Programm
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- Volume
- 1891
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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— 5 — Annahmen nicht als tatsächlich richtige bezeichnen. Das klassische Werk des Kopernikus selbst, das seit 1543 unbeanstandet geblieben war, wurde im Jahre 1620 nach diesen Grundsätzen von der Index-Kongregation „verbessert." — Galilei faßt im Dialog jene hypothetische Zulässigkeit etwas anders aus; er beweist mit den stärksten ihm zu Gebote stehenden Gründen die Wahrheit der Erdbewegung, vergißt aber nicht hinzuzusetzen, daß alle naturwissenschaftlichen Gründe im Hinblick aus eine kirchliche Entscheidung hinfallig würden. Durch diese Verschleierung seiuer eigenen Ansichten, die freilich keinen Einsichtigen täuschen konnte, glaubte er die notwendige Rücksicht auf die Kirche genommen zu haben. Er hat später erfahren müssen, in wie schwerem Jrrthum er befangen war. Sein Buch wurde 1633 trotz der doppelten Approbation auf den Index gesetzt und blieb bis zum Jahre 1822 verboten - er selbst mußte abschwören und war bis zu seinem 1642 erfolgten Tode Halbgefangener der Inquisition. Zur Erleichterung des im Dialog von Galilei eingenommenen Standpuuktes trägt ebeu die dialogische Form wesentlich bei, umsomehr als die Gespräche zu eiuer Zeit spielen, welche dem Iuderdekret vorangeht i). Von den drei am Gespräche beteiligten Personen sind Salviati und Sagredo historische Figureu, früh verstorbene Freunde Galileis, denen er durch seiu Werk ein unvergängliches Denkmal ge setzt hat. Der dritte Teilnehmer hingegen, Simplieio, ist eine von Galilei meisterhaft erfundene Dichtergestalt. Ter Name spielt einerseits auf die Einfalt des guten Mannes an, andererseits erinnert er an Simplieius den berühmten Ausleger des Aristoteles. Salviati ist im Dialoge der eigentliche Träger der Gedanken Galileis, der Fachgelehrte, der in beredter Weise für die neuen Lehren plädiert. Simplicio, ein kostliches Gegenstück des Götheschen Wagner, ist der Vertreter der konservativen Wissenschast, jener Gelehrsamkeit, die nicht durch das Studium der Natur, sondern durch das Studium vergilbter Bücher, namentlich des Aristoteles, zur Erkeuutnis durchzudringen vermeint. Sagredo endlich, ein venetianischer Patricier, ist der hochgebildete, aber nicht sachwifsenschaftlich vorbereitete Laie"), dessen feiner Geschmack, dessen gesunder Menschenverstand, dessen rasche Fassungsgabe ihn befähigen, nicht selten mit sehr überzeugenden Beweisgründen in die Debatte einzugreisen uud sich ein Urteil auch über wissenschaftliche Fragen zu bilden. Dieses Urteil fällt denn durchweg sehr zu Gunsten der t'opernikanischen Lehre und der neuen Ideen überhaupt aus. — Die Gespräche fiuden au vier verschiedenen Tagen in dem Palaste Sagredos zu Venedig statt. Am ersten Tage war über diejenige Frage verhandelt worden, in welcher die Gegner des Kopernikus vielleicht am wenigsten nachzugeben geneigt waren, die Frage nämlich, ob man die Erde als einen Stern betrachten dürfe, d. h. ob ihre Substanz mit der der Himmelskörper vergleichbar sei, oder ob eine unüberbrückbare Kluft zwischen der „elementaren" irdischen Sphäre uud den „ätherischen" Himmelssphären bestehe. Daran knüpft das erste der nachstehend mitgeteilten Stücke an; beide sind den Gesprächen des zweiten Tages entnommen.!) Diese Fiktion wird freilich von Galilei nicht konsequent festgehalten. -) Der historische Sagredo hatte übrigens sehr beachtenswerte wissenschaftliche Kenntnisse und durste sich selbstständiger Leistungen aus dem Gebiete der Physik rühmen.