Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Journal
- Einladungsschrift zu der am ... stattfindenden öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main
- Volume
- 1886
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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IX Stellung seiner Glaubensgenossen. Dieses alles konnte er durch die angeborene und anerzogene Energie überwinden und ertragen. Man muß aber vor allem doch auch die Gunst der Umstände in's Auge fassen, die ihn emporhob und förderte. Hier ist besonders zweierlei hervorzuheben: erstens, es war für Moses Mendelssohn ein unermeßliches Glück, daß er in den Jahren der größten Empfänglichkeit und Bildungsfähigkeit in das Berlin Friedrichs des Großen, d. h. in die Epoche der Aufklärung und in den wichtigsten Mittelpunkt derselben eintrat, und daß er, — und dieses gerade ist sehr wesentlich und fördernd für ihn geworden — als Jude in diese Bewegung Fintrat; zweitens, daß, als er deutsch lesen lernte und alsbald auch mit der zeitgenössischen deutschen Litteratur bekannt wurde, dieses in jener Epoche geschah, in welcher die deutschen Dichter und Schriftsteller, ihrem eigenen Genius folgend, sich von fremdländischen, zumal von französischen Einflüssen losrissen, und daß er früh mit dem Manne bekannt wurde, der nach beiden Richtungen eine alles überwältigende, große, schöpferische, bahnbrechende Wirksamkeit entfaltete, mit G. E. Lessing, und daß er sein Leben lang mit ihm in innigster Freundschaft verbunden blieb. Es war im Jahre 1743, also kurz nach dem ersten schleichen Kriege, daß Moses Mendelssohn in Berlin eintrat. Die maßgebenden Männer jener Zeit huldigten, wie der große König selbst, den Ideen der Aufklärung. Die philosophischen Anschauungen des großen Leibnitz und Christian Wolfs's beherrschten die Zeit, jenes Philosophen Wolff, dessen Name vielen von Euch aus der preußischen Geschichte bekannt ist; es ist derselbe, den König Friedrich Wilhelm I. wegen der gerechten Bedenken, die seine Lehren in streng kirchlichen Kreisen erregten, seines Amtes als Professor in Halle entsetzt und aus den königlichen Landen ausgewiesen, den aber sein Sohn, der große König, welcher ein Anhänger seiner Lehre war, bald nach seinem Regierungsantritt mit allen Ehren wieder in sein Amt eingesetzt hat. Wie einst Maimonides in seinen jüdisch-religiösen Anschauungen kein Hindernis fand, sich der aristotelischen Philosophie anzuschließen, so hatten Mendelssohns streng jüdischer Standpunkt ihn in keiner Weise gehindert, ein Anhänger der Leibnitz-Wolff'schen Philosophie zu werden. Es war ihm das leichter als den zeitgenössischen christlichen Theologen und Philosophen. Sehr bezeichnend ist in dieser Beziehung, was Herder ihm schreibt: „Sie stehen freilich ungemein freier und reiner als ich in meinem Stande, wo ich so viel tragen und schonen muß, um nicht größere und wesentlichere Pflichten des Lebens zu verderben." Und der Philosoph Mendelssohn hatte ein sehr deutliches Bewußtsein dessen, was er dem Judentum verdankte: mitten in den Kämpfen, die ihm durch Lavaters Bekehrungseifer auferlegt waren, ruft er einmal in einem Briefe an einen Freund, dem er sein Herz ausschüttet, aus: „Gelobt sei Gott, der uns die Lehre der Wahrheit gegeben hat! Wir haben keine Glaubenssätze, die gegen die Vernunft oder über dieselbe seien. Wir thun nichts mehr zu der natürlichen Religion hinzu als Gebote, Satzungen und gerade Vorschriften, aber die Grund- und Glaubenssätze unserer Religion beruhen auf dem Fundamente des Verstandes, sie stimmen mit der Forschung nach jeder Seite hin, ohne jeden Widerspruch und Widerstreit überein. Und das ist der Vorzug unserer Religion, der wahren und göttlichen, vor allen übrigen Glaubensbekenntnissen." Auch die praktischen Ziele der Wolff'schen Philosophie mußten gerade ihm naturgemäß, notwendig und erstrebenswert erscheinen. Denn war die Freiheit in religiöser und in staatsbürgerlicher Hinsicht das praktische Ziel der Aufklärungsperiode, so war der Jude Mendelssohn, dem eben der Mangel an Freiheit in beiden Richtungen am empfindlichsten war, der natürliche Bundesgenosse der Ausklärer; verkündigten sie Duldung, waren sie Apostel der Humanität, so war der, der durch die Unduldsamkeit zu leiden hatte, dem die Rechte des Menschen verkümmert waren, ihr natürlicher Verbündeter; aber nicht blos dadurch, fondern weil Menschenliebe, Barmherzigkeit und Ausübung des Guten ihm durch seine Religion, durch die Lehre des Judentums geboten waren. So hinderte das Judentum ihn nicht, nein, es förderte ihn