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Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main · 1886-01-01 · 1886 · page 9

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X in seiner Teilnahme an den geistigen Kämpfen und Aufgaben seiner Zeit, es ermöglichte ihm erst, nach allen Richtungen hin so zu wirken, wie er gewirkt hat. Und wie es der glückliche Zusammenhang aller dieser Verhältnisse bewirkte, daß er in der Philosophie gleich in seiner ersten Schrift für die Deutschen gegen den Franzosen, für Leibnitz gegen Voltaire Stellung nahm, so förderte die Richtung der deutschen Litteratur seiner Zeit die ihm angeborene Liebe zur deutschen Muttersprache. Es muß freilich in der unergründlichen Tiefe seiner Naturanlage eine Empfänglichkeit gewesen sein, die jedes Samenkorn zu raschem Gedeihen und Entfalten förderte; denn wunderbar rasch ward der Adept zum Meister, der Schüler zum Lehrer. Noch Leibnitz klagte über die Untauglichkeit der deutschen Sprache znr Behandlung philosophischer Fragen. Mendelssohn bewies durch seine Schriften, daß dem nicht so sei; er fesselte seine Leser durch die Klarheit und Anmut seiner Darstellung. Kant schreibt von Mendelssohns Schriften: „Wenn sich die Muse der Philosophie eine Sprache erkiesen wollte, so würde sie die Sprache Mendelssohns erkiesen." Gerade durch seine Schriften drangen die Ideen der Aufklärung in die weiten Kreise der Gebildeten, und er hatte ein Recht in seinen „Morgenstunden" es auszusprechen: „Nur unsere Muttersprache scheint diese Art von Ausbildung zu haben, daß sich die Sprache der Vernunft in derselben mit der lebendigen Darstellung verbinden läßt." Gleich in seiner ersten Schrift erhebt er seinen Tadel gegen die Gallomanie. „Werden denn," so ruft er aus, „die Deutschen niemals ihren eigenen Wert erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?" Ist es aber möglich, so gan; im tiefsten Innern, nach seiner innersten Natur, mit ganzem Herzen und ganzer Seele ein Deutscher zu sein und dabei doch ein Jude? Kann man im Kreise derer stehn, von denen Lehre der Weisheit, Mahnung zu allem Guten, Anleitung zu allem Hohen und Edlen ausgeht, zu welchen die Besten im Volke aufblicken, um bei ihnen Belehrung, Rath und Trost zu suchen, kann man in diesen modernen Zeiten ein Lehrer in vollem und bestem Sinne des Wortes, ein Lehrer nicht bloß semer Glaubensgenossen, sondern ein Lehrer des deutschen Volkes, ein Lehrer der Menschheit und dabei doch aus voller Überzeugung ein Jude sein? Diese Frage wurde von den großen Zeitgenossen Mendelssohns gar nicht erst gestellt, weder Lessing noch Kant noch auch Herder haben sie aufgeworfen, aber sie beschäftigte und beunruhigte doch manche Gemüter, und deren Wortführer wurde Johann Caspar Lavater. Dieser, welcher auf seinen Reisen Mendelssohn in Berlin kennen gelernt hatte, übersetzte die Schrift eines Genfer Professors Bonnet „Untersuchung der Beweise für das Christentum" aus dem Französischen und ließ derselben eine Zuschrift an Mendelssohn Vordrucken, in welcher er ihn auf die allerfeierlichste Weise beschwor, „diese Schrift zu widerlegen, wofern er die wesentlichen Argumentationen, womit die Thatsachen des Christentums unterstützt sind, nicht richtig finde; sofern er aber dieselben richtig finde, zu thun, was Klugheit, Wahrheitsliebe und Redlichkeit ihn thun heißen — was ein Sokrates gethan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte", d. i. die Religion seiner Väter zu verlassen und sich zu derjenigen zu bekennen, die Herr Vonnet vertheidiget. Mendelssohn war durch diesen Schritt auf das Schmerzlichste verletzt. Er war Religionsstreitigkeiten durchaus abgeneigt. „Die verächtliche Meinung, die man von einem Juden hat", so schrieb er, „wünschte ich durch Tugend und nicht durch Streitschriften widerlegen zu können. Meine Religion, meine Philosophie und mein Stand im bürgerlichen Leben geben mir die wichtigsten Gründe an die Hand, alle Religionsstreitigkeiten zu vermeiden und in öffentlichen Schriften nur von den Wahrheiten zu sprechen, die allen Religionen gleich wichtig sein muffen." Wir aber müssen Lavater danken. Er lenkte Mendelssohns schriftstellerische Thätigkeit auf ein

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