Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1886
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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xm habe ich keine Gemeinschaft! Es giebt Andere, die alles, was ihnen als Misbrauch erscheint, was sie unschön und störend finden, mit stürmischem, rücksichtslosem Eifer zu beseitigen trachten. Mendelssohn that weder das Eine, noch das Andere. Er fing bei sich selbst an, erhob sich in ernstem Arbeiten und Ringen zu dem, was er war, und wirkte vor allem durch sein Beispiel. Er war ein lebendiges Mitglied der Gemeinde, sonderte sich nicht von ihr ab, weil das nach jüdischem Gesetz verboten ist, stellte vielmehr überall, wo es erforderlich war, seine Kräfte in ihren Dienst. Beim Beginn seiner Wirksamkeit in Berlin versuchte er eine Einwirkung auf seine Glaubensgenossen durch eine in hebräischer Sprache geschriebene Zeitschrift. Als ihm die eigenen Kinder heranwuchsen und ihm für diese die damals in jüdischen Kreisen gangbaren Bibelübersetzungen ganz ungeeignet erscheinen mußten, übersetzte er für sie den Pentateuch ins Deutsche. Bald ergab sich ihm, daß er seinen Glaubensgenossen einen guten Dienst erweisen könnte, wenn er diese Übersetzung ihnen zugänglich machte. Er ließ sie drucken: den Urtext, daneben in hebräischen Lettern die deutsche Übersetzung, das Ganze mit einer hebräisch abgefaßten lehrreichen Einleitung versehen. Auch die Psalmen übersetzte er so. Schüler und Jünger Mendelssohns ließen später die übrigen Bücher der heiligen Schrift mit deutscher Übersetzung und hebräischen Erläuterungen in derselben Weise erscheinen. Die Mendelssohnsche Pentateuchüoersetzung war sehr folgenreich für unsere Glaubensgenossen. Aus ihr lernten unsere Väter die reine deutsche Sprache, sie vermittelte im vorigen Jahrhundert und am Anfang dieses Jahrhunderts unseren Glaubensgenossen das Verständnis deutscher Bücher, den Eintritt in den Bildungsgang des deutschen Volkes. Dieser Schritt führte weiter. Man faßte bald überhaupt die Verbesserung des Unterrichts der jüdischen Jugend ins Auge. Auf Anregung und unter Mitwirkung Moses Mendelssohns wurde 1778 die jüdische Freischule in Berlin gegründet, die erste wohlgeordnete, nicht ausschließlich religiösen Zwecken dienende jüdische Schule Deutschlands. Dem in Berlin gegebenen Beispiele folgte man in anderen jüdischen Gemeinden. Auch hier in Frankfurt wurde schon 1794 der Versuch zur Gründung einer ähnlichen Anstalt gemacht, der aber erst zehn Jahre später mit der Gründung des Philanthropins gelang. So verdankt auch unsere Schule, welche in achtzehn Jahren ihr hundertjähriges Jubiläum feiern wird, der Einwirkung Moses Mendelssohns ihren Ursprung. Erheben wir uns zum Schluß zu einer Überschau des Ganzen, blicken wir auf die Bewegung der Geister, die Mendelssohns Erscheinen und Wirken unter seinen Glaubensgenossen hervorgerufen hat, so müssen wir sagen: es ist damals wie ein Frühling über uns gekommen. Nach langem, langem Winterschlaf sind die Geister erwacht und haben sich zu gemeinsamer Arbeit erhoben. Wie die Stürme, die den Wald durchtoben, Blätter und Zweige und auch manchen Stamm umwerfen und verwehen, aber doch auch die Luft reinigen und kräftigen und das Wachstum fördern, so ist dann auch uns geschehen. In den krüftigenLuftzug der allgemeinen Bewegung der Geister hineingestellt, sind wir gesundet und erstarkt. Die rüstige Kraft strebt nach menschenwürdiger Betätigung. Alles vollzieht sich nach großen, ewigen Gesetzen: das Besondere tritt in den Dienst des Allgemeinen und wird von diesem zu reicherem Leben gekräftigt. So haben die Juden an den allgemeinen geistigen Aufgaben der Zeit sich beteiligt, und die Errungenschaften der Wissenschaft sind dann wiederum dem Judentum zu gute gekommen. In keiner vorangegangenen Epoche ist dem jüdischen Schristentum ein so eindringliches, fruchtbares Studium zugewandt worden wie in unserem Jahrhundert. Mit dem Rüstzeug der philologischen und historischen Kritik ist die gesamte jüdische Litteratur der vergangenen Zeiten durchforscht und uns nahe gebracht worden, uud die Wissenschaft befruchtet und erhöht das Leben. Unser Heil liegt in der Treue, in dem Festhalten des Besonderen, des Guten, das uns eigen ist.