Programm
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- Volume
- 1888
- Date
- 1888-01-01
- Page
- Seite XXXII (sequence 31)
- Language
- German
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XXXII gleich sie in denselben tapfer mitgefochten und auch sonst sür die Befreiung des Vaterlandes thätig mitgewirkt hatten, in den ehemals zum Rheinbunde gehörigen deutschen Bundesstaaten wieder verkümmert worden; jeder Einzelne hatte die Schmach der Zurücksetzung zu tragen. Einst, daheim in dem Pädagogium zu Emmendingen, hatte Auerbach mit seinem älteren Bruder auf einer besonderen Bank, der „Judenbank" sitzen müssen; in Mannheim hörte er die „Hepp-Hepp"-Rufe, in Karlsruhe erlebte er (Ende 1830) jene Pöbelaufstände, bei denen in den Häusern der Juden die Fenster eingeschlagen wurden; es war also dafür gesorgt, daß er als heranreifender Jüngling den Emanzipationsbestrebungen der Juden ein lebhaftes Interesse entgegenbrachte. In diesen Bestrebungen war aber, im Zusammenhange mit dem infolge der Julirevolution neu erwachten politischen Leben in Deutschland, ein Wendepunkt eingetreten. Bis dahin hatte man die Gleichberechtigung aus dem Wege der Petition erstrebt, sie war von Einzelnen an die Bedingungen innerer Reformen und Zugeständnisse geknüpft worden. Jetzt aber trat Gabriel Riesserauf und stellte sie vom Standpunkte der Sittlichkeit und des Rechtes als eine unabweisbare Forderung des Rechtsstaates hin. „Nichts von Rechtfertigungen und Zugeständnissen", rief Riesser aus, „das Menschenrecht kann uns die Niedrigkeit mißgönnen, kann die Gewalt uns vorenthalten: aber an Menschenwürde, an männlichem Bewußtsein, an einer ungetrübten menschlichen Bildung sollen sie uns kein Haarbreit rauben." „Die kräftigen Klänge deutscher Sprache, die Gesänge deutscher Dichter haben in unserer Brust das heilige Feuer der Freiheit entzündet und genährt. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehören, wir werden ihm aller Orten angehören. Es kann und darf und mag von uns Alles fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig werden wir Alles opfern — nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht: denn Deutschlands Helden und Deutschlands Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird'/") Der sittliche Ernst und die patriotische Begeisterung, mit der Niesser in edler, hinreißender Beredsamkeit für das unverkümmerte Recht seiner Glaubensgenossen eintrat, wirkte nicht blos siegreich nach außen, sondern hob und stärkte auch das Ehrgefühl, den Mut, das Rechtsbewußtsein und die Vaterlandsliebe seiner Glaubensgenossen, insbesondere der geistig ausstrebenden Jugend. „Unser Bestreben nach Beseitigung der bürgerlichen Rechtsbeschränkungen," sagte Jakob Auerbach, „war unzertrennlich von der wärmsten Vaterlandsliebe und der hingebenden Arbeit an der Verbesserung der inneren Zustände unserer Glaubensgenossen. Die politischen Fragen waren sür die deutschen Juden zugleich Fragen der Humanität, und sie erhofften in der Neugestaltung des staatlichen Lebens vor Allem den Sieg des freien Menschentums".^ So lag in allem, was von früh an auf den Knaben und Jüngling einwirkte, in den Eindrücken, die er in der Heimat und Fremde empfing, in den Studien, denen er unter den mannigfachsten Entbehrungen hingegeben war — hatte er doch in Emmendingen nicht die Mittel, sich die lateinischen Schulbücher zu kaufen! —, in dem anregenden Verkehr mit gleichstrebenden Freunden, endlich auch in den allgemeinen Verhältnissen seiner Glaubensgenossen ein mächtiger Antrieb zu idealem Streben. Er hatte in Karlsruhe bereits die Räbvinatsprüfung bestanden, besaß einen Schatz jüdisch-theologischer Kenntnisse, hatte aus den religionsphilosophischen Schriften des Maimonides und Juda Halevi eine Vorliebe für philosophische Studien geschöpft, hatte manche Werke unserer klassischen Dichter, insbesondere von!) G. Riesser. Über die Stellung der Bekenner des Mosaischen Glaubens in Deutschland 1831. Gesammelte Schriften II, 183. Vergl. Jsler, Riessers Leben S. 74 ff. 2) Aus einer Vorarbeit Jakob Auerbachs zu den „Vorbemerkungen" der von ihm herausgegebenen Briefe B. Auerbachs.