicht für unmöglich gehalten, daß der Stein sich gleichzeitig nach dem Mittelpunkte und um ihn bewegte, so würde er eingesehen haben, daß möglicherweife der fallende Stein den Turm entlang streifen könnte, ebensowohl wenn letzterer sich bewegt, als wenn er feststeht; er würde folglich bemerkt haben, daß aus dem Entlangfallen nichts über die Bewegung oder Ruhe der Erde sich schließen lassen könnte. Dies entschuldigt indessen den Aristoteles keineswegs, nicht nur weil er bei einem so wesentlichen Punkte seiner Beweisführung es ausdrücklich hätte sageu müssen, wenn dies seine Ansicht war, sondern auch deswegen, weil man weder eine solche Thatsache für unmöglich halten darf, noch auch glauben, daß sie Aristoteles für unmöglich gehalten hat. ... . sFolgt der Nachweis, daß Aristoteles bei anderer Gelegenheit die Mischung der beiden Bewegungen zuläßt.^ Simpl.....Abgesehen davon haben wir ja auch den eigens hierfür ersonnenen Versuch mit dem Steine, den man von der Spitze eines Schiffsmastes herabfallen läßt und welcher, wenn das Schiff feststeht, am Fuße des Mastes anlangt; wenn aber das Schiff sich weiter bewegt, um ebensoviel von diesem Punkte entfernt niederfällt, als das Schiff während des Falles vorwärts gekommen ist; dies beträgt aber mehrere Ellen, wenn das Schiff schnell fährt. Salv. Das Beispiel des Schiffes und das der Erde, wenn man letzterer die tägliche Umdrehung zuerkennt, sind von einander sehr verschieden;^ denn es liegt klar auf der Hand, daß die Bewegung des Schiffes, die doch für es selber keine natürliche ist, auch bezüglich aller darin befindlichen Gegenstände nur als zufällige Bewegung zu betrachten ist. Daher ist es kein Wunder, daß der Stein, den man auf der Mastspitze festgehalten hat und nachher losläßt, sich abwärts bewegt ohne Verpflichtung, der Bewegung des Schiffes zu solgen. Die tägliche Bewegung aber wird dem Erdball und demnach allen seinen Teilen als etwas ihnen Eigentümliches und Natürliches beigelegt. Von der Natur ihnen eingepflanzt, hastet sie unvertilgbar an ihnen. Daher hat der Stein auf der Spitze des Turmes in erster Linie den Trieb, sich in 24 Stunden um den Mittelpunkt seines Ganzen zu bewegen, und dieser natürlichen Neigung giebt er Hier und anderwärts bei Galilei ist sehr zu beachten, daß er einen Unterschied des Beharrens bei „natürlichen" und bei „gewaltsamen" Bewegungen statuiert. Es zeigt dies, daß er die von Aristoteles eingeführte Unterscheidung zwischen natürlichen und widernatürlichen Bewegungen, die eines der schwersten Hindernisse sür den Fortschritt der Physik bildete, keineswegs völlig beseitigt hat. Zugleich geht daraus hervor, wie fern ihm hier noch das richtige Beharrungsgesetz gelegen hat, zu dessen allgemeiner Erkenutnis er überhaupt nicht durchgedrungen ist und zwar gerade infolge davon, daß er das Beharren der Bewegung in erster Linie stets zur Stützung des kopernikanischen Systems verwerten wollte. — Auch am Schlüsse der Rede Salviatis tritt eine Unsicherheit in der Handhabung des Beharrungsgesetzes hervor; denu im Gegensatze zn dem, was Galilei den Salviati sagen läßt, kann die Luft die Bewegung des Steines in keiner Weise fördern, sobald beide das Bestreben haben, sich mit der nämlichen Geschwindigkeit zu bewegen. Galilei kann sich eben noch nicht völlig von der Vorstellung losmachen, die ihn in früheren Jahren beherrscht hat, daß ein mitgeteilter Antrieb (virws impresso) allmählich erlischt. Eine Art von Korrektur erfährt diese Auffassung allerdings durch die späteren Worte Salviatis „oder besser gesagt, die vorhandene nicht zn stören."