Programm
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- Volume
- 1891
- Date
- 1891-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 — meist ohne weiteres Galilei zugeschrieben, man stützt sich dabei unter anderem auf die unten mitgeteilten Erörterungen. Man wird indessen weder in diesen, noch an einer anderen Stelle des Dialogs über die Weltsysteme, noch auch in sonstigen Galileischen Schriften die obige Formulierung des Gesetzes oder eine gleichwertige finden, wiewohl der moderne Leser, dem dieses Grundprinzip der Mechanik geläufig ist, sich dem Eindrucke nicht entziehen kann, als sei dem Verfasser jene wichtige Thatsnche bekannt gewesen. Galilei ist allerdings bis vor die Schwelle der allgemeinen Erkenntnis der Beharrung gedrungen, er hat in schwerem Geistesringen den größten und schwierigsten Teil des zurückzulegenden Weges durchmessen, aber das Ziel selbst hat er in diesem Falle nicht erreicht. Der Kampf mit den Schwierigkeiten, die ihm gerade dieses fundamentale Problem bot, läßt sich von den frühesten Schriften, die wir von ihm besitzen, bis zu den Forschungen seines Greisenalters hinab verfolgen ^). In dem unten mitgeteilten Bruchstücke behauptet Galilei nur soviel: Ein Körper, der eine horizontale Anfangsgeschwindigkeit besitzt, beharrt in dieser horizontalen Bewegung; dabei ist uuter horizontaler Bewegung eine Kreisbewegung um den Erdmittelpunkt verstanden. Man ersieht daraus, daß dieses Galileische Beharrungsgesetz weder allgemein ist, da es sich nicht auf beliebig gerichtete Anfangsbewegungen bezieht; noch auch strenge richtig ist, da es die Beharrung in der Kreislinie, nicht die geradlinige Beharrung behauptet. Gerade der Umstand, daß Galilei sein Gesetz in erster Linie zur Stützung der Lehre von der Erdbewegung verwenden wollte, erschwerte ihm die volle Erkenntnis. Bei Bewegungen innerhalb eines kleinen Bereichs ist freilich jene Kreislinie annähernd identisch mit einer Geraden; daher sind die Galileischen Ergebnisse sowohl an dieser Stelle wie in anderen Schriften, in welchen er oft geradezu an Stelle der Kreislinie die Gerade setzt, aber ntcht ohne sich wegen dieser vermeintlichen Ungenauigkeit zu entschuldigen, meist dennoch richtig Welch große That aber diese partielle Erkenntnis war, beweist — wenn es des Beweises dafür bedarf — das Staunen, mit welchem die Zeitgenossen die diesbezüglichen Stellen des Dialogs entgegennahmen. Zur Orientierung sei noch folgendes betreffs der Entstehungsgeschichte des Dialogs bemerkt^). Seit dem Jahre 1597, wenn nicht schon früher, hatte Galilei Aufzeichnuugen über die Frage der Weltsysteme gemacht; die ersten Anfänge der endgültigen Redaktion aber, wie sie uns jetzt nach zahlreichen Umarbeitungen in Gesprächsform vorliegt, datieren wohl nicht weiter zurück als bis zum Jahre 1624. Das Manuskript war 1630 vollendet; nach langwierigen Verhandlungen über die Druckerlaubnis erschien endlich das Buch 1632 bei dem florentinischen Verleger Landini; es war mit einem doppelten Imprimatur für Rom sowohl wie für Florenz versehen. Um den von Galilei in der Streitsrage der Weltsysteme eingenommenen Standpunkt zu verstehen, ist erforderlich zu wissen, daß im Jahre 1616 die Index-Kongregation, jene Behörde, deren Aufgabe es war, kirchlich anstößige Bücher zu verbieten, bezw. zu verbessern, ihr berüchtigtes Dekret erlassen hatte, durch welches alle Bücher untersagt wurden, die die thatsächliche Richtigkeit der kopernikanischen Lehre von der Erdbewegung behaupteten. Die hypothetische Behandlung war hingegen gestattet worden; man durste also die scheinbaren Planetenbeweguugen aus Grund der kopernikanischen Annahmen berechnen, durste aber diese 1) Näheres darüber in der vortrefflichen Studie von Wohlwill, die Entdeckung des Beharrungsgesetzes (Weimar 1884). Vergl. auch Einleitung und Anmerkungen zu obengenannter Übersetzung. -) Meines Erachtens ist das Galileische Gesetz, namentlich wenn man die unten gegebene Begründung desselben in Betracht zieht, eher als ein Specialsall desjenigen Gesetzes zu betrachten, wonach ein materieller Punkt, der gezwungen ist, aus einer Fläche gleichen Potentials sich zu bewegen, eine geodätische Linie mit gleichförmiger Geschwindigkeit beschreibt, wosern keine andere als die Potentialkräfte aus ihn einwirken. 2) Aussührlicheres wird man in der Einleitung zu der vollständigen Übersetzung finden.